Politik

Bevölkerungskonferenz der UN "Ein-Kind-Politik hatte schreckliche Folgen"

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In drei Jahrzehnten könnten rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben.

(Foto: picture alliance / Daniel Dal Ze)

Die Weltbevölkerung wächst rasant: Derzeit leben 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt, bis 2050 werden es laut einer UN-Prognose fast zehn Milliarden sein - mit massiven Folgen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Auf der UN-Weltbevölkerungskonferenz in Nairobi suchen Vertreter aus 165 Ländern deshalb nach Lösungen - 25 Jahre nach einer Konferenz in Kairo, wo sich die Teilnehmer auf ein Aktionsprogramm zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums geeinigt hatten. Was heute noch getan werden muss und welche Rolle Deutschland dabei einnimmt, erklärt Maria Flachsbarth, Staatssekretärin im Entwicklungsministerium, im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Warum ist die UN-Konferenz in Nairobi für die globale Bevölkerungspolitik so wichtig?

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Maria Flachsbarth: "Wir müssen vor allen Dingen bei den Frauen und Mädchen anfangen."

Maria Flachsbarth: Die UN schätzen, dass sich bis 2050 die Bevölkerung Afrikas verdoppeln wird. Das Gleiche gilt für Kenia - in knapp 30 Jahren werden hier anstatt 50 Millionen voraussichtlich 100 Millionen Menschen leben. Dieser Anstieg an Menschen lässt uns zweifeln, ob die Ziele, die wir in Kairo auf den Weg gebracht haben, wirklich erreichbar sind. Das immense Bevölkerungswachstum droht, die bislang erzielten Erfolge in der Gesundheitsversorgung und Bildung wieder aufzuheben. Deshalb ist die Arbeit in diesen Bereichen ein ganz zentraler Punkt unserer Arbeit.

Wie lässt sich das explosionsartige Wachstum der Weltbevölkerung erfolgreich bekämpfen?

Wir glauben, dass Frauen und Mädchen der Schlüssel zu einer erfolgreichen Entwicklung sind. Sie sind schließlich potenzielle Mütter. Frauen und Mädchen werden in ihren Rechten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und entscheiden zu können wann, wo und wie viele Kinder sie zur Welt bringen wollen, immer noch im hohen Maße missachtet - auch 25 Jahre nach der Kairoer Konferenz, die zum ersten Mal genau das in den Mittelpunkt gestellt hat. Dort wurde beschlossen, dass wir uns jeden einzelnen Menschen und insbesondere jede einzelne Frau und ihre persönlichen Rechte anschauen. Leider ist das nach wie vor weit von der Realität entfernt. Deshalb ist es dringend erforderlich, dass wir uns noch mehr den individuellen Rechten von Mädchen und Frauen zuwenden, um die richtigen Knöpfe zu drücken.

Was bedeutet das genau?

China hat zum Beispiel eine andere Politik versucht - die Ein-Kind-Politik. Das hatte schreckliche Folgen für die Familien, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Heute gibt es einen riesigen Männerüberschuss in China, da Familien unbedingt einen Jungen zur Welt bringen wollten und weiblichen Föten abgetrieben haben. Das alles wollen wir nicht. Wir glauben, dass die Lösung in der Bildung von Mädchen liegt. In zweierlei Hinsicht: Zum einen muss natürlich die schulische Bildung gefördert werden. Zum anderen müssen sich junge Mädchen über ihren eigenen Körper bewusst werden, damit sie wissen, was eigentlich passiert, wenn sie mit einem Jungen zusammen sind. Für uns in Deutschland oder Europa scheint es fast unvorstellbar, aber vielen Frauen auf der Welt - gerade in ländlichen Regionen Afrikas und Asiens - sind die Folgen von sexuellen Handlungen und Möglichkeiten der Verhütung schlicht nicht bewusst. Sie müssen erst lernen, welche Vorteile die Einnahme von Verhütungsmitteln hat.

Selbst wenn Frauen die Möglichkeiten der Verhütung kennen, gibt es doch in vielen, vor allem religiös geprägten Gemeinden große Vorbehalte gegen diese Art von Familienplanung. Müsste sich somit nicht auch die Einstellung der Gemeinden ändern?

Sicherlich muss das in beide Richtungen gedacht werden. Aber wir müssen vor allen Dingen bei den Frauen und Mädchen anfangen. Sie müssen so selbstbewusst gemacht werden, dass sie nicht nur Zugang zu Verhütungsmitteln haben, sondern sich auch trauen, sie zu benutzen. Damit sie selbstbewusst entscheiden können, wie viele Kinder genug sind. Zudem müssen sie so viel Bildung haben, dass sie im schlimmsten Fall nicht abhängig von ihren Männern leben können.

Um diese Ziele zu erreichen, braucht der UN-Bevölkerungsfonds nach eigenen Angaben 264 Milliarden Dollar. Bislang ist davon nur ein Sechstel zusammengekommen. Dänemark ist mit rund 200 Millionen Dollar einer der größten Geldgeber. Wie viel investiert Deutschland?

Deutschland beteiligt sich durch Zahlungen in verschiedene Töpfe. Bislang hatten wir einen Kernbeitrag von 22 Millionen für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und haben diesen jetzt auf 33 Millionen Dollar erhöht. Darüber hinaus erhöhen wir unseren Beitrag bei der International Planned Parenthood Federation, dem größten privaten Förderer von Familienplanungsprogrammen, von 6 auf 12 Millionen. Allerdings haben wir noch andere große finanzielle Engagements, zum Beispiel unsere BMZ-Initiative zur selbstbestimmten Familienplanung und Müttergesundheit, die wir seit 2011 mit jährlich bis zu 100 Millionen Euro aufgesetzt haben und bis 2023 fortführen wollen. In diesem Bereich haben wir bislang 850 Millionen Euro investiert.

Glauben Sie, dass die Ziele bis 2030 erreicht werden können? Schließlich fehlen den UN mehr als 220 Milliarden Dollar.

Wir arbeiten daran. Was bleibt uns auch anderes übrig? Wir wissen, dass wir in bestimmten Bereichen, wie der Gleichberechtigung von Frau und Mann oder der sexuellen Gesundheit zurück hinken. Wir müssen das Ganze beschleunigen und den Worten endlich Taten folgen lassen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.

Gibt es auch Erfolge?

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Maria Flachsbarth ist Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium.

(Foto: picture alliance / dpa)

Beispielsweise waren die Ausführungen des Präsidenten von Kenia, Uhuru Kenyatta, auf der Eröffnungsveranstaltung der Konferenz durchaus ermutigend. Er sicherte Mädchen und Frauen Bildung, Zugang zu Verhütungsmitteln und Abschaffung von Genitalverstümmelung zu. Das sind alles Punkte, die durchaus Mut gemacht haben. Es gibt andere Stimmen, die weniger Mut machen. Aber wir sollten für die Ziele, die wir als richtig erkannt haben, einstehen.

Zudem können wir bereits jetzt die Erfolge unserer Politik beobachten. Die Zahl der Todesfälle von Müttern in Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt ist zwischen 1990 und 2015 um gut 44 Prozent gesunken. Darüber hinaus ist die Anzahl der Nutzerinnen moderner Familienplanungsmethoden in den 69 ärmsten Ländern seit 2012 um 46 Millionen gestiegen. In Malawi zum Beispiel hat sich die Bevölkerung seit den 1960er Jahren von 4 auf 19 Millionen fast verfünffacht - ein Drittel der Frauen ist bereits als Teenager schwanger. Doch die Regierung arbeitet engagiert an der Problematik, es gibt nun das Verbot von Kinderehen, eine kostenlose Mutter-Kind-Versorgung, die Kirchen sind eng eingebunden: Die Geburtenrate ging in den letzten fünf Jahren von 5,7 auf 4,4 Kinder pro Frau zurück.

Woran liegt das?

Das liegt insbesondere daran, dass die Zahl der Nutzerinnen von modernen Methoden der Familienplanung sich von nur 13 Prozent 1992 auf fast 60 Prozent im Jahr 2016 vervielfacht hat. Dazu hat auch das BMZ beigetragen, mit Investitionen in den malawischen Bildungssektor und fast 85 Millionen Euro für die Förderung von sexueller und reproduktiver Gesundheit. Das zeigt: Wenn Schwangerschaft und Geburt begleitet werden und die Kindersterblichkeit sinkt, sinkt auch die Geburtenrate.

Warum sollte Deutschland weiterhin in Entwicklung investieren?

Alles was wir an Entwicklungszusammenarbeit machen, ist eine Frage der Humanität. Afrika ist der Kontinent in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Wir wissen, dass sie Bevölkerung von 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden bis 2050 wachsen wird. Somit können wir nicht einfach auf unserem Nachbarkontinent sitzen, dem Ganzen ungerührt zuschauen und sagen, das ist eine Sache der Afrikaner, sie müssen jetzt sehen, wie sie damit klarkommen. Ich bin selber Mutter von zwei Kindern. Was wir Eltern ihnen gegeben haben, sind Liebe und eine gute Bildung. Und warum soll nicht auch jeder junge Mensch, der in Nairobi, Tunis oder Kapstadt geboren wird, dieselben Chance haben. Deshalb glaube ich, dass wir im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit, worauf wir uns verpflichtet haben mit der Agenda 2030, Verantwortung für unsere Nachbarn übernehmen müssen. Es geht um Solidarität.

Mit Maria Flachsbarth sprach Hedviga Nyarsik, Nairobi

Quelle: n-tv.de