Politik
Mittwoch, 24. Februar 2010

KZ-Kollegen: Ex-Wachmann erkennt Demjanjuk

Demjanjuk wird vorgeworfen, beim Mord an 27.900 Menschen geholfen zu haben.
Demjanjuk wird vorgeworfen, beim Mord an 27.900 Menschen geholfen zu haben.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Zeuge hat vor dem Landgericht München II den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk auf alten Fotos erkannt. Demjanjuk sei Wachmann im Konzentrationslager Flossenbürg gewesen, sagte der 93 Jahre alte Alex N., der selbst in dem KZ als Hilfswilliger eingesetzt war. "Er hat dasselbe gemacht wie ich. Wir waren Wachmänner." Er habe Demjanjuk später auch im Fernsehen gesehen. "Ich war mir bewusst, dass es sich um den Mann handelt."

In Flossenbürg habe er mit Demjanjuk in derselben Baracke gewohnt, berichtete der Zeuge. Er habe aber weder damals noch später mit ihm über dessen frühere Tätigkeiten gesprochen. "Wir hatten keine Zeit für solche Gespräche. Jeder hat geschaut, ob er was zu essen kriegt." Die Wachmänner seien zwar für ihre Arbeit, zu der sie von den Nazis gezwungen wurden, bezahlt worden, hätten aber Hunger gelitten. "Zu essen gab es Pferde, die gestorben sind." Er habe mitgefangene Kameraden aus der Roten Armee an Hunger sterben sehen. "Wer aus Hunger umgefallen ist, wurde erschossen."

"Er war schlanker"

Allerdings konnte er den heute 89-jährigen Demjanjuk, der die Verhandlung wie stets im Liegen verfolgte, bei einer Gegenüberstellung nicht identifizieren. "Ich kann ihn nicht erkennen", sagte der Zeuge, nachdem Demjanjuk auf Bitten des Gerichts die Sonnenbrille abgenommen hatte, mit der er sich vor dem Deckenlicht im Gerichtssaal schützt. "Er war schlanker damals", und nach einem weiteren Blick: Es gebe "keine Ähnlichkeit". Damit bleibt unklar, ob der Angeklagte der mutmaßliche NS-Verbrecher ist.

Über den Einsatz in Sobibor konnte der Zeuge nichts sagen.
Über den Einsatz in Sobibor konnte der Zeuge nichts sagen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Alex N. war im SS-Lager Trawniki zum Wachmann ausgebildet worden, wie es auch von Demjanjuk angenommen wird. Er ist der erste Wachmann im Zeugenstand. Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor hatten Demjanjuk nicht wiedererkannt. Nach Flossenbürg waren Demjanjuk und Alex N. nach dessen Aussage in Heuberg bei der Wlassow-Armee, in der Russen mit den Deutschen kämpften. Nach dem Krieg hätten beide in einer Unterkunft in Landshut gelebt. Über einen möglichen Einsatz Demjanjuks in Sobibor konnte der Zeuge nichts sagen.

Auf die Frage, ob Demjanjuk ihm erzählt habe, dass er auch im Lager Trawniki gewesen sei, antwortete N.: "Wer wird das schon erzählen, wenn er einen Menschen getötet hat?" Aus seiner eigenen Zeit in Trawniki, wo die Nazis Kriegsgefangene zu Wachmännern ausbildeten, sei ihm Demjanjuk nicht bekannt. "Ob er Juden getötet hat, habe ich nicht gewusst", sagte der in der Ukraine geborene N. Er selbst habe von Sobibor nie gehört. "Ich war da nicht, ich weiß das nicht."

Verschiedene Interpretationen

Demjanjuks Anwalts Ulrich Busch wertete die Aussage als entlastend für seinen Mandanten. Der Zeuge habe ihn nicht wiedererkannt. Der Nebenkläger-Vertreter Cornelius Nestler sagte hingegen, damit sei erwiesen, dass Demjanjuk Wachmann gewesen sei - was dieser bisher bestritten habe. Hauptbeweismittel der Anklage ist ein SS- Dienstausweis, demzufolge Demjanjuk am 26.3.1943 nach Sobibor und am 1.10.1943 ins KZ Flossenbürg verlegt worden sein soll.

Der Dienstausweis von Iwan "John" Demjanjuk, den er als "Wachmann" 1942 bekommen hat. Ein Eintrag lautet: "27.3.43 Sobibor".
Der Dienstausweis von Iwan "John" Demjanjuk, den er als "Wachmann" 1942 bekommen hat. Ein Eintrag lautet: "27.3.43 Sobibor".(Foto: dpa)

Die Verteidigung hat bisher offengelassen, ob der 89-Jährige überhaupt KZ-Wachmann und im Lager Sobibor eingesetzt gewesen sei. Als Kriegsgefangener habe Demjanjuk den Nazis dienen müssen, um sein Leben zu retten, argumentieren die Anwälte. Die Staatsanwaltschaft will die Tätigkeit des Angeklagten als Wachmann mit Hilfe seines alten Dienstausweises belegen, der im April dem Gericht vorgelegt werden soll. Die Verteidigung bezweifelt die Echtheit des Dokuments. N. sagte, als die Amerikaner gekommen seien, hätten die Wachmänner aus Angst ihre Dienstausweise auf der Flucht loswerden wollen. "Einige haben ihn verbrannt und einige einfach weggeworfen."

Bilderserie

Die Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk vor, 1943 als KZ-Wachmann im Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zum Mord an fast 28.000 Menschen geleistet zu haben. Er soll Kinder, Frauen und Männer in die Gaskammern getrieben haben. Auch gegen Alex N. laufen Vorermittlungen. Die Ermittler prüfen, ob er im Vernichtungslager Treblinka eingesetzt war und dort bei der Ermordung von Juden geholfen hat.

 

Quelle: n-tv.de

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