Politik

Angriffe werden zunehmend persönlich Guttenberg "für immer am Pranger"

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Im Internet wird unter dem Motto "Guttenberg zurücktreten" zur Demonstration aufgerufen.

(Foto: dapd)

Die Wissenschaftler im "Bildungsstandort Deutschland" sind wütend über Verteidigungsminister Guttenberg, der mit seiner Plagiatsaffäre einen Schatten auf jegliche forschende Tätigkeit wirft. Der Nachfolger seines Doktorvaters nennt ihn deshalb offen einen "Betrüger". Demonstranten hängen in Berlin Schuhe an den Zaun des Verteidigungsministeriums und protestieren gegen den Verbleib des "Fußnoten-Ministers" im Amt.

Aus der Politik werden die Angriffe jetzt auch persönlich, aus der Wissenschaft wächst der Druck: Zehn Tage nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe steht Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) weiter im Kreuzfeuer der Kritik. Die SPD legte Guttenberg erneut den Rücktritt nahe. Aus der Union kommt Unterstützung - aber auch Zweifel. Auch die bisher stabilen Zustimmungswerte in den Umfragen für den beliebtesten deutschen Politiker schmelzen laut Forsa-Chef Manfred Güllner langsam.

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Guttenberg könnte derzeit als Jurist nicht arbeiten, weil er das zweite Staatsexamen nicht gemacht hat.

(Foto: AP)

Guttenberg wurde von der Universität Bayreuth sein Doktortitel in Jura aberkannt, weil er im großen Umfang falsch zitiert hat. Auf bis zu 270 Seiten sollen fremde Quellen nicht als solche oder nur unzureichend gekennzeichnet worden sein. Guttenberg hatte die Plagiatsvorwürfe zunächst als "abstrus" bezeichnet und nach immer neuen Vorwürfen schließlich "gravierende Fehler" eingeräumt und von "Blödsinn" gesprochen. Er bestreitet aber eine vorsätzliche Täuschungsabsicht, sondern er habe bei der "Vielzahl der Quellen etwas den Überblick" verloren. Die Universität Bayreuth prüft derzeit, ob Gutteneberg mit Vorsatz handelte. Das kann bis zu zwei Wochen dauern.

Einen von der Opposition vehement geforderten Rücktritt lehnt Guttenberg ab. In einem offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigen sich zahlreiche Doktoranden empört darüber, dass Merkel gesagt hatte, sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt. Sie sprachen von Verhöhnung ehrlicher Doktoranden und sammeln Unterschriften im Internet.

Denn er weiß nicht, was er tut?

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Der Ex-Doktor bietet eine Steilvorlage für den Höhepunkt der fünften Jahreszeit.

(Foto: dpa)

Immer mehr Forscher verurteilen das Kopieren fremder Texte ohne Hinweis in Guttenbergs Doktorarbeit. Dabei gehen einige von Vorsatz aus. Der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle, Oliver Lepsius, legte mit scharfer Kritik nach. "Der Minister leidet unter Realitätsverlust", sagte der Bayreuther Juraprofessor der "Süddeutschen Zeitung". "Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat." Guttenberg habe "planmäßig und systematisch" wissenschaftliche Quellen zum Plagiat zusammengetragen und behaupte nicht zu wissen, was er tue: "Hier liegt die politische Dimension des Skandals."

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, warnte vor einer Verharmlosung. "Wissenschaftler teilen ihre Ideen und Erkenntnisse, sie führen sie gemeinsam weiter, aber sie entwenden sie nicht", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel". Der frühere DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker sieht Guttenberg wissenschaftlich "für immer am Pranger", wie er dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" sagte.

Der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Jörg Hacker, warf Guttenberg eine schlechte Vorbildrolle vor. "Wissenschaftliche Standards sind ernst zu nehmen und müssen schon früh in jeder wissenschaftlichen Laufbahn - unabhängig von der Fachdisziplin - garantiert werden", sagte der Biologe.

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Bitte keine Unruhe vor der Landtagswahl: Merkel und Mappus halten an Guttenberg fest.

(Foto: dpa)

Mehrere Juristen gehen davon aus, dass Guttenberg mit Vorsatz gehandelt hat. "Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war", sagte der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend dem "Spiegel". Der auf Streitfälle bei Examensarbeiten spezialisierte Rechtsanwalt Michael Hofferbert erklärte: "Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan."

Schaden für die internationale Reputation

Auch aus dem Ausland kommt Kritik. Der Moskauer Politologe Wladislaw Below glaubt, dass die Affäre dem Ruf Deutschlands als Wissenschaftsstandort einen "riesigen Schaden" zugefügt hat. "Wenn Guttenberg zurücktreten würde, könnte er damit einen echten Beitrag zur Rettung der deutschen politischen Kultur leisten", sagte der Deutschland-Experte.

"Weder für legitim noch ehrenhaft"

SPD-Chef Sigmar Gabriel legte Guttenberg erneut einen Rücktritt nahe. "Würde er zurücktreten, könnte er in einigen Jahren seine Karriere fortsetzen. So bleibt er für immer beschädigt", sagte er der "Bild am Sonntag". Gabriel warf dem 39-jährigen Minister auch vor, "zum Risiko für die Bundeswehr geworden zu sein". Eine sachliche Zusammenarbeit mit ihm etwa bei der Bundeswehrreform oder beim Afghanistan-Einsatz werde "sicher sehr, sehr schwer". Linksfraktionsvize Dietmar Bartsch sagte: "Guttenbergs Verteidigungsstrategie bricht zusammen."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) hat angesichts zunehmender Vorwürfe Zweifel am politischen Überleben Guttenbergs. "Ich weiß nicht, wie lange er das erträgt und aushalten kann", sagte er dem "Tagesspiegel"."Ich halte das Verhalten des Doktoranden zu Guttenberg weder für legitim noch für ehrenhaft."

"Noch eine lange, große Laufbahn"

Rückhalt bekam der Verteidigungsminister von Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU). "Er ist ein ausgezeichneter Verteidigungsminister", sagte er der "Welt am Sonntag". Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte dem Magazin "Focus", Guttenberg habe "noch eine lange, große Laufbahn" vor sich".

Schuhe für den "Fußnoten-Minister"

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Sichtbares Zeichen des Protests am Zaun des Verteidigungsministeriums in Berlin.

(Foto: dapd)

Aus Protest gegen den Verbleib Guttenbergs im Amt hängten in Berlin mehrere hundert Demonstranten Schuhe an den Zaun des Verteidigungsministeriums. Im Internet hatten sie zu der Aktion unter dem Motto "Wir zeigen dem Lügenbaron den Schuh" aufgerufen - eine Anspielung auf die fehlenden Fußnoten in der Doktorarbeit und zugleich im Islam ein Symbol der Schmähung.

In den Umfragen wird Guttenberg dennoch bislang weiter als beliebtester Politiker geführt, eine klare Mehrheit ist gegen seinen Rücktritt. Forsa-Chef Güllner sagte im Deutschlandradio, Guttenberg habe ein so großes Sympathiepolster, dass es erst langsam schmilzt. "Das ist so, wie wenn ein Tier sich für die Winterpause ein Fettpolster anfrisst, dann zehrt es ja auch eine Weile von diesem Vorrat." Inzwischen gebe es aber schon "deutliche Sympathie-Dellen, und ich denke, dass dieses Sympathiepolster schon langsam, aber eben erst langsam abschmelzen wird".

Quelle: ntv.de, hdr/dpa/AFP