Politik

16-Jähriger festgenommen Hacker rufen zum Cyber-Krieg

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Tausende wollen Wikileaks im Kampf gegen seine Gegner unterstützen.

(Foto: dpa)

"Die Schlacht ist noch nicht vorbei": Wikileaks-Aktivisten erklären allen Gegnern der Enthüllungsplattform den "Daten-Krieg" und wollen nach Mastercard und Visa weitere Seiten lahmlegen. "Der erste ernstzunehmende Krieg um Informationen ist entbrannt", sagt ein Beobachter. Derweil nehmen die niederländischen Behörden einen 16-Jährigen fest.

Internet-Aktivisten rufen zum "Daten-Krieg" gegen Gegner der Enthüllungsplattform Wikileaks auf. "Die Schlacht ist noch nicht vorbei", sagte ein Sprecher der Hacker-Gruppe "Anonymous" (Anonym) dem britischen Sender BBC. Die Gruppe hatte unter anderem die Internetseiten der Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa lahmgelegt, weil die Unternehmen alle Zahlungen an Wikileaks eingestellt hatten. Nun kündigte die "Anonymous"-Bewegung neue Attacken an, unter anderem gegen den Internetbezahldienst Paypal, der Zahlungen an Wikileaks gesperrt hatte.

"Wir wollen das Internet offen und frei für alle halten, so wie es immer war", sagte ein Sprecher der Hacker-Gruppe, der sich lediglich unter dem Pseudonym "Coldblood" (kaltblütig) zu erkennen gab. "Das ist ein Daten-Krieg", fügte er hinzu. Tausende Nutzer würden sich an sogenannten Botnetzen beteiligen, bei denen die geballte Rechenkraft von tausenden Computern für Angriffe auf Internetseiten genutzt werden kann. "In unseren Augen ist Wikileaks längst nicht mehr nur eine Enthüllungsplattform für Dokumente, sondern ein Schlachtfeld, wo die Bevölkerung gegen die Regierung kämpft", zitiert BBC den Hacker. Die "Anonymous"-Bewegung wolle die Unternehmen aber nicht zerstören, sondern einen Weckruf senden.

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Die Kreditkartenunternehmen hatten die Zahlungen an Wikileaks gestoppt.

(Foto: REUTERS)

In der Niederlanden wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein 16-Jähriger festgenommen. Er habe zugegeben, sich an den Angriffen auf die Seiten von Visa und Mastercard beteiligt zu haben, hieß es in einer Erklärung. Der Jugendliche sei "wahrscheinlich Teil einer größeren Hacker-Gruppe, nach der noch gesucht wird".

DDoS-Attacken

Die Attacken der Bewegung funktionieren nach folgendem Muster: Alle Computer von Nutzern, die sich an den Angriffen beteiligen wollen, werden zu einem gigantischen Netzwerk zusammengeschlossen, dem sogenannten Botnet. Mit Hilfe dieser Armee von Computern werden dann Seiten wie die von Visa oder Mastercard mit sogenannten denial-of-service-Angriffen (DDoS) torpediert: Massenhafte Anfragen bombardieren die Internetseiten und legen so die Server lahm, die mit den vielen Abrufen überfordert sind. Diese DDoS-Attacken sind in den meisten Ländern illegal.

Wikileaks selbst war Ziel ähnlicher Angriffe auf seine Website, nachdem es US-Diplomatendepeschen ins Netz gestellt hatte. Während Wikileaks die USA hinter den Angriffen sieht, gehen einige Experten davon aus, das andere dahinter stecken.

Twitter im Visier

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Druck wirkt: Paypal gibt das Geld nun weiter.

(Foto: AP)

"Wir haben mit etwa 50 Nutzern angefangen", erklärte die Hacker-Gruppe. Mittlerweile zähle "Anonymous" bereits rund 4000 Unterstützer. Diese würden überall via Internet in aller Welt "rekrutiert", unter anderem in Foren, im sozialen Netzwerk Facebook und über den Kurznachrichtendienst Twitter. Mittlerweile wurden die Benutzerkonten der Hacker-Gruppe unter dem Namen "Operation Payback" ("Operation Rache") bei Facebook und Twitter allerdings gelöscht. Twitter begründete den Schritt damit, dass ein zuletzt veröffentlichter Link von "Anonymous" Kreditkarteninformationen preisgegeben haben soll. Inzwischen haben die Hacker bereits einen neuen Account kreiert und rufen zu einem Angriff auf Amazon.com auf. Der schlug aber fehl, weshalb die Angriffe offenbar auf Paypal umgeleitet wurden.

Der Kurznachrichtendienst Twitter spielt im Konflikt um Wikileaks eine zentrale Rolle. "Hier laufen alle Fäden der Debatte zusammen", sagt der Münchener Social-Media-Experte Thomas Pfeiffer. Die Internet-Plattform hatte die Wikileaks-Unterstützer aber bereits vor der Sperrung des "Anonymous"-Accounts verärgert. Schon überlegen einige, ob nicht nur Mastercard und Visa, sondern auch Twitter attackiert werden sollte. Der Ärger begann schon bald nach Veröffentlichung der ersten Wikileaks-Enthüllungen am 28. November. Alle Welt twitterte darüber - aber in den vielbeachteten "Twitter Trends" des Anbieters tauchte das Thema nicht auf. "Das ist alles in allem sehr suspekt. Entweder der Algorithmus tut nicht das, was er soll - oder jemand hat nachgeholfen", sagte Pfeiffer.

"Schlachtfeld ist Wikileaks"

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Auch Sarah Palins Seite wurde angegriffen.

(Foto: AP)

Durch die Angriffe des Hacker-Netzwerkes waren die Internetseiten von Mastercard und Visa lahmgelegt worden. Visa.com war seit Mittwochabend 22.00 Uhr (MEZ) nicht mehr aufrufbar. Über Twitter hatte "Anonymous" das Startsignal für den Cyber-Angriff gegeben. Mastercard und Visa hatten nach der Veröffentlichung von geheimen US-Diplomatendepeschen auf Wikileaks Kreditkartenzahlungen an die Website eingestellt, das sich über Spenden finanziert. Angeblich sind nicht nur die Internetseiten der Kreditkartenunternehmen betroffen. Auch bei Zahlungen im Internet soll es zu Problemen kommen, berichtete BBC. Die Firmen bestätigen demnach vereinzelte Probleme. Die Sicherheit von Kundendaten sei aber nicht gefährdet.

Abgesehen vom finanziellen Schaden wirken derartige Attacken auch rufschädigend: Mastercard wird im Netz derzeit mit einer Verunglimpfung seines Werbeslogans verspottet: "Redefreiheit: kann man nicht kaufen, für alles andere gibt es Mastercard".

"Der erste ernstzunehmende Krieg um Informationen ist entbrannt", twitterte der frühere Grateful-Dead-Songtexter John Perry Barlow. "Das Schlachtfeld ist Wikileaks. Ihr seid die Soldaten!". Barlow ist Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation, einer nichtstaatlichen Organisation, die sich mit Bürgerrechten im Cyberspace beschäftigt. Einige militantere Mitglieder der Internet-Community nahmen ihn beim Wort. Die Gruppe "Anonymous" setzte das Zitat ganz oben auf die Website "Operation Rache für Assange".

Paypal zahlt wieder

Weitere Ziele von Cyber-Attacken waren bislang auch die Schweizer Postbank Postfinance, die das Konto von Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange gesperrt hatte, sowie das Bezahlsystem Paypal. Der Online-Zahlungsdienst hat nach massiven Protesten der Wikileaks-Anhänger beschlossen, eingefrorene Spenden an die Enthüllungsplattform auszuzahlen.

Paypal-Justiziar John Muller erklärte im Firmenblog: "Wir verstehen, dass die Entscheidung von Paypal zum Gegenstand einer größeren Geschichte geworden ist, bei der es rund um die Aktivitäten von Wikileaks auch um politische und juristische Debatten und um die Meinungsfreiheit geht." Das Spendenkonto sei allein wegen der Verletzung der Geschäftsbedingungen gesperrt worden. Grundlage sei ein Brief des US-Außenministeriums an Wikileaks, wonach das Internet-Projekt im Besitz von Dokumenten sein könnte, die unter Verletzung von US-Gesetzen beschafft worden seien.

Der in Schweden ansässige Online-Zahlungsdienst Flattr teilte unterdessen mit, dass er weiter Spenden an Wikileaks überweisen werde. Solange es kein Gericht gebe, das die Aktivitäten von Wikileaks für illegal erkläre, werde man die Spenden der Flattr-Nutzer weiterreichen, sagte Vorstandschef Linus Olsson. Mit Flattr können Internet-Nutzer auch kleine Beträge an Web-Projekte spenden.

Palins Seite gehackt

Angegriffen wurde nach der Verhaftung von Assange laut einem Pressebericht auch der Internet-Auftritt der schwedischen Regierung. Deren Website sei in der Nacht zum Donnerstag einige Stunden offline gewesen, berichtete die schwedische Zeitung "Aftonbladet". Attackiert wurde auch die Internet-Seite des schwedischen Anwalts im Strafverfahren gegen Assange, den die Hacker-Gruppe zum "Märtyrer der freien Meinungsäußerung" erklärte. Der 39-jährige Australier hatte sich am Dienstag in London gestellt und befindet sich seitdem in der britischen Hauptstadt in Haft. Ihm werden Sexualdelikte in Schweden zur Last gelegt. Über seine Auslieferung muss die britische Justiz entscheiden.

Auch Sarah Palin, die Galionsfigur der Ultrakonservativen in den USA, wurde zur Zielscheibe der Wikileaks-Unterstützer. Ihre Internetseite war vorübergehend blockiert. Dem Sender ABC News zufolge waren auch die Kreditkartenkonten von Palin und ihrem Mann betroffen. Palin hatte Assange unter anderem als "anti-amerikanischen Agenten" bezeichnet, "der Blut an den Händen hat". Auch die Webseite des US-Senators Joe Lieberman geriet ins Visier von Cyber-Angreifern. Er hatte an Unternehmen appelliert, ihre technische Unterstützung für Wikileaks einzustellen.

Wikileaks veröffentlicht seit gut einer Woche Depeschen von Botschaften und des US-Außenministeriums und hat damit die US-Diplomatie in eine peinliche Lage gebracht. Das US-Justizministerium ermittelt.

Quelle: ntv.de, tis/dpa/rts/AFP

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