Politik

Verschwendung von Lebensmitteln "Handel lässt sich nicht in die Tonne gucken"

Bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich in Deutschland im Müll. Die Schuld trägt aber nicht nur der Endverbraucher, sagt Frank Bowinkelmann von der Initiative Foodsharing im "ntv Frühstart".

Zu oft landen in Deutschland Lebensmittel nicht auf dem Teller, sondern in der Abfalltonne. Jeder Deutsche wirft pro Jahr Essen im Wert von rund 234 Euro weg. Doch auch die Akteure entlang der Wertschöpfungskette tragen eine enorme Verantwortung.

Der Vorsitzende der Initiative "Foodsharing", Frank Bowinkelmann, fordert von der Bundesregierung, deutlicher zu machen, dass auch Landwirtschaft, Transportgewerbe und Gastronomie in die Verantwortung genommen werden müssten. "Wir fordern, dass alle dazu verpflichtet werden, ihre Zahlen offenzulegen – sie müssen ja schließlich wissen, was sie wegwerfen. Nicht, um sie zu denunzieren, sondern damit Experten gucken können, was weggeworfen wird und wie man das verhindern kann", sagte Bowinkelmann im "Frühstart" von ntv.

Um wirklich einen Schritt in die richtige Richtung zu machen, bräuchte es entlang der gesamten Wertschöpfungskette deutlichere Regeln. "Man muss leider sagen, dass insbesondere der Einzelhandel sich weigert, sich in die Tonne gucken zu lassen. Da muss die Bundesregierung sich darauf verlassen, was die für Zahlen geben und wenn man in anderen Branchen guckt, wie der Autoindustrie, dann wissen wir, wie das ist, wenn man sich auf die Zahlen derjenigen verlässt", sagte Bowinkelmann. Selbstverpflichtung sei in diesem Zusammenhang nicht wirksam, das zeige auch der Blick in andere Länder, wie etwa nach Großbritannien, wo schon seit acht Jahren versucht werde, Lebensmittelverschwendung zu halbieren – ohne Erfolg. "Wenn das nicht verpflichtend ist, dann werden wir das niemals schaffen", so Bowinkelmann.

Deswegen hat der Vorsitzende von "Foodsharing" derzeit "ernste Zweifel", ob das Ziel der Bundesregierung, die Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu halbieren, überhaupt realistisch ist: "Davon sind wir weit entfernt, zumal wir noch nicht mal wissen, von was wir die Hälfte reduzieren wollen. Es gibt keine sichere Datenlage. Nur wir Endverbraucher sind ziemlich gut untersucht, da weiß man ungefähr, wie viel wir pro Jahr und pro Kopf wegwerfen."

Weiter forderte Bowinkelmann, dass es für die Initiativen und Vereine, die Lebensmittel retten und spenden, mehr Rechtssicherheit brauche. "Wir haben eine große Rechtsunsicherheit, wenn wir Lebensmittel retten und sie weitergeben. Das gilt auch für die Spenderbetriebe. Oft hat man das Gefühl: Aus formaljuristischen Gründen werden keine Lebensmittel gespendet, weil Supermärkte unsicher sind, ob sie jemals aus der Haftung rauskommen." Das müsse sich schnell ändern.

Nur 11 Prozent halten Verbot von "Containern" für richtig

Unterdessen ergab eine Umfrage im Auftrag von RTL, dass fast neun von zehn Menschen es für falsch halten, dass die Mitnahme von weggeworfenem Essen aus Supermarktcontainern in Deutschland als Diebstahl gilt und damit strafbar sein kann. In der von Forsa durchgeführten Umfrage sprachen sich 86 Prozent dagegen aus, dass das sogenannte Containern verboten ist. Elf Prozent halten das Verbot für richtig.

Demnach sprachen sich neun von zehn befragten Frauen dafür aus, während der Anteil bei den Männern bei 82 Prozent lag. In den Altersgruppen gab es nur sehr geringe Unterschiede. Forsa hatte am 2. und 3. September 1009 Menschen befragt. Die Fehlertoleranz wurde mit drei Prozentpunkten angegeben.

Im August hatte das Bundesverfassungsgericht die Strafbarkeit des Containerns für nicht grundgesetzwidrig befunden. Der Gesetzgeber dürfe das zivilrechtliche Eigentum grundsätzlich auch an wirtschaftlich wertlosen Sachen strafrechtlich schützen. Die Karlsruher Richter mahnten gleichzeitig eine politische Entscheidung an: Es sei grundsätzlich Sache des Gesetzgebers, den Bereich strafbaren Handelns verbindlich festzulegen.

Quelle: ntv.de, psa/AFP