Wirtschaft

Von der Tonne in den Onlineshop Lohnt sich Lebensmittelrettung als Geschäft?

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Das Startup Sirplus rettet Lebensmittel von Händlern und Produzenten und bietet sie online und in Rettermärkten in Berlin zum Kauf an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Altes Brot vom Bäcker oder braune Bananen daheim: In Deutschland landen jährlich 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll. Lebensmittelretter setzen sich schon lange gegen die Verschwendung ein. Mittlerweile machen Startups daraus ein Geschäft. Doch ist das auch profitabel?

Wer Lebensmittel vor der Tonne retten will, darf nicht in Supermarkt-Mülleimern danach wühlen. Containern zählt in Deutschland als Straftat, wie das Bundesverfassungsgericht im August bestätigt hat. Doch online geht es auch legal: Startups wie Sirplus und Too Good To Go verkaufen online und in "Rettermärkten" in Berlin günstig überschüssige Nahrungsmittel, die eigentlich im Abfall gelandet wären. Was früher von Ehrenamtlichen als "Sharing Economy" betrieben wurde, wo niemand daran verdiente, ist mittlerweile zu einem Geschäftsmodell mutiert. Die Idee klingt gut: Gutes tun und damit Geld verdienen. Doch lässt sich wirklich so einfach nachhaltig wirtschaften?

Noch immer hält sich die Annahme, dass abgelaufene Produkte nicht mehr genießbar seien. Als Folge werfen viele das Essen einfach weg. Das belegen auch die Zahlen: Jährlich landen 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll - und damit ein Drittel aller Nahrungsmittel in Deutschland. Das geht aus der aktuellsten Studie der Umweltorganisation WWF aus dem Jahr 2015 hervor. Allein in Privathaushalten wirft jeder Mensch durchschnittlich 85,2 Kilogramm Essen im Jahr weg. Oft ist der Grund das Verwechseln von Haltbarkeits- und Verbraucherdatum: Lebensmittel mit einem abgelaufenen Mindeshaltbarkeitsdatum sind in der Regel länger genießbar, als viele annehmen.

Das Berliner Startup Sirplus verkauft deshalb Produkte von rund 800 verschiedenen Lebensmittelfirmen, darunter Großhändler und Landwirte, die entweder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben oder wegen kleiner Makel aussortiert wurden. "Nahrungsmittel vor der Tonne zu retten braucht einen Image-Wechsel", sagt Gründer und Geschäftsführer Raphael Fellmer zu ntv.de. "Raus aus der Schmuddelecke zum stolzen Retter."

Corona beschert Startups Einbußen

Für die Waren auf ihrer Website zahlt Sirplus einen kleinen Abnehmerpreis im einstelligen Prozentbereich. Eine genaue Zahl nennt Fellmer nicht. Kunden zahlen dann für das Produkt zwischen 40 und 90 Prozent weniger als im herkömmlichen Supermarkt. Insgesamt konnte Sirplus so zusammen mit 120.000 Kunden seit 2017 mehr als zwei Millionen Kilogramm Lebensmittel retten. Kürzlich eröffnete das Unternehmen zudem seinen sechsten Rettermarkt. Die Kunden nehmen die Idee gut an, das Modell funktioniert. In diesem Jahr peilt Sirplus einen Umsatz von fast fünf Millionen Euro an. Gewinne erzielt das Unternehmen trotzdem noch keine.

Um das große Geld gehe es bei Sirplus gar nicht, wie Fellmer auch schon vor Jahren unter Beweis stellte, als er fünf Jahre ohne Geld lebte. Er investiere stattdessen in das Wachstum des Unternehmens und hat dafür große Pläne. Eigentlich wollte der Geschäftsführer aus den Rettermärkten ein Franchisekonzept mit 10.000 bis 20.000 Filialen aufbauen und bis 2024 in über fünf Ländern aktiv sein. Doch die Pläne müssen jetzt wegen der Corona-Pandemie, die den Märkten kräftige Einbußen bescherte, pausieren. "Die Menschen gehen lieber in einen großen Supermarkt, in dem sie alles bekommen, um Wege und Begegnungen zu sparen", sagt Fellmer. Dafür profitiert der Online-Shop. Seit März habe sich der Umsatz dort verdreifacht.

Auch das dänische Unternehmen Too Good To Go hat sich dem Lebensmittelretten verschrieben. In ihrer App können Kunden übrig gebliebene Reste von Bäckereien, Restaurants, Hotels und Supermarkt-Ketten für wenig Geld kaufen und abholen. Um die Organisation und Bezahlung kümmert sich alleine Too Good To Go, die rund 5000 Partner müssen lediglich ihre Ware anbieten. Die Mahlzeiten kosten in der Regel zwischen drei und fünf Euro. Davon bekommt Too Good To Go etwa einen Euro Provision, der Rest geht an die Anbieter, sagt Laure Berment, Geschäftsführerin in Deutschland, ntv.de. "Kostet eine Portion etwas mehr, etwa 15 Euro, beziehen wir 20 bis 30 Prozent Provision." Zusätzlich zahlen in der App gelistete Gastronomen eine jährliche Servicegebühr von 39 Euro.

Ohne Gewinne kein Wachstum

Aber auch Too Good To Go wirtschaftet nicht profitabel. Corona senkt die Umsatzerwartungen für dieses Jahr von sieben bis acht Millionen Euro auf vier bis fünf Millionen. Obwohl es sowohl Too Good To Go als auch Sirplus nicht um Profit geht, streben beide ein gewinnbringendes Unternehmen an. "Unser Ziel ist es, noch flächendeckender unser Angebot auszuweiten, sowohl innerhalb Deutschlands als auch international. Bis 2024 möchten wir international eine Milliarde Mahlzeiten vor der Tonne gerettet haben", sagt Berment. Geldgeber der seit 2016 in Deutschland aktiven Firma sind private Investoren. Sirplus finanziert ihre Rettermärkte über mehrere Crowdfunding-Kampagnen und Crowdinvestment.

Für beide Unternehmen ist ihr Wachstum essenziell. Doch um wachsen zu können und mehr Lebensmittel zu retten, müssen sie zwangsläufig profitabel werden, sagt Arbeitssoziologin Jasmin Schreyer von der Universität Stuttgart. "Erzielen die Firmen keine Gewinne, werden sie nicht bestehen können." Das sei aber gerade bei Firmen mit einem nachhaltigen Grundgedanken kontrovers. Denn der Gedanke des Lebensmittelrettens war ursprünglich kein unternehmerischer.

Angefangen hatte Lebensmittelrettung als "Sharing Economy". Überschüssige Lebensmittel wurden geteilt, ohne dass daran jemand verdiente. Allen voran die Tafeln. Die gemeinnützige Hilfsorganisation verteilt seit 1995 Lebensmittel von Supermärkten an Bedürftige. Ausschließlich ehrenamtliche Helfer unterstützen das Projekt. Auch privat organisieren sich Menschen beispielsweise über die Plattform foodsharing.org, die Fellmer 2014 mitgegründet hat. Dort können Essenskörbe aus dem eigenen Haushalt oder Reste vom Mittagessen mit anderen geteilt werden.

Lebensmittelrettung bald nur noch "nettes Beiwerk"?

Schreyer hat deshalb Bedenken, dass der ethische Grundgedanke bei einem wirtschaftlich handelnden Unternehmen schnell in den Hintergrund gerät. Denn obwohl das Retten von Lebensmitteln für Sirplus und Too Good To Go rhetorisch an erster Stelle steht, sei es irgendwann "nur noch ein nettes Beiwerk". Der Punkt ist laut Schreyer bereits überschritten: "Es geht um konkrete Umsatzzahlen und auch Arbeitsplätze. Sobald Personalverantwortung da ist, kann man das nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen."

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Die Idee an sich ist trotzdem gut, sagt Schreyer, schließlich wirken Firmen wie Sirplus und Too Good To Go Lebensmittelverschwendung aktiv entgegen. "Gleichzeitig ist es in unserem System aber so, dass sie sich zumeist sukzessive von der Ausgangsidee verabschieden, da sie weiter existieren wollen", sagt Schreyer. Das sei auch nicht immer einfach für die Menschen, die in dem Unternehmen arbeiten, weil sie häufig aus idealistischen Gründen dort angefangen haben. "Es ist nie einfach, seine Ideale über Bord zu werfen."

Immerhin: Einen Konkurrenzkampf wie unter anderen Firmen gibt es bei den unterschiedlichen Lebensmittelretter-Unternehmen offenbar nicht. Im Gegenteil: "Wir spielen uns gegenseitig den Ball zu", sagt Berment von Too Good To Go. "Wir setzen alle an unterschiedlichen Punkten in der Kette der Lebensmittelverschwendung an und nehmen einander deshalb nichts weg." Die Tafel habe zudem immer Vorrang und arbeite mit ihnen zusammen. "Wir haben letztendlich alle das gleiche Ziel: Lebensmittel vor der Tonne zu retten."

Quelle: ntv.de