Politik

Rätselraten um Lyman-Rückzug Hört Putin noch auf seine Berater?

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Kreml-Chef Wladirmir Putin muss zunehmend schmerzhafte Rückschläge für seine Armee hinnehmen.

(Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

In der Ukraine läuft für Kreml-Chef Putin nicht viel nach Plan. Experten sehen Hinweise dafür, dass Russlands Präsident den Krieg nun zur Chefsache erklärt haben könnte. Mindestens zwei hochumstrittene Entscheidungen soll Putin allein oder sogar gegen die Einwände von Beratern getroffen haben.

Nach dem Rückzug der russischen Armee aus der strategisch wichtigen Stadt Lyman im Osten der Ukraine wächst bei russischen Milbloggern, Experten und Politikern in Moskau das Unverständnis. Vor allem die Frage, warum die Militärführung es versäumt hat, die russischen Truppen in der Stadt rechtzeitig zu verstärken, wird heiß diskutiert. Eine mögliche Erklärung dafür liefert das US-Thinktank Institute for the Study of War: Demnach könnte die Entscheidung zur Aufgabe von Lyman vom russischen Präsidenten Wladimir Putin allein getroffen worden sein, weil ihm die Verstärkung der russischen Stellungen in Cherson und Saporischschja wichtiger erschien.

"Die Entscheidung, die gefährdeten Frontlinien von Kupjansk oder Lyman nicht zu verstärken, war mit ziemlicher Sicherheit Putins Entscheidung, nicht die des Militärkommandos", schreiben die ISW-Experten. Der Kreml-Chef habe die "Verteidigung des Gebiets Luhansk zugunsten des Haltens besetzter Gebiete in der Südukraine depriorisiert." Auch an der Frontlinie zwischen Charkiw und Isjum hatte die russische Armee zuletzt schwere Verluste hinnehmen müssen.

Unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven hatte Russlands Verteidigungsministerium Mitte September mehr als ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn den Abzug eigener Truppen aus der Region Charkiw bekannt gegeben. Offiziell begründet wurde der Rückzug mit einer strategischen "Umgruppierung" der Einheiten. Auch der Verkehrsknotenpunkt Isjum war am 10. September durch ukrainische Truppen befreit worden. Laut ISW gibt es seither Berichte, wonach Putin den Kommandeuren vor Ort selbst die Befehle erteilt - womöglich in dem Glauben, dass die Militärführung nicht kompetent genug ist.

Gefangenenaustausch gegen FSB-Rat

Dazu passt, dass der Präsident zehn Tage nach dem Zusammenbruch der Charkiw-Isjum-Front seinen Vize-Verteidigungsminister Dmitri Bulgakow entließ. Sein Nachfolger soll Generaloberst Michail Misinzew sein, der für die schweren Angriffe auf die südukrainische Hafenstadt Mariupol im Mai verantwortlich gemacht und deshalb auch "Schlächter von Mariupol" genannt wird. Dies war noch vor der Teilmobilmachung als Zeichen für eine mögliche weitere Eskalationsbereitschaft des Kreml gewertet worden.

Wie die "Washington Post" unter Berufung auf ukrainische und US-amerikanische Quellen berichtet, hat sich Putin auch bei dem umstrittenen Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine Ende September gegen die Einwände seines obersten Sicherheitsdienstes, des FSB, durchgesetzt. Er hatte den Kreml-Chef vor der öffentlichen Gegenreaktion für die Aktion gewarnt. Bei dem Austausch waren für 215 Ukrainer - darunter 108 Soldaten vom Asowschen Regiment - nur 55 Russen freigelassen worden.

Kadyrow: "Bin extrem unglücklich"

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Auch der Putin-Vertraute Viktor Medwedtschuk, der in der Ukraine wegen Hochverrats angeklagt werden sollte, durfte ausreisen. Ihm wird eine jahrzehntelange Freundschaft zu Putin nachgesagt. "Der FSB war absolut dagegen", zitiert das Blatt einen hochrangigen ukrainischen Beamten. "Sie erkannten die Konsequenzen, wie der Deal für die Öffentlichkeit aussehen würde." Und tatsächlich wurde der Austausch auch von prominenter Stelle kritisiert. Der tschetschenische Machthaber Ramsam Kadyrow hatte auf Telegram geschrieben, er sei "extrem unglücklich über die Nachricht".

Wenn taktische oder militärische Entscheidungen getroffen worden seien, habe man diese bisher immer mit "uns, den aktiv an der militärischen Spezialoperation Teilhabenden, abgesprochen. Aber jetzt ... ", so Kadyrow damals. Er schränkte allerdings auch ein, dass jene an der Spitze des Verteidigungsministeriums und des FSB die Dinge wesentlich klarer sähen, und es bei dem Prinzip bleibe: "Wir leisten allen Befehlen des Oberbefehlshabers Folge."

Quelle: ntv.de, jug

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