Politik
Die alte Textilfabrik von Clinton ist verfallen, die Jobs sind weg.
Die alte Textilfabrik von Clinton ist verfallen, die Jobs sind weg.(Foto: Roland Peters)
Freitag, 14. September 2018

Aufschwung, aber ohne Clinton: "Ich weiß nicht, wo Trumps Jobs sein sollen"

Von Roland Peters, Clinton

Vor 17 Jahren stellte in Clinton die letzte Textilfabrik ihren Betrieb ein. Noch immer kämpft die Kleinstadt in South Carolina mit den Folgen eines Strukturwandels. Das Umland profitiert von Investitionen deutscher Unternehmen.

Efeu schlingt sich um das Drehkreuz von Tor 5. Gespenstisch liegt der weitläufige Hof der Clinton Mill in der heißen Mittagssonne. Davor duckt sich hechelnd ein Hund unter einen Auflieger des Anhängerfriedhofs. Die Rufe seines Besitzers helfen nicht, das Tier rührt sich nicht vom Fleck. Also bleibt der einsame Spaziergänger einen Moment stehen, blinzelt in Richtung der verfallenen Gebäude und erinnert sich laut an die dreißig Jahre, in denen er in dieser Fabrik an der Webmaschine arbeitete. In einem Gebäude, das heute fast nur noch ein Skelett ist.

Tor Nummer 5 der alten Textilfabrik von Clinton.
Tor Nummer 5 der alten Textilfabrik von Clinton.(Foto: Roland Peters)

"Ich habe zu Beginn 96 Dollar die Woche verdient, das war richtig gutes Geld", sagt der 64-jährige Will mit einem leichten Lächeln. Die Fabrik hier habe zudem eigene Geldmünzen, sogenannte Loonies, ausgegeben, mit denen die Angestellten im firmeneigenen Geschäft auf dem Gelände einkaufen konnten. Die Clinton Mill schloss bereits 2001. "Das Kino dahinten kostete 32 Cent, das Popcorn ein paar mehr, und die Getränke waren gratis." Und heute? Eigentlich wäre Will der typische Trump-Wähler. "Ich weiß nicht, wo Donald Trumps Jobs sein sollen. Hier jedenfalls nicht." Auf seinem Nasenrücken laufen Schweißperlen hinab. "Es sind schlimme Zeiten", sagt er und geht weiter.

Clinton hat rund 8000 Einwohner, so wie früher, als die meisten in den vier Textilfabriken des Ortes arbeiteten. Eine davon war die Clinton Mill, deren Gelände heute problemlos Schauplatz eines Endzeitfilms sein könnte: Fast alle Maschendrahttore stehen offen, die Lkw-Anhänger an den Verladerampen ebenso. Auf dem Hof stapeln sich Müllsäcke, dazwischen wächst Unkraut. Manchmal knackt es in dunklen Eingängen. Doch das knirschende Geräusch, das die Schuhsohlen auf dem Sand machen, erschreckt nur Vögel.

Es gibt noch Textilfirmen - aber nicht mehr viele

Laurens County, der Landkreis, in dem Clinton liegt, ist eine Region wie viele andere im Süden der Vereinigten Staaten. Bei den Präsidentschaftswahlen 2016 gewann Trump in diesem Stimmbezirk sowie im gesamten Bundesstaat South Carolina deutlich. Früher wurde hier vor allem Baumwolle angebaut. Ende des 19. Jahrhunderts öffneten die Stofffabriken und boten gutbezahlte Jobs. Ab den 1970er Jahren wurde das Geschäft schwieriger, in den 1990er Jahren kamen mit dem Freihandelsabkommen Nafta die Konkurrenten aus Mexiko, dazu die Billighersteller aus Asien. Fast alle ansässigen Produzenten in Laurens County schlossen ihre Betriebe. Heute arbeiten in der gesamten US-Textilindustrie 550.000 Menschen, gibt der Branchenverband NCTO an. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sollen es allein in den Fabriken etwa 1,3 Millionen gewesen sein.

Die Krisen überlebt hat die Milliken Company, die in Clinton aber nur ein Lager hat. Ihre Fertigungsstätten an anderen Orten produzieren Kleidung fürs Militär oder Bodenbeläge. In der Firmenzentrale, vierzig Meilen nördlich von Clinton nahe Spartanburg, arbeitete fast 30 Jahre lang Mary Kay. Als erste Managerin unter Männern, wie sie stolz betont. "Ich musste mich eben durchsetzen", sagt die heute 75-Jährige, dunkelblaue Bluse, Absatzschuhe und Perlenkette. Ebenso wie das Unternehmen im konstanten Wandel der Branche.

"Die reinen Stoffhersteller, die waren gegen die billige Konkurrenz aus dem Orient nicht konkurrenzfähig", sagt sie über den Niedergang der Industrie in den 90er Jahren. Doch Milliken habe sich spezialisiert und angepasst. Auch die Finanzkrise 2008/2009 überstand die Firma. "Wir waren ja noch im Krieg, das hat uns geholfen", erinnert sich Mary Kay an die Zeit, als sie im Begriff war, in Rente zu gehen. Eine weitere Herausforderung war, das Personal zu halten. "Erfahrung ist nicht zu ersetzen. Unsere große Herausforderung war, die Angestellten zu überzeugen, dass sie noch eine Zukunft in der Industrie hatten."

Der größte Arbeitgeber in Laurens County kommt vom Bodensee

Jonathan Coleman ist Chef der Laurens County Development Corporation.
Jonathan Coleman ist Chef der Laurens County Development Corporation.(Foto: Roland Peters)

In Clinton ist diese Zukunft allerdings nicht angekommen. Was die Zahlen angeht, ist die Kleinstadt eine Insel. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, aber das Einkommensniveau mit 30.000 Dollar auch; ein Viertel unter dem von Laurens County und fast die Hälfte unter dem Landesschnitt. Und der Abstand wächst. Es ist ein deutlicher Fingerzeig darauf, was der wirtschaftliche Wandel weg von der Textilindustrie mit vielen Arbeitern hier gemacht hat. Sie nehmen jeden Job, egal, wie er bezahlt ist. Fast ein Drittel der Einwohner von Clinton gelten als arm. Der Anteil ist doppelt so hoch wie in South Carolina insgesamt.

Jonathan Coleman von der Wirtschaftsinitiative von Laurens County relativiert die Situation. Die Schließungen der alten Fabriken sei schon lange her, die Region im Aufwind. "Unsere Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr, und was das Durchschnittseinkommen angeht, warten wir doch einfach mal die neuen Statistiken ab." Textilherstellung gebe es kaum noch, sagt er, ebenso wenig ungelernte Arbeiterjobs wie früher, als jemand Jahrzehnte an der Webmaschine stehen konnte. Wohl aber gibt es eine produzierende Industrie.

"Der Schlüssel ist die Ausbildung"

Wichtig für die Region ist inzwischen die Automobilindustrie. Der mit Abstand größte Arbeitgeber in Laurens County kommt aus Deutschland. Der Getriebehersteller ZF aus Friedrichshafen am Bodensee eröffnete 2013 hier ein Werk, bildet nach deutschem Modell aus und beschäftigt inzwischen fast 3000 Personen. Bis 2017 hat das Unternehmen 600 Millionen US-Dollar in den Standort investiert. Im benachbarten County Spartanburg steht die Fabrik von BMW, in der fast 10.000 gelernte Arbeiter tätig sind. Direkt vom College in den Job, das bringe eben kaum noch etwas, sagt Coleman. "Der Schlüssel ist die bessere Ausbildung."

Virginia Vans ist in Clinton geboren, aufgewachsen und geblieben.
Virginia Vans ist in Clinton geboren, aufgewachsen und geblieben.(Foto: Roland Peters)

Hinter dem Fabrikgelände der Clinton Mill lockt der Schatten an diesem Sonntag die halbe Nachbarschaft an. Die Menschen sitzen auf abgewetzten Stühlen vor einem blauen Haus in der North Bell Street und blicken auf die Martha Dendy Middle School. Zu dem, was davon übrig ist. Die Schule wird schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Asbest. Die Fenster des Backsteingebäudes sind eingeworfen oder fehlen ganz, rostende Container und verrottende Holzstämme zieren den ehemaligen Parkplatz vor der verschlossenen Eingangstür. Ein Pastor im Ort will die Schule zum Begegnungszentrum umbauen, aber davon ist noch nichts zu sehen. Alle paar Minuten rauscht ein Auto vorbei. Die meisten Fahrer grüßen in Richtung Veranda. Man kennt sich.

Virginia Vans fuchtelt mit ihrer Zigarette in Richtung des schattenlosen Basketballfelds der Schule. "Es ist viel zu heiß, sie könnten ja wenigstens einen Brunnen für die Kinder dorthin bauen." Mit ihren Augen sucht sie die Zustimmung der anderen, wie die 56-Jährige sind sie alle hier in Clinton geboren und aufgewachsen - und trotz der wirtschaftlichen Probleme geblieben. Vans Stimmlage geht nach oben, wenn sie etwas kritisiert, und irgendwann bleibt sie im höheren Register. "Das Schwimmbecken haben sie einfach mit Dreck zugekippt!" Deshalb hingen die Kinder und Jugendlichen auf der Straße herum. "Sie schlagen sich, nehmen Drogen, alles, was sie nicht machen sollen." Sie selbst seien nicht mehr so wichtig, das ist der Tenor der Gruppe. Aber die Bildung müsse besser werden. Dann bekämen wenigstens ihre Kinder und Enkel gute Jobs.

In der Clinton Mill gibt es die schon lange nicht mehr. Vor den Ruinen der verfallenen Fabrik hatte der 64-jährige Will auf die Frage, ob er Trump gewählt habe, geantwortet, er habe niemandem seine Stimme gegeben. Und bei den Kongresswahlen im November? "Kann schon sein."

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Quelle: n-tv.de