Auf eine Rose in Schwarzenberg"In der DDR waren die Dinge einfacher"

Ein stolzes Schloss, eine pittoreske Altstadt und keine Probleme mit Nazis: Schwarzenberg ist ein idyllischer Flecken - nur wohnen möchte hier niemand. Blumenhändlerin Marina hat Angst, eines Morgens in einer Geisterstadt aufzuwachen.
In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch Deutschland und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Schwarzenberg im Erzgebirge.
Die "Perle des Erzgebirges" hat ein Verkehrsproblem: Dicht an dicht schiebt sich eine Blechlawine über die Bundesstraße 101, die mitten durch Schwarzenberg führt. Von dem regen Betrieb hat das sächsische Städtchen trotz pittoresker Altstadt und stolzem Schloss allerdings nur wenig, die Autofahrer "wollen fast alle auf den Fidschi-Markt", sagt Marina.
Die Blumenhändlerin zuckt etwas ratlos mit den Schultern und deutet in Richtung der tschechischen Grenze: Während sich nur ein paar Kilometer weiter Horden von Schnäppchenjägern auf den Asiamärkten mit billigen Zigaretten und gefälschten Markenklamotten eindecken, herrscht in der historischen Altstadt von Schwarzenberg gespenstische Stille - und Marina hat viel Zeit für einen Plausch inmitten all der liebevoll arrangierten Blumengestecke, die niemand kauft.
"Sie kommen zur falschen Jahreszeit", sagt Marina dem Besucher. "Im Sommer ist hier doch nichts los, aber vor Weihnachten, da steppt in Schwarzenberg der Bär. Unser Weihnachtsmarkt ist ja deutschlandweit bekannt." Kein Wunder: Mit seinem über mehr als 700 Jahre weitestgehend ungestört gewachsenen Stadtkern ist Schwarzenberg die perfekte Bilderbuchkulisse für das Winterwunderland, das der Stadt zehn Tage im Jahr Leben einhaucht. Dass an den restlichen 355 Tagen nur der Wind durch die verwinkelten Gassen zieht, liegt vor allem daran, dass die Stadt trotz des griffigen Slogans mit der Perle tourismustechnisch im toten Winkel Deutschlands liegt: Was soll es hinter Zwickau und Chemnitz schon noch groß geben, außer Nazis?
Zurück bleiben die Alten
"Nazis? Dafür müssen sie schon nach Schneeberg fahren", sagt Marina und rollt entnervt mit den Augen. Die Nachbarstadt ist zwar nur ein paar Kilometer entfernt und landete in der Vergangenheit durch Naziaufmärsche und die rechte Bürgerinitiative "Schneeberg wehrt sich" in den Schlagzeilen, aber "Schneeberg ist Schneeberg und Schwarzenberg ist Schwarzenberg. Und hier bei uns, da ist es eben gemütlich", erklärt die Blumenhändlerin, pflückt sich die Sonnenbrille aus dem Haar und lächelt schüchtern. Probleme mit Flüchtlingen oder Angst vor Überfremdung? "Warum denn? Ich möchte, dass die Menschen friedlich zusammenleben, und zwar alle."
Marinas aufgeklärte Weltanschauung hilft der Blumenhändlerin freilich nur herzlich wenig bei ihrer größten Sorge: irgendwann ganz allein zu sein in ihrem Schwarzenberg. "Viele wandern ab, hier gibt es doch nur noch Rentner." Wie fast überall in Ostdeutschland - seit 1990 suchten mehr als 1,8 Millionen Menschen ihr neues Glück in den alten Bundesländern - hat auch die sächsische Kleinstadt ein demografisches Problem: Trotz diverser Eingemeindungen sank die Einwohnerzahl nach der Wende von mehr als 20.000 auf heute rund 17.500. Seit ein paar Jahren sind die absoluten Zahlen zwar stabil, aber die Jungen kehren dem Erzgebirge trotzdem weiterhin den Rücken. "Meine Tochter ist nach Berlin gegangen, so wie die meisten hier."
Die Aufbruchsstimmung ist verflogen
Zurück bleiben die Alten - und die kaufen nicht genug Blumen. "Für mich heißt die Frage konkret: Wie überlebt man hier im Einzelhandel? Ohne meinen Mann, der Fernfahrer ist, würden wir niemals genug verdienen", sagt Marina. 1990 eröffnete die Blumenhändlerin ihren Laden, voller Vorfreude auf ihr Leben in einem neuen Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Die Aufbruchsstimmung der Wendejahre ist schon lange verflogen, heute ist Zukunftsangst Marinas ständiger Begleiter.
An eine politische Lösung des Problems glaubt Marina schon lange nicht mehr: "Das Ruder kann so oder so keiner herumreißen, ganz egal, welche Farbe das Parteibuch hat." Keine Hoffnung also für Schwarzenberg? "Nicht in diesem Land und nicht heute. Ich weiß, früher war nicht alles besser, aber in der DDR waren die Dinge einfacher, auch wenn wir da andere Probleme hatten."
Wählen geht sie trotzdem, Politikverdrossenheit hin oder her: "Gemäßigt, das ist Bürgerpflicht. Wir sind hier ja nicht in Schneeberg, zum Glück." Die Blumenhändlerin lacht verschmitzt auf, lässt ihren Blick durch den Raum schweifen und sucht dann die richtigen Blumen für das nächste Gesteck heraus, das vermutlich niemand kaufen wird. Unten auf der Bundesstraße schiebt sich die Blechlawine weiter in Richtung Tschechien und lässt Schwarzenberg links liegen: Rush Hour im toten Winkel Deutschlands.