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Selbstverpflichtung statt Gesetz Industrie verspricht weniger Zucker, Salz und Fett

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Das Deutsche Tiefkühlinstitut verpflichtete sich, den Salzgehalt in Fertigpizzen auf durchschnittlich 1,25 Gramm pro pro 100 Gramm Pizza zu senken.

(Foto: dpa)

Julia Klöckner präsentiert eine erste Vereinbarung mit der Wirtschaft, um Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukten zu reduzieren. Dass die Landwirtschaftsministerin auf Freiwilligkeit statt auf gesetzliche Vorgaben setzt, sehen die Grünen aber als "Geschenk an die Lebensmittelindustrie".

Weniger Zucker, Salz und Fett: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat mit der Industrie konkrete Zielvereinbarungen zur Reduktion dieser Zutaten in Fertigprodukten bis 2025 vereinbart. "Verbraucher sollen dabei unterstützt werden, weniger Kalorien aufzunehmen", sagte Klöckner. Erstmals habe sich die Ernährungswirtschaft selbst dazu verpflichtet, dabei zu helfen. Der freiwillige Charakter der Vereinbarungen stieß aber auch auf scharfe Kritik.

Klöckner stellte in Berlin die ersten "konkreten Zielvereinbarungen" mit der Wirtschaft vor. So verpflichtete sich die Getränkeindustrie dazu, bis 2025 in ihren nicht-alkoholischen Produkten den Zuckergehalt um 15 Prozent zu reduzieren. Frühstücks-Cerealien für Kinder sollen bis dahin 20 Prozent weniger Zucker enthalten, Kinderjoghurts zehn Prozent weniger Zucker.

Das Deutsche Tiefkühlinstitut verpflichtete sich, den Salzgehalt in Fertigpizzen zu senken - bis 2025 soll ein durchschnittlicher Gehalt von 1,25 Gramm Salz pro 100 Gramm auf allen Pizzen erreicht werden. Es wolle damit dazu beitragen, die Salzaufnahme von Verbrauchern auf den empfohlenen Wert von sechs Gramm pro Tag zu begrenzen, erklärte das Institut.

Auch das Bäckerhandwerk ging eine freiwillige Vereinbarung ein, den Salzgehalt in besonders salzigen Broten zu reduzieren. Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, sagte hingegen der "Bild"-Zeitung, dass weiterhin jeder Bäcker selbst entscheide, ob er künftig weniger Salz verwende. "Die Bäcker sind sehr stolz auf ihre jahrhundertealten Rezepturen", sagte Schneider. Der Verband könne sie nicht verpflichten, weniger Salz zu verwenden. Er wolle sie aber in Schulungen für das Thema sensibilisieren.

Geschmacksgewohnheiten ändern sich langsam

Die Zuckerwirtschaft erklärte, es gehe letztlich darum, die Kalorien zu reduzieren. Daher sei es wichtig, dass Zucker nicht durch andere kalorienhaltige Zutaten ersetzt werde. Das Tiefkühlinstitut verwies zudem auf die Geschmacksgewohnheiten von Verbrauchern, die sich nur langsam änderten. Daher würden die Veränderungen beim Salzgehalt "in kleinen Schritten erfolgen".

Auch Klöckner sagte, niemandem sei an "Ladenhütern" gelegen. Die Rechnung bei der Reduktionsstrategie dürfe "nicht ohne die Verbraucher" und deren Geschmack gemacht werden. Sie setze bewusst auf eine Selbstverpflichtung der Industrie und nicht auf gesetzliche Vorgaben, da ihre Strategie "atmet". Eine erste Überprüfung der Ziele soll im Herbst 2019 erfolgen, 2020 soll es einen schriftlichen Zwischenbericht geben.

Die Grünen kritisierten Klöckners Strategie als "Geschenk an die Lebensmittelkonzerne". Die Reduktionsstrategie sei "gänzlich unverbindlich, ihre Umsetzung liegt in weiter Ferne und für Kinder ist fast nichts erreicht", erklärte die Grünen-Politikerin Renate Künast. Richtig wäre etwa bei Limonaden eine verbindliche Reduzierung von Zucker um die Hälfte. Gerade bei Lebensmitteln für Kinder fehlten ausreichende Zielvorgaben zur Zuckerreduktion.

"Knallharte Interessenpolitik"

Die Organisation Foodwatch warf der Ministerin ebenfalls "knallharte Interessenpolitik" vor und kritisierte, dass es auf freiwillige Selbstverpflichtungen hinausgelaufen sei. Außerdem seien die vereinbarten Ziele zu lasch. Die Organisation forderte stattdessen erneut unter anderem eine Limo-Steuer nach dem Vorbild Großbritanniens sowie eine Lebensmittelampel.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband erklärte, der Versuch, mit einer Selbstverpflichtung schnelle Fortschritte zu erzielen, "verdient eine Chance". Allerdings dürften die Ziele nicht auf anderem Wege umgangen werden, etwa mit vermeintlichen Produktinnovationen oder dem Austausch durch ungesunde Ersatzstoffe.

Quelle: n-tv.de, ftü/AFP

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