Politik

Wechselten Soldaten die Seiten? Kiew entgleiten Teile der Ostukraine

AP892895587139.jpg

Ein Angehöriger einer wohl pro-russischen Gruppe bewacht in Slawjansk gepanzerte Fahrzeuge.

(Foto: AP)

Der angekündigte Anti-Terror-Einsatz der ukrainischen Regierung macht kaum nennenswerte Fortschritte. Öffentliche Gebäude bleiben besetzt, in Donezk wird das Rathaus gestürmt. Möglicherweise laufen nunmehr Fallschirmjäger zu den Aufständischen über.

2014-04-16T074920Z_1688741752_GM1EA4G17VF01_RTRMADP_3_UKRAINE-CRISIS.JPG2074444079620883472.jpg

Prorussische Kräfte auf dem Weg nach Slawjansk.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Beginn einer sogenannten Anti-Terror-Operation deutet vieles darauf hin, dass der Regierung die Kontrolle des Ostens weiter entgleitet. Gut bewaffnete prorussische Uniformierte hielten die Stellung in vielen Teilen des Gebietes Donezk. In Slawjansk, wo mehrere öffentliche Gebäude in der Kontrolle der prorussischen Kräfte sind, waren keine ukrainischen Soldaten zu sehen.

Rund 20 prorussische Bewaffnete stürmten derweil das Rathaus von Donezk. Wie eine Reporterin der Nachrichtenagentur AFP berichtete, erklärten die vermummten Aktivisten, ihre einzige Forderung sei die Organisation eines Referendums über die Bildung einer "föderalistischen" Ukraine. In Donezk wird seit dem 6. April bereits der Sitz der Regionalregierung besetzt gehalten.

Die prorussischen Aufständischen in Donezk waren mit Schnellfeuergewehren vom Typ Kalaschnikow bewaffnet. Das Sicherheitspersonal leistete keinen Widerstand gegen die Besetzung. Die Angestellten des Rathauses wurden von den Bewaffneten nicht am Zutritt zu dem Gebäude gehindert.

Unübersichtliche Lage

In Kramatorsk sind womöglich ukrainische Soldaten zu den Aufständischen übergelaufen. Besatzungen von mehreren gepanzerten Fahrzeugen hätten die Seiten gewechselt und sich gegen die Regierung in Kiew gestellt, berichteten Journalisten vor Ort. Dabei soll es sich um Fallschirmjäger handeln. Ob tatsächlich ukrainische Soldaten übergelaufen sind, ist aber nicht sicher.

Denn es gibt auch Berichte, wonach von der Regierung geschickte gepanzerte Fahrzeuge von Zivilisten am Weiterfahren gehindert worden sind. Dann seien sie von prorussischen Kräften besetzt worden. Das Verteidigungsministerium in Kiew teilte wiederum mit, ukrainische Panzerfahrzeuge seien nicht erobert worden. Verschiedene Journalisten in Kramatorsk berichten, dass ukrainische Militärfahrzeuge von Zivilisten blockiert werden.

*Datenschutz

 

Derweil haben fünf oder sechs Radpanzer die Stadt Slawjansk im Osten der Ukraine erreicht. Das Führungsfahrzeug trägt eine russische Flagge. Auf den Dächern saßen jeweils rund 15 bewaffnete Männer in Uniformen mit unterschiedlichen Tarnmustern und winkten den Menschen zu. Einem Reporter des "Wall Street Journal" zufolge gaben die Männer an, sie seien übergelaufene ukrainische Soldaten. Doch an ihren Uniformen befanden sich keine Hoheitsabzeichen. Die Fahrzeuge fuhren zum Rathaus der Stadt. "Rathaus #Sloviansk unter Kontrolle prorussischer Milizen und militärisch  gut ausgebildeter Unterstützer", twitterte n-tv-Korrespondent Dirk Emmerich.

Ein führender Abgeordneter der neuen Regierung in Kiew behauptete der russischen Agentur Interfax zufolge, bei den Männern handele es sich in Wirklichkeit um ukrainische Soldaten "Das sind unsere Einheiten, die eine Methode der Partisanen anwenden. So kommen sie in die Gebäude, die von russischen Militärs und den von ihnen finanzierten Separatisten kontrolliert werden", wird Sergej Sobolev zitiert.

"Es gibt nicht nur prorussische Kräfte, sondern auch russische Sondereinheiten. Das wird alles von der russischen Seite mitgetragen und mitorganisiert", sagte der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Pavlo Klimkin bei n-tv.

Ukrainische Truppen erobern Flughafen

Weiteren Berichten zufolge sind zusätzliche ukrainische Truppen auf dem Weg nach Kramatorsk. In einigen Städten bildeten sich Bürgerwehren. Sie wollen die Sicherheitskräfte der prowestlichen Führung in Kiew unterstützen und wenden sich gegen die nach Russland orientierten Gruppen.

Nachdem in den vergangenen Tagen bewaffnete prorussische Gruppen in mehreren Städten des Ostens Verwaltungsgebäude und Polizeiwachen besetzt hatten, waren am Dienstag Panzer und Busse mit ukrainischen Sondereinsatzkräften nach Slawiansk gefahren. Im Süden der Stadt landeten zwei Militärhubschrauber auf einem Flughafen, um die dort stationierten Soldaten zu verstärken.

Nach Gefechten hatten ukrainische Soladaten den Flughafen von Kramatorsk unter ihre Kontrolle gebracht. Das russische Staatsfernsehen sprach von mindestens vier Toten. Der ukrainische Übergangspräsident Alexander Turtschinow warf Russland vor, den gesamten Osten und Süden der Ukraine von Charkiw bis Odessa "in Brand stecken" zu wollen.

Putin spricht mit Merkel

Der Vize-Kommandeur der ukrainischen Spezialkräfte (SBU), Wassil Krutow, hatte den prorussischen Milizen mit "Vernichtung" gedroht, sollten sie ihre Waffen nicht niederlegen. Krutow warf Russland vor, mehrere hundert Soldaten des Militärgeheimdienstes GRU nach Slawjansk entsandt zu haben. Derweil gibt es neue Berichte, dass im Osten des Landes weiter öffentliche Gebäude besetzt werden.

Angesichts der Entsendung ukrainischer Streitkräfte warnte der russische Präsident Wladimir Putin vor einer weiteren Eskalation. Die Ukraine befinde sich "am Rande eines Bürgerkriegs", sagte Putin in einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Verantwortung für die Eskalation trägt nach Ansicht des Kremls alleine die ukrainische Regierung. Es sei ein Verbrechen, die eigene Bevölkerung zu bekämpfen, die ihre legitimen Rechte durchsetzen wolle, teilte das russische Außenministerium mit. "Nationalistisches Chaos hat wieder von der Ukraine Besitz ergriffen. Was dort passiert, liegt an der sturen Weigerung der Autoritäten in Kiew, in dem Land den dringend benötigten Dialog mit den ukrainischen Regionen aufzunehmen."  

Quelle: n-tv.de, jga/AFP/dpa/rts

Mehr zum Thema