"Feind nicht unterschätzen"Kiews Armeechef sieht Kriegswende noch in weiter Ferne

Die russischen Truppen kommen laut Kiew deutlich langsamer in der Ukraine voran als in der Vergangenheit und erleiden hohe Verluste. Oberbefehlshaber Syrskyj warnt aber davor, Moskau zu unterschätzen. Einen Wendepunkt im Krieg sieht er noch nicht.
Der ukrainische Armeechef Oleksandr Syrskyj hält die ukrainischen Truppen im Krieg mit Russland zwar für gut aufgestellt, sieht eine "Wende im Krieg" aber noch in weiter Ferne. Obwohl die russische Armee über "fast die doppelte Menge an Personal und Ausrüstung" verfüge, habe der Kreml seine Ziele nicht erreicht, erklärte Syrskyj im Onlinedienst Telegram. Der Feind dürfe aber "nicht unterschätzt werden".
Das russische Militär habe im ersten Halbjahr 2026 trotz extrem hoher Verluste weniger als halb so viel ukrainisches Territorium erobert wie im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Russland habe eine großangelegte Offensive geplant, aber praktisch keins seiner gesteckten Ziele erreicht, schrieb Syrskyj bei Telegram. Demnach führten die russischen Truppen nur noch an höchstens "sechs oder sieben" Frontabschnitten derzeit Offensiven aus - zuvor seien es noch 13 solche Einsätze gewesen. Dabei erlitten die Russen seinen Angaben zufolge schwere Verluste, während Kiew eine "Strategie der Auszehrung" verfolge.
Die Ukraine verteidige sich weiter und habe an einzelnen Frontabschnitten die Initiative übernommen. "Dank der aktiven Handlungen der Verteidiger ist im ersten Halbjahr 2026 das Tempo des Vorrückens russischer Truppen um mehr als die Hälfte gesunken", schrieb er. Das schleppende Vorankommen der russischen Truppen bestätigen auch unabhängige Militäranalysten. Laut Syrskyj ist es den Ukrainern zuletzt sogar gelungen, annähernd so viel Territorium zurückzuerobern, wie sie an anderer Stelle verloren haben.
Die Verluste der russischen Seite bezifferte Syrskyj auf monatlich knapp 32.000 Tote oder Schwerverwundete. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Kiews Ziel besteht darin, den russischen Einheiten höhere Verluste zuzufügen, als Moskau Nachschub gewährleisten kann. Die Zahl der russischen Freiwilligen ist trotz Rekordprämien nach Angaben des unabhängigen Portals "Wjorstka" 2026 um ein Drittel eingebrochen, liegt demnach unter 30.000 pro Monat.
Auch die ukrainischen Angriffe mit weitreichenden Waffen, mit denen seit Jahresbeginn Syrskyj zufolge fast 700 Ziele in Russland ins Visier genommen wurden, richteten ihm zufolge große Schäden an. Er bezifferte die Höhe der Schäden auf 6,1 Milliarden US-Dollar (rund 5,3 Milliarden Euro). Allerdings nehme "die Intensität der Raketen- und Drohnenangriffe" Russlands ebenso zu wie "der Einsatz von Lenkbomben und die Zahl der gegen die Zivilbevölkerung begangenen Verbrechen", erklärte Syrskyj weiter.
Die Äußerungen des ukrainischen Armeechefs erfolgten zwei Tage nach dem Nato-Gipfel in der Türkei, auf dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von den USA die Zusage zur Herstellung von Patriot-Luftabwehrraketen in der Ukraine erhalten hatte. Außerdem wurden der Ukraine von den Nato-Verbündeten Hilfen in Höhe von 70 Milliarden Euro für das laufende Jahr zugesichert.