Politik

Missbrauch an jeder zweiten Schule Kirche und Staat räumen auf

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(Foto: picture alliance / dpa)

Die katholische Kirche will den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in ihren Reihen breit aufarbeiten. Sie öffnet dazu erstmals auch für kirchenfremde Fachleute ihre Archive mit Personalakten seit 1945. Die Bundesregierung will parallel dazu eine Aufklärungskampagne an Schulen starten. Laut einer Studie liegen an mehr als der Hälfte aller Schulen Verdachtsfälle vor.

An Schulen, Internaten und Heimen gibt es einen dringenden Fortbildungsbedarf für Lehrer und Pädagogen, um Fälle von sexuellem Missbrauch leichter zu erkennen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag der Regierungsbeauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann. Auch die katholische Kirche lässt nun Ursachen für Missbrauch erforschen.

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Christine Bergmann: Alle Schulen brauchen Konzepte gegen Missbrauch.

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Anfang des Jahres 2010 hatten sich ausgehend von Einrichtungen der katholischen Kirche in einer beispiellosen Welle etliche Opfer sexuellen Missbrauchs gemeldet, die Taten lagen teils schon lange zurück. Die ehemalige SPD-Bundesfamilienministerin Bergmann ist seit März vergangenen Jahres mit der Aufarbeitung des Skandals, der tausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Opfer betrifft, befasst. In diesem Zuge beauftragte sie das Deutsche Jugendinstitut auch zu der nun vorgelegten Studie.

Wie die Untersuchung ergab, sind Schulen, Internate und Heime häufig von Verdachtsfällen sexueller Gewalt betroffen. In den vergangenen drei Jahren sahen sich demnach 43 Prozent aller Schulen, 40 Prozent aller Internate und mehr als 70 Prozent aller Heime mit verschiedenen Verdachtsfällen konfrontiert. 82 Prozent der Opfer seien weiblich gewesen, die verdächtigen Täter überwiegend männlich.

Kinder brauchen Anlaufstellen

Bergmann sagte, dass es in schulischen Einrichtungen, Internaten und Heimen Schutzkonzepte geben müsse. Die Pädagogen müssten wissen, welche Schritte in Verdachtsfällen einzuhalten seien. Außerdem müsse "ein Klima" vorhanden sein, das es zulasse, über Missbrauch zu sprechen. Kinder müssten ermutigt werden, sich Lehrern anzuvertrauen, denn die Studie habe nachgewiesen, dass die meisten Verdachtsfälle von Kindern selbst angezeigt würden.

Kirche öffnet ihre Archive

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Bischof Ackermann (r.) erhält Unterstützung vom Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Pfeiffer.

(Foto: dpa)

Auch die katholische Kirche will Ursachen und Umfang des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen unter ihrem Dach breit aufarbeiten. Sie öffnet dazu erstmals auch für kirchenfremde Fachleute ihre Archive mit Personalakten seit 1945. Man wolle eine "ehrliche Aufklärung" und "der Wahrheit auf die Spur kommen", sagte der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann in Bonn. Diese Aufarbeitung erfolgt parallel und getrennt zu der bereits angelaufenen konkreten Entschädigung von Missbrauchsopfern. Die Zahl von Opfern, die sich melden, sei inzwischen "deutlich zurückgegangen", sagte Ackermann. Konkrete Angaben dazu machte er nicht.

In zwei wissenschaftlichen und von der Bischofskonferenz finanzierten Forschungsprojekten soll das "dunkle Kapitel" von unabhängigen Experten beleuchtet werden. Befragt werden dabei sowohl Opfer als auch Täter. Mit den Studien soll auch ermittelt werden, unter welchen Umständen es zu Taten gekommen und wie die Kirche damit umgegangen ist. Daraus sollen Schlüsse und Konsequenzen für eine bessere Prävention gezogen werden. Erste Ergebnisse dazu werden in gut einem Jahr erwartet.

Studie ohne Bayern

Das Deutsche Jugendinstitut hatte für die von Bergmann vorgestellte Studie rund 1130 Schulleiter, etwa 700 Lehrer, rund 320 Internatsleiter und etwa 100 Heimleiter in ganz Deutschland außer Bayern befragt. Bayern lehnte eine Teilnahme ab, weil es zunächst die Konformität des Projekts mit Datenschutzregeln prüfen wollte.

Quelle: ntv.de, AFP/dpa