Politik

Wer gewinnt die Wahl? Laschet wird zu 68 Prozent Bundeskanzler

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Wahrscheinlicher Kanzler, laut Statistik: Armin Laschet.

(Foto: dpa)

Berliner Statistiker haben ein Analysetool entwickelt, das berechnet, wie wahrscheinlich die möglichen Ergebnisse der Bundestagswahl sind. Ein Ergebnis: Die Grünen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit an der nächsten Bundesregierung beteiligt. Und Armin Laschet wird Bundeskanzler. Die Entwicklung dieser Wahrscheinlichkeiten kann man unter wer-gewinnt-die-wahl.de verfolgen.

ntv.de: In Ihrem Prognosemodell wird Armin Laschet derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von 68 Prozent Bundeskanzler. Markus Söder würde wahrscheinlich bezweifeln, dass die Wahrscheinlichkeit wirklich so hoch ist. Wie kommen Sie auf die 68 Prozent?

Marcus Groß: Unter anderem berücksichtigt unser Modell eine Erfahrung der Umfrageinstitute aus den vergangenen zwanzig Jahren: Immer, wenn es starke Ausschläge nach oben oder unten gibt, kann man davon ausgehen, dass ein Teil dieses Ausschlags wieder ausgeglichen wird. Ein bekanntes Beispiel ist der Schulz-Effekt von Anfang 2017, als es nach der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten einen starken Ausschlag für die SPD nach oben gab.

Der Aufschwung hielt nicht lange an.

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Guido Schulz (l.) und Marcus Groß arbeiten für das Berliner Unternehmen INWT Statistics. Die Webseite wer-gewinnt-die-wahl.de betreiben sie eher nebenbei.

(Foto: INWT Statistics)

Marcus Groß: Wenn auf ein Ereignis ein Ausschlag folgt, dann liegt der maximale Effekt des Ereignisses in der Regel drei bis vier Wochen später. Mittel- und langfristig gerät das Ereignis wieder aus dem Fokus der Wahlbevölkerung. Genau das kann man aktuell beobachten. Am 20. April wurde Armin Laschet offiziell zum Kanzlerkandidaten erklärt. Die Folge war ein Einbruch der Umfragewerte der Union. Entsprechend sank auch die Wahrscheinlichkeit, dass Laschet Kanzler wird. Auch die Maskenaffäre der CDU/CSU hat sich negativ ausgewirkt. Zu erwarten ist, dass sich die Union teilweise wieder davon erholt. Entsprechend steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Laschet Kanzler wird.

Guido Schulz: Aktuell sagen wir für den Tag der Bundestagswahl ein Ergebnis von 27,2 Prozent für die Union und von 22,8 Prozent für die Grünen voraus. Daraus ergeben sich eine Reihe möglicher Koalitionen. Die Wahrscheinlichkeit für rechnerische Mehrheiten im Bundestag verbinden wir mit Daten, die wir über Koalitionspräferenzen der Parteien erhoben haben.

Wie haben Sie das gemacht?

Guido Schulz: Über eine Reihe von Interviews mit Politikwissenschaftlern, die wir in den vergangenen Monaten geführt haben. Deren Einschätzungen koppeln wir an unser Modell, um dann Schätzungen zu machen, wie wahrscheinlich welche Koalition ist. Daraus ergibt sich auch die Wahrscheinlichkeit für einen Kanzler Laschet oder eine Kanzlerin Baerbock.

Warum gibt es in Ihrem Kanzlermodell praktisch keine Veränderungen für Olaf Scholz?

Marcus Groß: Die SPD ist so weit abgeschlagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Olaf Scholz Kanzler wird, sehr gering ist. In unserem Modell liegt die Wahrscheinlichkeit dafür bei ca. einem Prozent.

Erwarten Sie auch für den weiteren Verlauf so starke Schwankungen?

Marcus Groß: Ich gehe davon aus, dass sich das einpendeln wird. Die Schwankungen der vergangenen Wochen waren schon außergewöhnlich. Bei der Union lagen sie bei mehr als zehn Prozentpunkten. Vor vergangenen Wahlen waren das fünf, maximal sieben Punkte. Corona ist sicherlich ein Grund für diese hohe Volatilität. Ein weiterer dürfte der neue Kanzlerkandidat der Union nach der Regierungszeit Angela Merkels sein.

Guido Schulz: Unser Modell reagiert stark auf den Einbruch der Union, nicht nur bei der Prognose des Wahlergebnisses, sondern stärker noch bei den Koalitionswahrscheinlichkeiten und der Kanzlerfrage. Wenn die Umfragewerte von Union und Grünen sich annähern, kann ein Prozentpunkt hoch oder runter für deutliche Veränderungen bei den möglichen Koalitionen sorgen.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Wahlprognosen zu erstellen?

Guido Schulz: Das Projekt hat 2017 angefangen. Damals hat Marcus eng verfolgt, was Nate Silver in den USA mit Fivethirtyeight gemacht hat…

… eine Seite, die Statistiken auswertet und den Ausgang der Präsidentschaftswahlen prognostiziert.

Guido Schulz: Marcus hat damals festgestellt, dass es etwas Vergleichbares in Deutschland nicht gibt, obwohl das deutsche Wahlsystem eigentlich viel weniger kompliziert ist - in den USA gibt es ja die 538 Wahlleute, nach denen Silver seine Seite benannt hat. Für die Bundestagswahl 2017 haben wir dann unser eigenes Modell entwickelt. Unser täglich Brot sind eigentlich Predictive Analytics, also Prognosen für Unternehmen.

Sie haben der Jamaika-Koalition kurz vor der Bundestagswahl damals eine Wahrscheinlichkeit von 14,2 Prozent gegeben, der Großen Koalition 79,3 Prozent.

Guido Schulz: Marcus' Modell hatte den Schulz-Effekt schon vorher rein modelliert. Das war einer der Faktoren, warum die Prognose sehr gut wurde. Seitdem haben wir das Modell immer weiter verbessert.

Meinungsforschungsinstitute veröffentlichen ihre Umfragen meist mit dem klassischen Satz, "wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre". Ihre Prognose reicht weiter, bis zum 26. September, dem Tag der Bundestagswahl.

Marcus Groß: Für unser Modell bereinigen wir diese Umfragen um die sogenannten Haus-Effekte, berücksichtigen also, wenn eine Partei bei einem Institut durchgehend besser oder schlechter abschneidet als bei anderen. Darüber hinaus gucken wir uns an, welche Schwankungen man normalerweise erwarten kann. Je weiter man in die Zukunft prognostiziert, desto größer wird natürlich die Unsicherheit. Dafür haben wir zwei Effekte identifiziert. Der eine ist die bereits erwähnte Erinnerung an Ereignisse, die erst starke Effekte haben, dann schwächere, weil die Erinnerung gewissermaßen verblasst. Der andere Effekt ist, dass Regierungsparteien über die Legislaturperiode immer etwas an Zustimmung verlieren und Oppositionsparteien an Zustimmung gewinnen. Für unsere Prognose simulieren wir jeden Tag 1000 Mal die mögliche Zusammensetzung des Bundestages, wir haben also täglich 1000 simulierte Bundestage. Zusammen mit den Experten-Befragungen können wir Aussagen darüber treffen, wie wahrscheinlich die möglichen Koalitionen sind, und wer mit welcher Wahrscheinlichkeit Bundeskanzler wird.

Eine grün-schwarze Koalition ist bei Ihnen eine der weniger wahrscheinlichen zukünftigen Regierungskoalitionen, obwohl die meisten Umfragen die Grünen aktuell vor der Union sehen.

Marcus Groß: Das liegt an den geschilderten Effekten, aber auch daran, dass die Grünen noch andere Optionen haben, zum Beispiel eine Ampel-Koalition oder eine rot-rot-grüne Koalition, die beide mit einer größeren Wahrscheinlichkeit dargestellt werden als eine grün-schwarze Koalition.

Guido Schulz: Viele der von uns befragten Expertinnen und Experten haben es für unwahrscheinlich erklärt, dass die Union sich in eine Juniorpartnerschaft begeben würde. Auch deshalb ist eine Ampel-Koalition unter grüner Führung wahrscheinlicher.

Was ist Ihre persönliche Lieblingsprognose?

Guido Schulz: Am spannendsten finde ich die Frage, welche Fraktionen die Bundesregierung bilden werden. Hier liegen die Grünen vorne - nicht weil sie in den Umfragen führen, sondern weil sie in mehr Koalitionskonstellationen vorkommen. Dass die Grünen so gut wie sicher in der Bundesregierung vertreten sein werden, finde ich eine der verblüffendsten Aussagen. Aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit bei 96 Prozent, aber es waren auch schon 98 und 99 Prozent. Die SPD ist in dieser Prognose viel weiter von den Grünen entfernt als in den klassischen Umfragen. Diese Diskrepanz ist schon Wahnsinn, wenn man nur die Grafiken der Sonntagsfrage gewöhnt ist.

Marcus Groß: Für mich sind die Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Ereignisse der spannendste Teil. Zum Beispiel, dass die Wahrscheinlichkeit einer Mehrheit für eine Großen Koalition derzeit nur bei knapp 11,8 Prozent liegt. Dass CDU/CSU und SPD zusammen wahrscheinlich keine rechnerische Mehrheit bekommen werden, ist schon überraschend.

Söder hat für die Union ein Ergebnis gefordert, das "deutlich über 30 Prozent liegt - näher an 35 Prozent". Können Sie prognostizieren, wie wahrscheinlich das ist?

Guido Schulz: Wir prognostizieren die Wahrscheinlichkeit, dass die Union mehr als 40 Prozent der Stimmen erhält, auf weniger als 0,1 Prozent. Um die Wahrscheinlichkeit für mehr als 30 Prozent zu errechnen, müssten wir den Code entsprechend ändern.

Marcus Groß: Ich würde schätzen, dass es 15 bis 20 Prozent sind.

Mit Marcus Groß und Guido Schulz sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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