Politik

"Zombie" vor dem Opernhaus Lwiw hat den Schock überwunden

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Auch in der Westukraine ist der Krieg allgegenwärtig: Fotos von Opfern der russischen Invasion im Zentrum von Lwiw.

(Foto: AP)

Die groß angelegte Invasion Russlands hat die westukrainische Metropole Lwiw zunächst in einen Schockzustand versetzt. Inzwischen gehört der Krieg zum Alltag. Trotz des auch hier zu spürenden Beschusses herrscht Zuversicht.

Schon immer ist die westukrainische Metropole Lwiw, die normalerweise etwa 700.000 Einwohner zählt, eine der kulturellen und touristischen Hochburgen der Ukraine. Durch den russischen Angriffskrieg hat Lwiw eine neue Bedeutung gewonnen. Auch nachdem einige Botschaften und staatliche Institutionen inzwischen nach Kiew zurückkehren, hat die Stadt das Potenzial, eine Art zweite Hauptstadt der Ukraine zu werden. "Wir müssen im Schlechten das Gute sehen und darauf aufbauen", sagt Stanislaw Besuschko, der bis 2017 in verschiedenen Positionen in der Lwiwer Bezirksverwaltung arbeitete, im Donbass als Soldat der Nationalgarde kämpfte und nun im Lokalfernsehen moderiert. "Die Politik wird in Kiew gemacht, doch genau deswegen wird Russland die Hauptstadt in absehbarer Zeit nicht in Ruhe lassen."

Schon durch die russische Annexion der Krim und den Beginn des Krieges im Donbass 2014 war Lwiw mit Binnenflüchtlingen konfrontiert worden, nicht aber mit dem Krieg selbst. Auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist, dass russische Bodentruppen jemals bis Lwiw kommen, beschießen die Russen auch Militär- und Infrastrukturobjekte tief im Westen des Landes. Das fing bereits in den ersten Stunden der Invasion am 24. Februar an. "Wir wussten, dass es in der Ukraine schon seit acht Jahren Krieg gibt, doch es war ein Schock, dass dieser uns so direkt erreicht", sagt Halyna, eine junge Kassiererin in einem Supermarkt am Stadtrand von Lwiw.

Cranberries auf Geigen

Am Montag griff die russische Armee im Bezirk Lwiw erneut die Eisenbahninfrastruktur an, vermutlich mit dem Ziel, den Transport westlicher Waffen zu verhindern. Eine Woche zuvor hatten die Russen eine Werkstatt für Reifenmontage in der Stadt Lwiw getroffen, wahrscheinlich aus denselben Gründen. Sieben Menschen kamen dabei ums Leben. Mehrere Luftalarme täglich gehören längst zum Alltag der Bewohner. In der Innenstadt rund um den Marktplatz werden sie inzwischen überwiegend ignoriert. Wenn dann noch eine kleine Band vor dem berühmten Opernhaus von Lwiw "Zombie" von den Cranberries auf Geigen spielt, kann man schon ein surreales Gefühl bekommen.

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Die von den Russen beschossene Reifenwerkstatt lag direkt neben einer Bahnlinie.

(Foto: AP)

"Die erste Woche war tatsächlich ein Schock", sagt der Lwiwer Politologe Taras Rad. "Nicht nur der Krieg selbst, sondern auch das Ausmaß des Stroms von Binnenflüchtlingen, auf den man einfach nicht vorbereitet gewesen sein konnte." Anfangs befanden sich bis zu 40.000 Menschen gleichzeitig am Bahnhof. "Die Stadt wusste nicht, was man mit diesen Menschen macht und wie man sie auf die Kommunen des Bezirks verteilt. Ohne die vielen Freiwilligen wären wir untergegangen", sagt Stanislaw Besuschko, der Moderator. "Viele Lwiwer selbst sind dagegen ins Ausland gegangen. Einige Vertreter der Verwaltungen, die eigentlich vor Ort hätten sein sollen, hat man zudem nicht wirklich gesehen. Aber etwa nach einer Woche ging es weiter, und etwa die meisten Restaurants haben mit der Zeit wieder aufgemacht."

In Lwiw wird "irgendwie immer gefeiert"

"Es gibt große Unterschiede zwischen Innenstadt und Stadtrand", sagt Anastassija Kika, die am zweiten Kriegstag von Kiew nach Lwiw gefahren ist, zu den Eltern ihres Mannes. "Sie leben hier fast am Marktplatz und dort wird irgendwie immer gefeiert. Als alles zu war, hatte man das Gefühl, Corona sei zurückgekommen. Als die Läden wieder öffneten, sah es aus wie in der touristischen Hochsaison. Das war manchmal echt komisch, denn während Menschen vor einer Bar Schlange stehen, werden in der Kirche um die Ecke gefallene Soldaten verabschiedet." Besuschko und Rad halten es aber für wichtig, dass das normale Leben weitergeht - schon mit Blick auf die Wirtschaft, die den Haushalt der Stadt füllen soll.

Mehr als zwanzig Raketen wurden laut dem Leiter der militärischen Bezirksverwaltung von Lwiw, Maxym Kosyzkyj, in den zwei Kriegsmonaten von der ukrainischen Luftabwehr in seiner Region abgeschossen. Es bleibt erstaunlich, wie harmonisch der doch sehr reale Krieg und die vollen Cafés in der gleichen Realität koexistieren. Das gilt auch für die oft ukrainischsprachigen Einheimischen und die nicht selten russischen Muttersprachlern aus dem Osten und Süden der Ukraine. Am Anfang des Krieges wurde in den sozialen Medien durchaus über Konflikte berichtet, zumal sich die Einstellung vieler Ukrainer zur russischen Sprache durch den russischen Angriff zum Negativen verändert hat.

Straßennamen werden umbenannt

Der Politologe Taras Rad sagt, er wolle die Existenz des Problems nicht verneinen, doch das seien marginale Entwicklungen. "Die meisten Menschen verstehen, dass es nicht wirklich an der Zeit ist, über Sprachfragen zu diskutieren. Obwohl generell klar ist, dass immer mehr Menschen ins Ukrainische wechseln werden und dies ohnehin tun. Und mit russischsprachigen Binnenflüchtlingen haben die Lwiwer bereits seit 2014 reichlich Erfahrung."

Rad selbst beschäftigt sich gerade mit einer Initiative zur sogenannten Entrussifizierung der Stätten von Lwiw, die in der Sowjetzeit nach Russen benannt wurden - ähnliche Initiativen gibt es auch in anderen Städten. Zusammen mit drei weiteren Experten hat er einen Vorschlag mit mehr als 30 Straßennamen erarbeitet, der in den nächsten Wochen im Lwiwer Stadtrat diskutiert werden soll. Dass die Initiative grundsätzlich zum Erfolg wird, ist wohl unausweichlich. Über konkrete Straßen wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit länger diskutiert.

"Die Puschkin-Straße ist das Erbe Sowjetunion"

"Uns geht es nicht um die Nulltoleranz gegenüber der russischen Kultur", sagt Rad. "Aber wir wollen eine gewisse Dekolonisierung erreichen. Entrussifizierung ist hier vielleicht sogar das falsche Wort. Puschkin ist zum Beispiel ein großer, talentierter Schriftsteller und wusste natürlich nicht, dass er von Russland als Instrument der kulturellen Expansion benutzt wird. Die Puschkin-Straße ist aber das Erbe der sowjetischen Macht, die russische Kultur als Hochkultur und die ukrainische Kultur als zweitrangig, provinziell betrachtete. Was hat Puschkin mit der Ukraine zu tun?"

In Lwiw sind wie in der ganzen Ukraine die meisten Menschen einig, dass der Sieg im Krieg gegen Russland möglich ist. Die Definition des Sieges wird allerdings jeweils unterschiedlich eingeschätzt. Taras Rad wäre vorerst zufrieden, wenn die Ukraine die faktischen Grenzen von vor dem 24. Februar wiederherstellt. Stanislaw Besuschko, der als Reservist auf die Einberufung in die Nationalgarde wartet, hält die Befreiung der gesamten Bezirke Donezk und Luhansk für möglich und sieht sogar für die annektierte Krim einige Chancen offen. "Russland hat einen historischen Fehler gemacht", sagt er. "Es teuer dafür bezahlen müssen."

Quelle: ntv.de

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