Politik

Angriff nahe Kundus McChrystal widerspricht Jung

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McChrystal (M.) am Ort des Angriffs. Links der Kommandeur des Bundeswehr-Lagers in Kundus, Oberst Georg Klein. Er hatte die Luftunterstützung angefordert und den Angriff befohlen.

(Foto: AP)

Der oberste NATO-Kommandeur in Afghanistan hat bei einem Besuch im nordafghanischen Kundus von zivilen Opfern bei dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff auf zwei Tanklastzüge gesprochen. "Für mich ist es klar, dass es einige zivile Opfer gab", sagte US-General Stanley McChrystal nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Wichtig sei nun, den Afghanen und der Welt gegenüber so ehrlich wie möglich zu sein.

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hatte zuvor dagegen zurückgewiesen, dass auch Zivilisten unter den Toten seien. "Nach allen mir zur Zeit vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden", sagte Jung der "Bild am Sonntag".

McChrystal hatte zunächst ein Interview im afghanischen Fernsehen gegeben und dabei den Afghanen versichert, dass die NATO alles unternehme, um die Bevölkerung bei Militäreinsätzen zu schonen. Dann reiste er in den Unruhedistrikt Char Darah, wohin die Taliban die gekaperten Tanklaster gebracht hatten.

60 frische Gräber

Ein Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur, der am Samstag zwei der Dörfer in Char Darah besuchte, hatte dort 60 frische Gräber gezählt. Der Angriff war von der Bundeswehr angefordert worden. Daraufhin hatten Flugzeuge der NATO-geführten Schutztruppe ISAF die Tanklaster bombardiert. Die Bundeswehr spricht von mehr als 50 getöteten Aufständischen, während der afghanische Präsident Hamid Karsai in Kabul mitteilen ließ, es seien "rund 90 Menschen getötet oder verletzt" worden.

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Deutsche Soldaten helfen Verletzten nach dem neuerlichen Selbstmordanschlag.

(Foto: dpa)

Jung sagte, bei einem nachträglichen Aufklärungseinsatz seien am Ort des nächtlichen Geschehens erneut deutsche Soldaten angegriffen worden. Bei dem Selbstmordanschlag auf die Bundeswehr gab es fünf verletzte deutsche Soldaten. Es handele sich um leichte Verwundungen, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam. Die Soldaten seien inzwischen wieder im Camp des Regionalen Wiederaufbauteams in Kundus. Neben den Soldaten wurde auch ein afghanischer Dolmetscher bei dem Anschlag drei Kilometer nordöstlich des Bundeswehr-Camps leicht verletzt.

Nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Kundus, Mohammad Omar, hatte sich der Attentäter am Samstagmorgen mit einem Auto in die Luft gesprengt. Die Taliban bekannten sich zu der Tat.

Kouchner spricht von "großem Fehler"

Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner kritisierte beim informellen Außenministertreffen in Stockholm die auf Anforderung der Bundeswehr durchgeführte Attacke als "großen Fehler". Auf die Frage, wessen Fehler der Angriff sei, sagte er: "Ich weiß nicht, ich bin kein Richter."

"Ich verstehe nicht, dass Bomben so einfach und so schnell abgeworfen werden können", sagte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. "Es muss doch auch in der NATO Regeln geben. Und darum bin ich natürlich dafür, dass die Sache genau untersucht wird", fügte er hinzu. "Auch wenn nur ein Zivilist dabei war, ist diese Aktion eine Aktion, die nicht hätte stattfinden dürfen."

Staatsanwaltschaft prüft Anfangsverdacht

Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft, ob ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen deutschen Offizier eingeleitet werden muss. "Der Vorfall wird von der Staatsanwaltschaft Potsdam bearbeitet", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Junker der "Bild am Sonntag". "Wir prüfen einen Anfangsverdacht wegen eines eventuellen Tötungsdeliktes gegen den deutschen Oberst, der diesen Luftangriff befohlen beziehungsweise angefordert hat." Ob diese Prüfung zu einem Ermittlungsverfahren führe, sei noch offen.

Journalist entführt

In der Nähe des Ortes, an dem die Bundeswehr den Luftschlag gegen die Tanklastwagen angeordnet hatte, ist ein westlicher Journalist entführt worden. Der Journalist, der für die "New York Times" arbeiten soll, sei in dem Dorf Omarchel gewesen, um mit den Bewohnern über den Luftangriff und die Opfer zu sprechen als er von Taliban entführt wurde, sagte Provinzgouverneur Omar. Der Reporter und sein afghanischer Dolmetscher seien von den Taliban an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Nach Angaben eines Sprechers der radikal-islamischen Aufständischen handelt es sich bei dem Journalisten um einen Briten.

Der FDP-Verteidigungsexperte Jürgen Koppelin fordert eine ehrliche Debatte über den deutschen Afghanistan-Einsatz, es handele sich um einen Krieg. Diese Formulierung wies Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) als "sprachlich und inhaltlich nicht richtig" zurück.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts

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