Politik

Interview mit Oleg Radsinski "Mit Russland als Imperium ist es vorbei"

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Putin bei einem Auftritt im vergangenen Dezember, hinter ihm eine Karte mit den inneren Grenzen der Russischen Föderation. "Ich glaube, dass wir heute Zeugen des letzten Zuckens des russischen Imperialismus werden", sagt Oleg Radsinski.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Drei prominente russische Emigranten - der Tänzer Michail Baryschnikow, der Schriftsteller Boris Akunin und der Wirtschaftswissenschaftler Sergej Guriew - haben den Verein "True Russia" ("Wahres Russland") gegründet. Im Interview mit ntv.de spricht der Geschäftsführer Oleg Radsinski über die Ziele der Organisation. Mit Putins Krieg in der Ukraine "hat Russland aufgehört, ein Imperium zu sein", sagt der 63-jährige Schriftsteller und Sohn des berühmten russischen Historikers Edward Radsinski. "Was kann das Regime jetzt anbieten? Nur ein Modell eines Kriegsreiches, wie das von Dschingis Khan."

ntv.de: "Wahres Russland" wurde im März gegründet, kurz nachdem Moskau seine Großoffensive in der Ukraine begann. Was sind Ihre Ziele?

Oleg Radsinski: Unser Motto lautet: "Gegen Krieg, für Demokratie". Unsere erste Reaktion auf die Ereignisse in der Ukraine war emotional. Wir wollten Menschen helfen, die in großer Not sind, weil das Land, mit dessen Kultur wir uns verbunden fühlen, sein Nachbarland ohne jede Provokation angegriffen hat und dort das Leben von Menschen zerstört.

"Wahres Russland" hat eine Sammelaktion gestartet. Inzwischen sind mehr als eine Million britische Pfund zusammengekommen. Wohin fließt das Geld?

Es landet auf den Konten der Wohltätigkeitsorganisation Disasters Emergency Committee in London und wird dann im Rahmen des Aufrufs zur humanitären Hilfe für die Ukraine ("Ukraine Humanitarian Appeal") an ukrainische Flüchtlinge verteilt.

Haben Sie weitere Initiativen in Planung?

Ja, natürlich. Wir wollen auch Menschen unterstützen, die aus Putins Russland fliehen. Viele Akademiker sind nun ihrer Existenzgrundlage beraubt. Mehr als 200 Journalisten sind aus Russland geflohen und haben keinen Zugang zu beruflichen Aktivitäten. Gemeinsam mit dem European Endowment for Democracy möchten wir Fortbildungskurse zur praktischen Regierungsführung in einem demokratischen Staat einrichten. Sie werden sich an junge Menschen richten, die Russland verlassen haben, aber eines Tages dorthin zurückkehren möchten. Auf unserer Website werden wir auch Informationen über demokratische und Antikriegsinitiativen sammeln. Wir sehen jetzt überall auf der Welt die ersten Ableger von "Wahrem Russland" entstehen: im Silicon Valley, in Spanien, in den Niederlanden, in Polen. In Deutschland wollen wir mit dem Regisseur Alexander Smoljanski zusammenarbeiten, der seit über 30 Jahren in Berlin lebt. Es geht darum zu zeigen, dass das wahre Russland ein Russland ohne imperialistisches Bewusstsein ist. Es ist nicht aggressiv und gründet sich auf liberale Werte. Und vor allem: Es ist nicht archaisch, sondern fähig zu modernem Denken.

Bei allem Respekt: Vielen Menschen würde es heute schwerfallen, so etwas zu glauben. Der ukrainische Philosoph-Professor Vakhtang Kebuladze sagte im Interview mit ntv.de: "Wir sollten uns abgewöhnen, zwischen russischer Kultur und russischem Imperialismus zu unterscheiden." Was "wir heute als russische Kultur verstehen, ist toxisch und xenophob", so Kebuladze.

Nach dem, was Russland am 24. Februar getan hat, ist Kebuladzes Ansicht völlig verständlich. Der einzige Weg, wie wir diese Wahrnehmung der russischen Kultur und der Menschen, die zu ihr gehören, ändern können, ist durch Handeln. Denn nach dem Massaker in der Ukraine, nach der Zerstörung von Mariupol durch russische Truppen, reichen Worte und Erklärungen einfach nicht mehr aus.

Fühlen Sie sich persönlich verantwortlich für das Vorgehen Russlands in diesem Krieg?

Ich bin kein russischer Staatsbürger [Anmerkung: Oleg Radsinski hat die Staatsbürgerschaft der USA und des Vereinigten Königreichs]. Ich habe nie bei Wahlen in Russland abgestimmt. Ich habe also keine Schuldgefühle. Aber ich fühle mich verantwortlich. Nicht im Sinne einer kollektiven Verantwortung. Vielmehr ist es meine persönliche Verantwortung angesichts des Regimes, das die Kultur, der ich mich zugehörig fühle, mit Blut besudelt hat. Meine Verantwortung ist es, dem entgegenzuwirken. Ich muss jetzt einen Eimer und einen Lappen nehmen und damit beginnen, den blutigen Fleck von der russischen Kultur abzuwaschen.

Sie wurden 1982 wegen der Verbreitung von "antisowjetischer Propaganda" verurteilt. Im Jahr 1987 verließen Sie die UdSSR. Wie unterscheidet sich aus Ihrer Sicht die damalige Emigration von der heutigen Flucht aus Russland?

Es war extrem schwierig, die Sowjetunion zu verlassen. Heute hindert der Staat die Menschen vorerst nicht an der Ausreise. Im Gegenteil, er freut sich über die Auswanderung der "Vaterlandsverräter", der "fünften Kolonne", wie er sie nennt. Die Sowjetunion war ein Imperium, in dem jeder zählte, weil er oder sie ein Rad im System war. Russland hingegen ist eine Autokratie. Es braucht keine Menschen, die dem Land dienen, sondern nur Menschen, die dieser Form der Herrschaft zielgerichtet dienen. Loyalität ist die Eigenschaft, die Wladimir Putin in seinem Umfeld am meisten schätzt.

In der Sowjetunion war die Auswanderung ein Akt. Heute ist sie vergleichsweise einfach. Relativiert das nicht die ganze Botschaft, die damit verbunden ist?

Viele derjenigen, die heute auswandern, wissen, was sie erwartet; sie waren schon einmal im Ausland. Wir hingegen hatten keine solchen Informationen. Für uns gab es keinen Weg zurück. Als ich abreiste, konnte ich nicht aufhören, durch das Flugzeugfenster auf den Schnee draußen zu schauen, weil ich dachte, ich würde diese Schneedecke nie wieder sehen. Viele Menschen denken heute, sie würden nur vorübergehend weggehen. Sie würden ihr Leben für eine Weile auf Eis legen und im Ausland warten, bis sie zurückkehren können.

Sie haben bereits 2018 von der Möglichkeit eines Krieges gesprochen. Was hat sich aus Ihrer Sicht am Status quo Russlands geändert, als er am 24. Februar tatsächlich begann?

Russland hat aufgehört, ein Imperium zu sein. Der Aufbau einer imperialen Mentalität begann ernsthaft im 17. Jahrhundert mit Peter dem Großen und dauerte etwa 300 Jahre. Was ein Imperium unbedingt braucht, ist eine Mission. Entweder eine zivilisatorische, eine administrativ-wirtschaftliche oder eine messianische Aufgabe. So war das Konzept des Kommunismus für viele in der UdSSR bis in die 1970er-Jahre hinein attraktiv. Aber welche Idee hat Russland heute? Keine. Was kann das Regime jetzt anbieten? Nur ein Modell eines Kriegsreiches, wie das von Dschingis Khan.

Welche geopolitischen Folgen erwarten Sie nun?

Wir alle wissen, wozu ein "kleiner erfolgreicher Krieg" mit Japan im Jahr 1905 führte und was zwölf Jahre später mit dem zaristischen Regime geschah. Ich glaube, dass wir heute Zeugen des letzten Paroxysmus [des letzten Krampfes, des letzten Zuckens] des russischen Imperialismus werden. Ich denke auch an den Zerfall der territorialen Integrität. Und ich denke, dass dieser Prozess wahrscheinlich im Fernen Osten Russlands beginnen wird, weil seine infrastrukturellen Verbindungen zum europäischen Teil des Landes sehr schwach sind.

Russischen Intellektuellen wird heute vorgeworfen, dass sie sich seit den 1990er-Jahren zunehmend von der Politik distanziert haben. Dies habe den Weg für die zivilisatorische Katastrophe geebnet, die Russland heute erlebe.

Das Problem der russischen Liberalen ist, dass es ihnen an technokratischen Fähigkeiten mangelt. Sie mögen es nicht zu regieren. Sie ziehen es vor, Konzeptualisten zu sein [soll heißen, sie analysieren lieber, statt selbst einzugreifen]. Deshalb wurde die Macht von Leuten übernommen, die schon zu Sowjetzeiten Teil des Systems waren. Sie sind die Verteidiger des Archaischen und haben den Rückhalt in der Bevölkerung.

Wie erklären Sie sich die Gründe für diese Unterstützung?

In den letzten zehn Jahren war die staatliche Propaganda in Russland sehr erfolgreich. Sie hatte einen starken Einfluss auf die Bevölkerung. Das Regime hat die Gefühle vergangener imperialer Größe wachgerufen und sie in ein für die Gegenwart relevantes Simulakrum verwandelt [also nicht in ein Imperium, sondern in ein Gebilde, das einem Imperium ähnelt].

Welche Rolle spielten die Beziehungen zum Westen in diesem Prozess?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte der Westen eine Wahl. Er hätte Russland nicht als Nachfolger des Landes behandeln können, das den Kalten Krieg verloren hat. Daran sind auch die USA schuld, die in den 1990er-Jahren nicht die Gelegenheit nutzten, Russland in die Bruderschaft der Nationen aufzunehmen. Im Gegenteil, sie haben Moskau weggestoßen.

Heute sehen wir unter anderem, wie die kulturellen Brücken zu Russland abgebrochen werden. Ist das eine logische Ergänzung zu den westlichen Sanktionen?

Ich halte es für absolut falsch, den Vertretern von Kultur und Sport eine kollektive Verantwortung aufzuerlegen. Auch die Vorstellung, dass die russischen Oligarchen Druck auf Putin ausüben müssen, um den Krieg zu beenden, ist einfach ein Missverständnis der Funktionsweise dieses Regimes. Viele von ihnen haben schon lange keine Möglichkeit mehr, es zu beeinflussen. Der Westen drängt sie nur zurück in Putins Umarmung. Keiner will das Schicksal von Jukos wiederholen.

Gibt es für Russland eine Chance zur Aufarbeitung und moralischen Bekehrung, die ein möglicher Ausweg aus dieser historischen Sackgasse wäre?

Ich möchte nicht blasphemisch klingen - ich bin mir nicht sicher, dass dies ein notwendiger Prozess wäre. Ich würde eher auf eine praktische Ausbildung der Menschen als auf Reue hoffen. Wie können wir demokratische Institutionen, wirksame Kontrollmechanismen und unabhängige Regierungszweige aufbauen? Wie bilden wir Technokraten aus, die liberale Werte durchsetzen können? Daran werden wir bei "Wahrem Russland" arbeiten.

Mit Oleg Radsinski sprach Ekaterina Venkina

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 30. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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