Politik
Anhänger der AfD ziehen durch Berlin.
Anhänger der AfD ziehen durch Berlin.(Foto: dpa)
Sonntag, 27. Mai 2018

AfD-Demo und Gegenprotest: Nazis überall

Von Benjamin Konietzny, Berlin

Rechts und Links treffen sich in Berlin zum gegenseitigen Niederbrüllen. Beim AfD-Marsch und dem entsprechenden Gegenprotest zeigt sich, wie grotesk der Diskurs geworden ist.

Es ist eine absurde Szene, die sich an der kleinen Fußgängerbrücke über die Spree abspielt. Auf der einen Seite stehen all jene, die eine Welt ohne AfD bevorzugen würden und brüllen "Nazis raus" über den Fluss. Auf der anderen Seite hat sich gerade der Demonstrationszug der Rechten in Bewegung gesetzt, ein Meer aus Deutschlandflaggen weht im Wind. Und auch die AfD-Anhänger brüllen "Nazis raus" über das die Lager spaltende Gewässer. "Nazis" sind sie jetzt alle. Auf der einen Seite der Spree mag man nur noch stramme Nationalisten erkennen, die sich ein Deutschland wie in den Dreißigerjahren zurückwünscht. Auf der anderen Seite sprechen sie von der "links-braunen Meinungsdiktatur", den "Helfers-Helfern des Merkel-Regimes" - "Nazis eben". Dazwischen ist nichts mehr.

Der Demonstrationszug der AfD und der entsprechende Gegenprotest in Berlin offenbart dort, wo beide Lager aufeinandertreffen, wie grotesk der Diskurs um Links und Rechts in diesem Land inzwischen geworden ist, wie stark sich die Argumente abgenutzt und die Vorurteile eingeschliffen haben.

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Rund 5000 Anhänger der AfD hatten sich auf dem Platz vor dem Berliner Hauptbahnhof versammelt, um von dort in Richtung des Brandenburger Tors zu ziehen. Das Motto der Veranstaltung lautete "Zukunft Deutschland". Das ist recht allgemein und damit kann im Zweifel jeder, der Sympathie für die Partei verspürt, etwas anfangen - vom gemäßigten wirtschaftsliberalen Eurokritiker bis hin zum Glatzköpfigen, der gerne Kleidung mit Keilschrift und Runen trägt.

"Wir wollen einfach unsere Partei unterstützen", sagen Ullrich und Thorsten, die eigens aus Hessen für die Kundgebung angereist sind. "Es braucht endlich ein Gegenprogramm zu den etablierten Parteien". Mit einer konkreten Forderung sind sie nicht gekommen, sie wollen Präsenz zeigen, mitziehen. Aus ihrer Sicht gehört der Großteil der AfD zur bürgerlichen Mitte, die Abgrenzung zu rechtsextremen Positionen sei sehr deutlich. Andere haben es aber offenbar satt, sich ständig "von irgendwem abzugrenzen". "Wenn wir uns ständig von irgendwem abgrenzen, dann bleibt am Ende nur eine Kleinstgruppierung übrig, die keiner mehr beachtet", sagt einer, der seinen Namen nicht der Presse verraten will. Ob ihn nationalistische Tendenzen nicht stören würden? "Nein, überhaupt nicht. Nationalismus gehört zur AfD", entgegnet er.

Das sehr allgemeine Motto, die "Zukunft Deutschlands" sorgt auch in den Redebeiträgen für wenig Neues. Eine junge AfD-Politikerin berichtet, wie sie sich in der U-Bahn nicht mehr wohlfühle als Frau, weil dort so viele ausländische Männer seien. Ein weiterer Redner erzählt von der Überfremdung der Schulen und dem von jungen Syrern aufgeheizten Klima auf den Schulhöfen. Die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch bezeichnete den Islam in Deutschland als "Herrschaft des Bösen". Abwechselnd skandieren die Zuhörer die altbekannten Parolen "Merkel muss weg", "Höcke, Höcke, Höcke", "Widerstand" und "Lügenpresse".

Auch bei der anschließenden Kundgebung vorm Brandenburger Tor geben die Parteichefs Alexander Gauland und Jörg Meuthen das zum Besten, was sie bereits in den vergangenen Jahren mantraartig wiederholt haben. Meuthen orakelt wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die "Hohepriesterin des Zynismus der Macht", wie er sie nennt, und "ihre willfährigen Helfer" das Land in den Ruin trieben – gedeckt von den "einschlägigen staatsergebenen Mainstreammedien". Sein Kollege Alexander Gauland beklagt, dass die etablierten Parteien nur die Fremden lieben würden, "nicht uns, nicht euch, die Deutschen". Flüchtlinge seien Gäste und Gäste müssten sich benehmen.

Im Hintergrund versucht die Gegendemonstration auf sich aufmerksam zu machen. "AfD wegbassen" ist die nicht minder diffuse Beschreibung der Veranstaltung, die den Protest "Zukunft Deutschland" verhindern wollte und der rund 25.000 Menschen folgten. Der entschlossene Kern zeigt sich direkt am Zaun nahe der AfD-Demo und ruft die ebenso bekannten Parolen: "Nie, nie, nie wieder Deutschland", "Nazis raus" und "Ganz Berlin hasst die AfD". Worauf die Anhänger der AfD zurückrufen "Ganz Berlin hasst die Antifa". Das wechselseitige austauschen der gleichen Parolen, angepasst auf den jeweiligen politischen Gegner erinnert an eine "Nein-doch-nein-doch"-Unterhaltung auf einem Schulhof.

Am Ende haben beide Lager vor allem etwas für ihre Getreuen getan. Die AfD hat, teils in schrillen Tönen, die immer gleichen düsteren Szenarien vom Untergang Deutschlands ausgepackt. Und die linken Bündnisse haben mit ihrem Gegenprotest der Partei die gewünschte Aufmerksamkeit geliefert. Gäbe es die Antifa nicht, würde die AfD deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen. Und gäbe es die AfD nicht, würde ihren Gegnern der Feind fehlen, an dem sie sich immer wieder profilieren können. Und so finden sie immer wieder zusammen.

Zumindest bleibt das Spektakel gewaltfrei und es kommt nur zu entsprechenden Androhungen. Beim AfD-Marsch werden zum Teil Journalisten angegangen und bedroht. AfD-Anhänger werden bei An- und Abreise zum Teil von linken Demonstranten unter Druck gesetzt. Als die Veranstaltung beendet ist und alle nach Hause gehen, ringen sich nahe der US-Botschaft mehrere junge Männer um einen älteren Herrn in einem blauen Polohemd und brüllen, dass "ganz Berlin" die AfD "hasst". Vor lauter Erregung treten ihnen die Halsschlagadern hervor. Der ältere Mann duckt sich eingeschüchtert. Keiner will hören, was er zu sagen hat. Bis seine Begleitung herbeieilt und der Gruppe erklärt, dass sein Vater ebenfalls am Gegenprotest teilgenommen habe.

Quelle: n-tv.de