Politik

Dissertation in Teilen abgeschrieben? Neue Vorwürfe gegen Dr. Guttenberg

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"Ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten", kann Guttenberg nicht sagen.

(Foto: dpa)

Verteidigungsminister Guttenberg bestreitet, bei seiner Doktorarbeit fremde Texte kopiert zu haben, ohne Quellen zu nennen. Allerdings werden neue Vorwürfe bekannt: Die FAZ meldet, dass Guttenberg den Anfang seiner Einleitung aus einem Artikel übernommen hat. Die Uni Bayreuth prüft die Vorwürfe. Im schlimmsten Fall könnte Guttenberg seinen Dr. verlieren.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gerät wegen der Plagiats-Vorwürfe bei seiner Dissertation stärker unter Druck. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" gibt es in Guttenbergs Doktorarbeit einige Passagen, die wörtlich mit Formulierungen anderer Autoren übereinstimmen, ohne dass er sie entsprechend gekennzeichnet hat. Guttenberg bestreitet die Vorwürfe. Doch nun berichtet auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", dass der Minister den Anfang seiner Einleitung aus einem Artikel der Zeitung fast eins zu eins abgeschrieben habe.

Der einleitende Absatz von Guttenbergs Arbeit decke sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in der FAZ erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. Das Zitat sei aber weder im Text als solches kenntlich gemacht noch sei die Autorin in der Einleitung als Quelle angegeben. Lediglich im Literaturverzeichnis sei Zehnpfennigs Text aufgeführt.

Nur einige Fußnoten?

"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", reagierte Guttenberg auf die Anschuldigungen. Er sei jedoch bereit zu prüfen, "ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten". Dies würde er dann bei einer Neuauflage berücksichtigen. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuvor berichtet, Guttenbergs Dissertation von 2006 enthalte an mehreren Stellen fremde Texte, die nicht als solche ausgewiesen seien. Der Ombudsmann für wissenschaftliche Selbstkontrolle der Universität Bayreuth prüft die Vorwürfe derzeit.

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Was macht Merkel? Sie wartet ab.

(Foto: AP)

Dabei handle es sich unter anderem um die wortgleiche Wiedergabe einiger Passagen eines Zeitungsartikels sowie einiger Sätze aus einem Vortrag, berichtet das Blatt. Die Texte seien nicht als Zitat in den 1000 Fußnoten oder der 50 Seiten langen Literaturliste der Dissertation aufgeführt. Dies verstoße mindestens gegen die guten wissenschaftlichen Sitten. Insgesamt umfassten die beanstandeten Stellen mehrere Seiten. Darin seien auch Stellen enthalten, die zu allgemein oder in anderer Form nicht korrekt zitiert oder zugeordnet seien.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht derzeit keinen Grund, aus den Plagiat-Vorwürfen Konsequenzen zu ziehen. Auf die Frage, ob Merkel die Vorwürfe im Zusammenhang mit dessen Doktorarbeit ernst nehme, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert aber: "Die Bundeskanzlerin hat davon wie der Rest der Republik gerade erst erfahren und interessiert sich dafür." Sie sei der Auffassung, dass die Aufklärung beim Ombudsmann der Universität Bayreuth in den richtigen Händen liege und es sinnvoll sei, das Verfahren abzuwarten.

"Einer meiner Besten"

Die Doktorarbeit sei an mehreren Stellen "ein dreistes Plagiat" und "eine Täuschung", zitierte die SZ den Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano. "Die Textduplikate ziehen sich durch die gesamte Arbeit und durch alle inhaltlichen Teile." Fischer-Lescano hatte die Vorwürfe öffentlich gemacht. Kritik erntete Guttenberg auch von Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann", erklärte Trittin. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis nahm Guttenberg in der "Mitteldeutschen Zeitung" dagegen in Schutz. "Er wird von allen Seiten angegriffen, weil er ein so hohes Ansehen in der Bevölkerung hat."

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Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano hat die kopierten Passagen entdeckt.

(Foto: dpa)

Der Doktorvater Prof. Peter Häberle nahm den CSU-Politiker in Schutz. "Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat", sagte Häberle der "Bild"-Zeitung. "Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert." Gleichzeitig betonte der inzwischen emeritierte Wissenschaftler: "Herr zu Guttenberg war einer meiner besten Seminaristen und Doktoranden."

"Wie kann man nur so blöd sein?"

Wissenschaftler und Plagiatsexperten bewerten die Vorwürfe allerdings als schwerwiegend, "weil es nicht nur punktuell um zwei oder drei Sätze geht, sondern um ganze Abschnitte", sagte der Münchner Jurist Volker Rieble im Interview mit n-tv.de. "Das ist bei einer Dissertation, also einer Prüfungsleistung, letztlich eine Täuschung." Es werde eine Leistung vorgespielt, die so nicht erbracht worden sei. Guttenberg drohe die Aberkennung des Doktortitels. Auch der Medienwissenschaftler Stefan Weber stimmt dem zu: "Es handelt sich um Plagiate auf Basis einer klaren Intention", sagte er der "Welt". Er warf dem Minister vor, sehr geschickt zu täuschen. "Besser täuschen kann man gar nicht."

Rieble nennt Guttenbergs Verteidigung, dass einzelne Fußnoten falsch sein könnten, eine "Ausrede", die in solchen Fällen gern gebraucht werde. "Das kann auch passieren, wenn es sich nur um ein oder zwei Sätze handelt. Aber dass das bei 20 oder 30 Zitaten mit wortwörtlicher Textübernahme ohne Fußnoten so ist, das darf man doch bezweifeln." Es sei schon beeindruckend, wie bei Guttenbergs Arbeit Texte wortwörtlich übernommen worden seien. "Man fragt sich bei den ertappten Plagiatoren schon, wie jemand eigentlich so blöd sein kann, seitenweise abzuschreiben, wenn das Original verfügbar ist und damit die Täuschung leicht aufgedeckt werden kann", sagte Autor des Buchs "Das Wissenschaftsplagiat" mit Blick auf ähnliche Fälle.

Bayreuth prüft Vorwürfe

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Die Ursache für die Aufregung: Guttenbergs Dissertation.

(Foto: REUTERS)

Die Universität Bayreuth will den Plagiats-Vorwürfen auf den Grund gehen. "Wir prüfen jetzt, ob dieser Vorwurf berechtigt ist", sagte der Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Markus Möstl. Die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft an der Universität Bayreuth wollte sich bei einem Treffen heute mit den Vorwürfen gegen Guttenberg befassen.

Dass der Doktortitel aberkannt werde, ist nach Informationen der SZ nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg von 2008 möglich, wenn fremde Passagen "wiederholt und planmäßig" kopiert worden seien. Viele Universitäten lassen dem Zeitungsbericht zufolge jedoch in der Praxis Milde walten, wenn die Arbeit insgesamt als Eigenleistung gelten kann. Mitunter würden Wissenschaftler den Überblick über ihre Abschriften oder die Zulieferungen von Mitarbeitern verlieren.

"War meine eigene Leistung"

Diese Mutmaßung wies Guttenberg jedoch zurück. "Sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu", betonte der Minister. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung".

Der heute 39 Jahre alte CSU-Politiker hatte seine Doktorarbeit 2006 an der juristischen Fakultät in Bayreuth abgegeben. 2007 wurde er mit der Bestnote summa cum laude zum Dr. jur. promoviert. Die Dissertation trägt den Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU".

Autorin kritisiert Guttenberg

Bei den Vorwürfen geht es laut SZ um eine Textpassage aus einem Bericht der "NZZ (Neue Zürcher Zeitung) am Sonntag" vom 22. Juni 2003, eine Passage aus einem Aufsatz des Politikwissenschaftlers Hartmut Wasser sowie um die schriftliche Fassung eines Vortrags des Politologen Wilfried Marxer am Liechtenstein-Institut von 2004. Dabei finde sich kein Nachweis. Der NZZ-Text sei in zwei Details geändert worden, die beiden übrigen Texte zeigten kleine Abwandlungen.

Die Schweizer Journalistin Klara Obermüller, die den Artikel für die NZZ geschrieben hat, findet das Verhalten "nicht sehr ehrenhaft und eigentlich auch nicht sehr klug". "Es kostet ja keine Mühe, Anführungszeichen zu machen - vorne eins, hinten eins, die Quelle angeben, und schon ist man schön raus und hat den Gedanken trotzdem drin", sagte die Autorin.

Quelle: n-tv.de, tis/dpa/rts