Politik

Terrorattacken erschüttern USA Obama will Schuldige jagen

Wer steckt hinter den Terroranschlägen mit drei Toten und Dutzenden Verletzten von Boston? Die US-Polizei tappt noch im Dunkeln und ermittelt in mehrere Richtungen. Die Sicherheitskräfte im ganzen Land sind in Alarmbereitschaft.

3b405129.jpg6835504599824254421.jpg

Obama vermeidet bisher das Wort "Terroranschlag".

(Foto: dpa)

Nach zwei Bombenexplosionen beim Marathonlauf in der US-Ostküstenstadt Boston mehren sich die Anzeichen für einen Terroranschlag. Medienberichten zufolge entdeckte die Polizei in Boston auch bis zu fünf nicht detonierte Sprengsätze. Bei den Explosionen starben mindestens drei Menschen, mehr als 100 wurden verletzt.

US-Präsident Barack Obama erklärte, dass seine Regierung die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen werde. "Wir werden herausfinden, wer das getan hat und warum sie das getan haben", sagte Obama im Weißen Haus. "Jedes verantwortliche Individuum, jede verantwortliche Gruppe wird das volle Gewicht der Justiz zu spüren bekommen." Der Präsident warnte aber davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. "Wir haben noch nicht alle Antworten", sagte er. Das Wort "Terrorismus" nahm der Präsident nicht in den Mund.

Tat einheimischer Extremisten?

Ein ranghoher Mitarbeiter von Obama war da expliziter: "Jeder Vorfall mit mehreren Sprengsätzen - wie es in diesem Fall erscheint - ist klar ein Terrorakt und wird als Terrorakt behandelt", sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. Allerdings sei bisher unklar, wer die Attacke ausgeführt habe.

Nach Angaben von Insidern ermitteln US-Polizei und -Geheimdienste in zwei Richtungen: So könnte der Anschlag von regierungsfeindlichen Gruppen aus dem Inland oder radikalen Islamisten verübt worden sein.

Ermittlungsbeamten zufolge spricht der Zeitpunkt für einen Angriff von einheimischen Radikalen, die die Macht des Staates zurückdrängen wollen. Am Montag wurde in Massachusetts der Patriots' Day begangen, der an den Unabhängigkeitskrieg erinnert. Der 15. April ist in den USA auch die Frist für die Abgabe der Steuererklärung, ein sensibles Thema für derartige Extremistengruppen.

In dieser Woche - am 19. April - nähern sich zudem zwei Jahrestage mit symbolischer Bedeutung: Das gewaltsame Ende der Waco-Belagerung 1993 in Texas und der Anschlag in Oklahoma City 1995, bei dem knapp 170 Menschen ums Leben gekommen sind. In den USA werden derartige Gruppen als "right-wing extremists" dem rechten politischen Spektrum zugeschlagen, ohne dass es sich notwendigerweise um Neo-Nazis oder Rechtsradikale nach europäischem Verständnis handeln muss.

Als zweite Theorie wird den Insidern zufolge eine direkte oder indirekte Verbindung zu islamischen Extremisten diskutiert. Hierfür spräche die Vorgehensweise, sagten hochrangige Ermittler. Die Zündung von zwei Sprengsätzen kurz hintereinander bei einem Großereignis sei die Art von Angriff, die vom Islamisten-Magazin "Inspire" propagiert werde. Die Zeitschrift wird im Internet von der Gruppe Al-Kaida im Jemen verbreitet. Sie enthält englischsprachige Aufrufe an Muslime im Westen, Angriffe selbst mit bescheidenen Mitteln auszuführen. In einer der jüngsten Ausgaben war eine detaillierte Anleitung zum Eigenbau und Einsatz von Sprengsätzen enthalten.

Zwei Detonationen hintereinander

Die beiden heftigen Explosionen ereigneten sich am Montag gegen 14.50 Uhr Ortszeit im Abstand von etwa 15 Sekunden nahe der Ziellinie des Boston Marathon. An der ältesten jährlichen Marathon-Veranstaltung der Welt, die seit 1897 ausgetragen wird, nahmen mehr als 20.000 Läufer teil. Hunderttausende Zuschauer säumten die Straßen.

32852000945D5E55.jpg2134703190574908325.jpg

Die USA erhöhen ihre Sicherheitsvorkehrungen.

(Foto: AP)

Die Profis hatten den Wettkampf längst beendet und Amateurläufer kamen ins Ziel, als das Sportfest sich in eine blutige Katastrophe verwandelte. Auf der linken Seite der Strecke stieg hinter bunten Flaggen nach einer Explosion eine dunkle Rauchsäule auf. Läufer wurden von der Wucht zu Boden gerissen. Kur z darauf folgte etwa 45 bis 90 Meter entfernt eine zweite Detonation.

Unter den drei Todesopfern befindet sich Medienberichten zufolge ein achtjähriger Junge. Der Nachrichtensender CNN berichtete, dass mehr als 140 Menschen in Krankenhäusern behandelt würden. Der Gesundheitszustand von mindestens 17 Verwundeten sei "kritisch". Bei mehreren Verletzten hätten Beine amputiert werden müssen. Die Ärzte würden den Opfern auch Kugellager aus dem Leib operieren - ein Zeichen dafür, dass die Sprengsätze als Splitterbomben gebaut worden seien. Deutsche sind nach bisherigen Erkenntnissen des Auswärtigen Amtes nicht unter den Opfern.

Das FBI ermittelt

Die Federführung bei den Ermittlungen übernahm die US-Bundespolizei FBI. "Das sind strafrechtliche Ermittlungen und mögliche Terrorermittlungen", sagte der leitende FBI-Agent Rick DesLauriers, nannte aber keine Details. Berichte von US-Medien, dass mehrere nicht detonierte Sprengsätze entdeckt und unschädlich gemacht worden seien, bestätigte er nicht. Die Polizei dementierte Informationen, wonach ein Verdächtiger in einem Bostoner Krankenhaus behandelt werde. Niemand befinde sich im Zusammenhang mit den Explosionen in Gewahrsam.

Für Verwirrung sorgte eine Erklärung von Polizeichef Ed Davis zu einer angeblichen dritten Detonation, welche die Präsidentenbibliothek von John F. Kennedy in Boston getroffen hätte. Später zog die Polizei dies zurück. Bei dem Vorfall habe es sich lediglich um ein Feuer gehandelt, das allem Anschein nach nicht im Zusammenhang mit den Explosionen beim Marathon gestanden habe.

Sicherheitsvorkehrungen verschärft

Kurz nach den Explosionen schalteten die Sicherheitskräfte vorübergehend das Mobilfunknetz in Boston ab, um mögliche Fernzündungen weiterer Sprengsätze zu verhindern. Auch der Luftraum über der 625.000 Einwohner-Stadt wurde zwischenzeitlich gesperrt.

Auch die Sicherheitsvorkehrungen an "strategisch wichtigen" Orten in anderen größeren US-Städten wurden verstärkt. Wie der Sender MSNBC berichtet, wurde in der Hauptstadt Washington der Abschnitt der Pennsylvania Avenue vor dem Weißen Haus für Fußgänger gesperrt. Auch in New York gebe es verstärkte Schutz- und Kontrollmaßnahmen, etwa für U-Bahn-Stationen. Zudem wurden auch auf den US-Airports die Kontrollen verschärft. Das gelte insbesondere für internationale Flüge, hieß es.

Die US-Flaggen über dem Kongressgebäude in Washington wehten nach dem Anschlag auf halbmast. Das ordnete Parlamentspräsident John Boehner an. "Das ist ein schrecklicher Tag für alle Amerikaner", schrieb er.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 finden Marathonläufe und andere große Sportveranstaltungen in den USA unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen statt. Der Boston Marathon gehört zu den populärsten Rennen an der amerikanischen Ostküste. Jedes Jahr nehmen daran Tausende Menschen teil.

In diesem Jahr war die letzte Meile des Boston-Marathons den Opfern des Amoklaufs von Newtown gewidmet. Das hatten die Veranstalter US-Medienberichten zufolge vor dem Marathon bekanntgegeben. Angehörige der Opfer aus Newtown (Connecticut), wo im Dezember in einer Grundschule 20 Kinder und 6 ihrer Betreuer erschossen worden waren, sollen an dieser Stelle unter den Zuschauern gewesen sein. Ob auch sie verletzt wurden, ist noch unklar.

Terror-Trauma kehrt zurück

Es handelte sich um die ersten tödlichen Bombenanschläge in den USA seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001. Mehrfach entgingen die USA einem Attentat. Besonders knapp war es etwa beim sogenannten Unterhosenbomber, der an Weihnachten 2009 fast ein Passagierflug über Detroit sprengte, und bei dem vereitelten Autobomben-Anschlag im Mai 2010 am New Yorker Times Square. Doch nach der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden vor zwei Jahren nahm die Terrorangst in den USA nach und nach ab.

Quelle: ntv.de, ghö/AFP/dpa/rts