Politik

Reise durch Trump Country Obamacare für "die Armen an der Ecke"

RTX1I03C.jpg

In Charleston erschoss ein bewaffneter weißer Attentäter 2015 neun Afroamerikaner und verletzte weitere neun.

(Foto: REUTERS)

"Die Leute im Süden sind einfach anders", sagt Earl. Damit dürfte er recht haben: Im Radio bietet ein Psychologe die "Behandlung" der sexuellen Orientierung bei Kindern an. Ein wenig anders ist auch Earl. Auftakt einer Fahrt durch die USA.

Die Wangen: rot angelaufen. Augenaufschlag: langsam. Seine Zunge: schleppend. Eindeutig, Earl hat an diesem Abend schon einige im Kahn. "Die Deutschen haben die Zahl auf Papier gesehen, 300.000 frische Soldaten pro Monat verschifften die USA nach Europa, ausgeruht und mit neuer Ausrüstung. Die Krauts hatten ja monatelang noch nicht mal mehr Schuhe! Also, 'fuck this shit!', haben sie in den schlammigen Schützengraben gesagt und hingeschmissen. Das war's mit dem Großen Krieg. Und wir müssen uns immer noch mit den Folgen herumschlagen."

Das Zitat ist Auszug einer Unterhaltung und Ausdruck davon, wie Earl, 42 Jahre alt, anderen Reisenden in Charleston die Politik erklärt. In diesem Fall: den Ersten Weltkrieg.

Die USA vor den Zwischenwahlen

Unser Reporter Roland Peters fährt derzeit durch die Vereinigten Staaten. Was beschäftigt die Menschen vor den Zwischenwahlen am 6. November? Worüber sorgen sie sich? Diese Geschichte ist der erste seiner Berichte.

Kurt, 36 Jahre alt, ist ein anderer in der zufällig zusammengewürfelten Gruppe. Er sitzt auf einer Gartenbank und hört seinem Gegenüber zu. Kurt kommt aus dem Ruhrgebiet, er ist auf dem Fahrrad unterwegs. Vor drei Monaten fuhr er in Seattle los, einmal quer durch die Vereinigten Staaten. Nun will er an der Ostküste entlang nach Süden. Heute Morgen musste er allerdings umkehren, weil ihn auf dem Highway ständig Autos schnitten. "Zu gefährlich", sagt er. Nun will er zum Bahnhof, um eine Etappe mit dem Zug zu fahren. Einstieg wäre Charleston North, aber er traut sich nicht so richtig, denn die planmäßige Abfahrt ist um fünf Uhr morgens. "Schon bei Tageslicht kam mir die Gegend nicht sicher vor."

Earls glasige Augenlider zwinkern im Öllaternenlicht, dabei nickt er leicht. Er lehnt sich auf der Bank am Kopfende des verdreckten Tisches zurück. "Ja, da solltest du aufpassen." Der Kfz-Mechaniker arbeitet bei Harley-Davidson in New Hampshire, er ist auf Urlaubstrip mit seinem eigenen Motorrad und trinkt Budweiser aus einer großen Dose. Die Mückenplage infolge des schwülen Wetters bekämpft er mit Kettenrauchen. "Die Leute hier im Süden sind einfach anders. Wie die Schwarzen mit den Weißen umgehen auch." Er könne das aber verstehen, denn umgekehrt sei es hier ja ähnlich.

Früher war der Hafen von Charleston der wichtigste in den Südstaaten für Sklavenimporte. Mit Artilleriebeschuss auf Fort Sumter begann der amerikanische Bürgerkrieg im Jahr 1861. Für seine Rolle in der Sklaverei und ihre Verteidigung rang sich vor drei Monaten, also fast 157 Jahre später, der Stadtrat zu einer offiziellen Entschuldigung durch. Nach langer Debatte und mit sieben zu fünf Stimmen.

Wer nur die Küstenmetropolen der USA kennt, kann im Südosten schon staunen, wenn das Radio angeht. Auf dem Weg von Jacksonville im nördlichen Florida durch das sumpfige Georgia ist kaum ein Sender ohne christliche Songs zu hören, meistens sogar mehr als das. Bei einem Sender in South Carolina erklärt ein NFL-Quarterback, warum er nur wegen Gott durchhält, und wird dafür gepriesen. Auf FM 91.7 The Truth, "Die Wahrheit", unterhält sich der Radiomoderator mit einem Psychologen, der ausführlich erzählt, welche Rolle Gott in seinen Sitzungen einnimmt. Zuhörenden Eltern versichert er mit butterweicher Stimme: "Wenn sich eines ihrer Kinder zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, kann ich das behandeln."

Den Bundesstaat Florida verloren die Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 an Donald Trump, Georgia war schon vorher republikanisch rot und blieb es. Ebenso South Carolina, aber Charleston ging knapp an Hillary Clinton. Die Stadt ist ein Touristenziel. Yachten liegen vor Anker, daneben führen mehrspurige Brücken in den historischen Teil. Die meisten alten Holzhäuser mit den typischen Veranden sind hervorragend gepflegt, vor vielen Türen flackern die ganze Nacht Laternen.

Hinter der Pension in der Spring Street wird das Geplauder emotional. "Mir war klar, dass Clinton nicht gewinnen würde", sagt Earl. "Wir hatten einen schwarzen Präsidenten, direkt danach eine Frau?" Er schüttelt den Kopf. Aber Obama sei doch erfolgreich gewesen, habe vielen eine Krankenversicherung beschert, entgegnet Kurt. Damit trifft er Earls wunden Punkt, der seine alkoholbedingte Lethargie abwirft und losschimpft. Er sei begeistert von Obamacare gewesen, wollte endlich seine Zähne machen lassen. Dafür habe er 36 Dollar pro Monat für seine Zahnversicherung bezahlt. "Als ich zum Arzt ging, hat der mir gesagt: Sie verdienen zu viel, also übernimmt die Versicherung das nicht." Earls Gehalt liegt bei 36.000 Dollar im Jahr. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den USA bei 55.000.

Das Modell funktioniere nicht, sagt Earl, es bringe nur "den Armen an der Ecke" etwas und den Reichen, die es gar nicht bräuchten. "Das waren 36 Dollar für nichts, ich will nur dann bezahlen, wenn ich auch etwas dafür bekomme", schnaubt er mehrere Male. Er ist schon lange wütend auf Obamacare. Weil sich Earl nach seinem Arztbesuch weigerte, weiter für eine Krankenversicherung zu bezahlen, wurden ihm Steuerrückzahlungen von fast 700 Dollar pro Monat gestrichen. Er verschuldete sich. "Ich muss mich noch immer mit den Folgen herumschlagen." Sein Bier ist leer, als sich Earl wieder etwas beruhigt.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema