Özdemir hofft, Hagel bangtAm Ende wird es brutal spannend im Ländle
Von Volker Petersen
In Baden-Württemberg wird die Landtagswahl auf den letzten Metern noch richtig spannend. In Umfragen liegen CDU und Grüne gleichauf. Das hat viel mit den Kandidaten zu tun.
Dieser Wahlkampf ist nichts für Weicheier, zumindest aus Sicht von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel. Monatelang liegt seine Partei und damit er deutlich vorn in den Umfragen für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, mit Werten um die 30 Prozent. Deutlich vor den Grünen und auch der AfD, die je rund zehn Punkte dahinter folgen. So zeigt sich Hagel vor gut zwei Wochen im Interview mit ntv.de noch siegesgewiss: "Wir liegen seit über zwei Jahren stabil auf Platz eins", sagt er da. Und: "Wir treten an, um die AfD zu schlagen. Das ist unser Hauptgegner."
Heute würde er das wohl nicht mehr sagen. Denn das Rennen um Platz 1 hat sich gedreht. Die Grünen haben mit Cem Özdemir an der Spitze eine atemberaubende Aufholjagd hingelegt. Am Donnerstagabend vor der Wahl zeigten Zahlen des ZDF einen Gleichstand. Grüne und CDU stehen je bei 28 Prozent. Die AfD bei 18, die SPD bei 8, die Linke landet bei 5,5 Prozent und könnte zum ersten Mal überhaupt in den Landtag einziehen. Die FDP kommt auf den gleichen Wert und kämpft in ihrem langjährigen Stammland ums Überleben.
So erlebt das Ländle kurz vor dem Wahltermin an diesem Sonntag (8. März) ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wie es sich Özdemir nicht schöner hätte ausmalen können. Ihm helfen zwei Trends: Die Menschen entscheiden sich immer später für einen Kandidaten und eine Partei. Kurz vor Schluss kann noch einmal richtig Bewegung in die Angelegenheit kommen.
Zwei Trends helfen den Grünen
Zum anderen wird taktischer gewählt. Alles sieht nach Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz aus. Eine Stimme für SPD oder Linke dürfte also in der Opposition verpuffen. Wer die Grünen wählt, stärkt also eher linke Politik in der Regierung - ein Argument für SPD- und Linken-Sympathisanten, das Kreuz doch lieber bei den Grünen zu machen.
Auch wenn deren Spitzenkandidat Özdemir alles dafür tut, nur als ein Super-Schwabe namens Özdemir wahrgenommen zu werden - und nicht als Grüner, schon gar nicht als linker Grüner. Auf seinen Plakaten sieht man nur ihn in Großaufnahme, das Logo seiner Partei fehlt. Özdemir schwäbelt, als hätte er die letzten Jahrzehnte nicht hauptsächlich in Berlin verbracht, damit ja jeder merkt: Nicht nur Hagel - der das ebenfalls tut - ist ein Ur-"Schwob", sondern auch der Grüne mit den türkischen Eltern.
Sein Migrationshintergrund wirft eine spannende Frage auf: Ist ein Bundesland wie Baden-Württemberg, jahrzehntelang eine CDU-Bastion, bereit für den ersten Ministerpräsidenten mit türkischen Wurzeln? Wenn, dann müsste es einer wie Özdemir sein. Er schwäbelt nicht nur, sondern atmet, schnauft und schwitzt schwäbische Kultur, schwärmt vom Schaffen und sagt Sätze wie: "Uns interessiert nicht, wo einer herkommt, sondern wo einer hinwill. Wer mit anpackt, gehört dazu." Er streichelt die schwäbische Seele von Sparsamkeit und harter Arbeit, wo er kann, und kombiniert sie mit Weltoffenheit und einem Gefühl von gesundem Menschenverstand. Seinen Nachnamen verhohnepiepelt er selbst regelmäßig als "Ötzelbrötzel".
Im direkten Vergleich ist Özdemir überlegen
Zugleich stellt er seinen Landesverband als die CSU der Grünen dar, also anders als die Bundesgrünen, konservativer, bodenständiger. Wie zum Beweis sucht er die Nähe zum Grünen-Outlaw Boris Palmer. Dem eigensinnigen Bürgermeister von Tübingen hat er mehr oder weniger offen ein Ministeramt in Aussicht gestellt. Gepaart mit einem munteren Instagram-Wahlkampf, der ihn oft in Großaufnahme zeigt und eher inhaltsleer beim Joggen oder dem Versuch zeigt, auf Terminen mal keine Butterbrezel zu essen, hat das Erfolg. 47 Prozent wünschen sich ihn als Ministerpräsidenten, wenn sie ihn direkt wählen könnten.
Hagel kann da nicht mithalten, noch immer ist der frühere Sparkassendirektor aus Ehingen an der Donau vielen unbekannt. Nur 24 Prozent wünschen sich ihn als Landesvater. Dabei verkörpert der 37-Jährige ebenfalls alles, was Özdemir für sich reklamiert. Er ist heimatverwurzelt, er stellt die Wirtschaft in den Vordergrund, er hat als Vater von drei Kindern und mit einer steilen Karriere zuerst in der Bank, dann in der Politik bewiesen, dass er hart arbeiten kann. Er gilt als großes Talent, war früh Generalsekretär, dann Fraktionschef im Landtag. Hagel gibt sich konservativ-modern, hält guten Kontakt zu Markus Söder und Hendrik Wüst. Doch trotz des langen Wahlkampfs hat er es nicht geschafft, sich bekannt zu machen. Rund der Hälfte der Menschen zwischen Konstanz und Mannheim ist er kein Begriff.
Das ist jedoch nur eines seiner Probleme. Vergangene Woche tauchte ein acht Jahre altes Video auf, indem er stammtischhaft von einem Besuch in einer Realschulklasse erzählte, in der hauptsächlich Schülerinnen saßen. Er beschrieb die "rehbraunen Augen" eines Mädchens und sagte, es gebe schlimmere Termine für einen 29-jährigen Politiker. Eine empörte Grünen-Bundestagsabgeordnete postete das Video und schlug damit einige Wellen. Der adrette junge Herr Hagel sah plötzlich alt aus, vorsichtig formuliert. In einem Triell im SWR sagte er, das sei "Mist" gewesen und seine Frau habe ihm damals schon "den Kopf gewaschen". Ein Eigentor auf der Zielgeraden, das zur Mobilisierung der Grünen beigetragen haben dürfte. Das Gleiche könnte für einen Schulbesuch diese Woche im Wahlkampf gelten, bei dem er ungehalten auf kritische Fragen einer Lehrerin reagierte.
Es geht um Kretschmanns Erbe
Auch der Bundestrend, einer der wichtigsten Faktoren in Landeswahlkämpfen, hilft Hagel nicht. Die CDU-geführte Bundesregierung schwächelt ebenfalls, die Menschen sind unzufrieden mit Kanzler Friedrich Merz. Die Ausgangslage vom vergangenen Jahr hat sich gedreht. Damals konnte man noch hoffen, die Grünen seien nach der Ampelkoalition erst einmal erledigt. Doch in Baden-Württemberg erweisen sie sich als überaus vital.
Eigentlich wenig überraschend, schließlich regieren sie hier bereits seit fast 15 Jahren. An der Spitze steht noch Winfried Kretschmann, der zweimal wiedergewählt wurde und beide Male den Stimmenanteil der Grünen erhöhen konnte. Der 77-Jährige würde wohl wieder gewinnen, wenn er nicht aufhören würde. Er ist so beliebt, dass auch Hagel ihn nicht attackiert, sondern lieber sagt: "Das Erbe von Winfried Kretschmann ist bei uns in guten Händen." Doch der knorrige Landesvater ist mittlerweile in den Wahlkampf eingestiegen und unterstützt offen Özdemir. Noch ein Pluspunkt für den Grünen-Kandidaten.
Kretschmann hat selbst Geschichte geschrieben als erster Grünen-Ministerpräsident. Schon jetzt ist klar, dass auch der nächste Landesvater ein historisches erstes Mal sein wird - entweder bekommt das Land den bundesweit jüngsten Regierungschef aller Zeiten oder den ersten mit Migrationshintergrund. Wer das Rennen macht, ist völlig offen. Laut besagter Umfrage haben sich satte 32 Prozent noch immer nicht entschieden.