Politik

"Jetzt Vattenfall boykottieren" Politiker rufen zum Wechsel auf

Nach den Störfällen im Atomkraftwerk Krümmel rufen Politiker von SPD und Grünen sowie Umweltverbände die Stromkunden dazu auf, dem Betreiber Vattenfall den Rücken zu kehren. Als erste personelle Konsequenz muss Chef des Kraftwerks seinen Posten räumen. Derweil fordert Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger, trotz der neuen Vorkommnisse alle Laufzeitbeschränkungen für Akw aufzuheben.

DEU_Atom_Kruemmel_Vattenfall_FRA123.jpg4539180504927668927.jpgDas Aktionsbündnis "Atomausstieg selber machen" forderte in Berlin die Stromkunden auf, ihre Verträge mit Vattenfall zu kündigen und zu einem Ökostromanbieter zu wechseln. "Jetzt besteht die realistische Chance, den schwedischen Konzern zur Aufgabe seines deutschen Atom-Engagements in Krümmel und Brunsbüttel zu treiben", hieß es. "Die Kunden von Vattenfall sollten den Atomausstieg vorziehen und zu einem Ökostromanbieter wechseln", sagte auch Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast dem Berliner "Tagesspiegel". Ähnlich äußerte sich dort SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber.

Vattenfall teilte in Hamburg mit, der bisherige Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht sei auf seine Bitte hin von seinen Aufgaben als Leiter der Anlage entbunden worden. Vor dem Wiederanfahren des Akw Ende Juni sei eine Überwachungseinrichtung des Maschinentransformators nicht wie vorgesehen installiert worden. Mit diesem Versäumnis habe Lucht seinen Verzicht begründet. Mehrere norddeutsche Grünen-Politiker stellten Strafanzeige gegen die Akw-Verantwortlichen. Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) nannte die Ablösung von Lucht ein "billiges Bauernopfer".

2l4e2926.jpg8932096101428695904.jpgDas Akw Krümmel war am Samstag nach einem Kurzschluss in einem Transformator und weiteren technischen Problemen wieder vom Netz gegangen. Vattenfall kündigte nun an, vor einem Weiterbetrieb sollten beide Maschinentransformatoren durch neue ersetzt werden. Dies werde mehrere Monate dauern. Die für die Atomaufsicht in Schleswig-Holstein zuständige Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) begrüßte, dass Vattenfall damit der Forderung "erneuern statt reparieren" nachkomme. Sie brachte erneut auch eine Stilllegung von Krümmel ins Gespräch.

CDU tritt Flucht nach vorn an

Deutschlands Atomkraftwerke und der AtomkonsensMinisterpräsident Günther Oettinger (CDU) wies im "Hamburger Abendblatt" Zweifel an der Sicherheit deutscher Atomkraftwerke zurück. Zugleich bekräftigte er, dass eine schwarz-gelbe Bundesregierung vom Beschluss zum Atomausstieg abrücken werde: "Für alle Kernkraftwerke, die dem Stand der Technik entsprechen, werden wir die Laufzeitbeschränkungen aufheben." Langfristig schloss der CDU-Politiker auch den Neubau von Atomkraftwerken nicht aus.

SPD-Fraktionschef Peter Struck warf der CDU und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein "Einknicken" vor der Atomindustrie vor. Es sei absurd, so zu tun, als gingen ohne Atomkraftwerke die Lichter aus, sagte Struck der Hannoverschen "Neuen Presse". "Es geht um Profit und um sonst nichts." Nach der Pannenserie in Krümmel müssten "selbst die verbohrtesten Kernkraftbefürworter einsehen", dass Laufzeitverlängerungen der falsche Weg seien.

Aufschieben bringt nichts

Kritik an der Ausstiegsvereinbarung von SPD und Grünen äußerte der Energieexperte der Linken, Hans-Kurt Hill. Er wies darauf hin, dass sich die Stilllegung eines Akw verzögere, je mehr gefährliche Störfälle es dort gebe. Grund ist, dass die Laufzeit nach erzeugter Strommenge berechnet wird, so dass Ausfallzeiten nicht mitzählen. Hill forderte die unverzügliche Stilllegung aller Atomanlagen.

315 Pannen im "Kraftwerk mit Zukunft"

Oettinger wies die Forderungen zurück, Krümmel nach den wiederholten Störfällen vom Netz zu nehmen. "Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, ist Krümmel ein Kraftwerk mit Zukunft." Nach Daten des Bundesamtes für Strahlenschutz, die Greenpeace veröffentlichte, gab es bis zum Ende des vergangenen Jahres 315 "meldepflichtige Ereignisse" in Krümmel.

2l4e2346.jpg963861573690562068.jpgGreenpeace-Atomexperte Mathias Edler sagte, es sei zynische, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Atomkraft festhalten wolle. "Merkel muss sich entscheiden, ob sie ihren Amtseid 'Schaden vom deutschen Volk zu wenden' ernst nimmt, oder ob es ihr weiter wichtiger ist, die Atomlobby zu unterstützen", erklärte er. "Atomkraft ist gefährlich, teuer, blockiert den Klimaschutz und die Schaffung neuer Jobs in den erneuerbaren Energien."

Quelle: ntv.de, hvo/dpa/AFP