Politik

"Stimme des Osten" verstummtRegine Hildebrandt - "Herz mit Schnauze"

27.11.2001, 07:18 Uhr

Als "Herz mit Schnauze" hat sie sich selbst bezeichnet: Regine Hildebrandt, die als brandenburgische Sozialministerin neun Jahre lang wortgewaltig für die Schwachen und Benachteiligten kämpfte. Seit 1989 hatte sie sich bundesweit einen Namen als "Stimme des Ostens" gemacht. Für die Menschen in den neuen Ländern blieb sie auch nach ihrem Ausscheiden aus der Landesregierung1999 die "Mutter Courage".

Spätestens seit 1996 aber wusste Regine Hildebrandt, das ihre Tage gezählt waren: Sie erkrankte an Krebs. Chemotherapie auf Chemotherapie folgte. In der Nacht zum Dienstag erlag sie nun ihrem schweren Leiden im Alter von 60 Jahren in Potsdam.

Alle Skandale um angebliche Verschwendung von Fördermillionen änderten nichts an Hildebrandts Beliebtheit. Jahrelang führte Deutschlands "Frau des Jahres" 1991 die Meinungsumfragen in Brandenburg als populärste Politikerin an. Mehrmals wurde die promovierte Biologin für das ausgezeichnet, was die Menschen nicht nur im Osten an ihr schätzten: Aufrichtigkeit, Engagement und Unabhängigkeit.

1993 erhielt sie den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis und die "Hamm-Brücher-Medaille für den unabhängigen Politiker". Im Jahr darauf wurde sie für ihre Frauenpolitik mit dem "Hexenbesen" des Potsdamer Frauenzentrums ausgezeichnet, 1997 bekam sie den Bielefelder "Förderpreis der Solidarität".

Bereits vor der Wende engagierte sich Hildebrandt in der Bürgerbewegung "Demokratie jetzt". Im Oktober 1989 trat sie der frisch gegründeten sozialdemokratischen Partei bei. "Ich habe mich eigentlich nie für Politik interessiert", erzählte sie einmal. "Das kam nur durch die Wende. Das war die Einsicht in die Notwendigkeit: Wenn nun etwas anders werden soll, müssen das auch andere Leute machen."

Von April bis August 1990 war sie Ministerin für Arbeit und Soziales in der Regierung von Lothar de Maizire (CDU). Von November 1990 bis Oktober 1999 gehörte sie dem Brandenburger Kabinett von Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) an.

Im Juli 1996 wurde bekannt, dass Hildebrandt an Brustkrebs erkrankt war. Doch schon einen Monat nach ihrer Operation nahm die begeisterte Sängerin der Berliner Domkantorei trotz Chemotherapie und Bestrahlungen ihre Arbeit im Ministerium wieder auf. Für eine völlige Heilung war der Krebs aber schon zu weit fortgeschritten.

Scheinbar unbeeindruckt engagierte sich Hildebrandt weiterhin in der Landespolitik. Im Spätsommer 1999 zog sie als Zugpferd an der Seite Stolpes in den Landtagswahlkampf. Sie errang zwar unangefochten wieder ihr Direktmandat, ihre SPD verlor aber die absolute Mehrheit. Hildebrandt sprach sich für ein Bündnis mit der PDS aus, Stolpe entschied sich für die CDU, die Hildebrandt stets angefeindet hatte. Einzig mögliche Konsequenz: Hildebrandt legte ihr Mandat nieder und schied aus dem Kabinett aus.

Im April diesen Jahres konnte sie zu ihrem 60. Geburtstag (26.4.) noch einmal Glückwünsche aus aller Welt entgegennehmen, vor einer Woche wurde sie auf dem SPD-Parteitag in Nürnberg mit dem besten Ergebnis aller Kandidaten wieder in den Vorstand gewählt. Doch zuletzt verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand so weit, dass sie sich wieder einer Therapie unterziehen musste.

Wie in ihrem ganzen Leben ging sie auch dann noch in die Offensive. Statt sich in ihrem Mehr-Generationen-Haus in Woltersdorf bei Berlin zu verstecken, gab sie Interview auf Interview. Offen sprach die Mutter dreier Kinder darin über die Krankheit und den Tod. Wie sie mit dem Schicksal haderte, als ihre Tochter Elske mit drei Jahren an Leukämie erkrankte. Und dass sie Angst vor dem Leiden habe. In einem Interview Anfang des Jahres warb Hildebrandt für ein selbstbestimmtes Sterben und sorgte damit für Furore. "Ich habe keine Angst vor dem Tod, höchstens vor einem qualvollen Sterben." Für Wirbel sorgte ihre Kritik, dass es in Deutschland nicht die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe gibt. Ihrem Lebensmut konnte all dies bis zuletzt nichts anhaben, geklagt hat sie nie: "Kinder, das gehört zum Leben. Jammern nützt da nichts."