Politik
Lafontaine, Gysi: Hier stimmt die Chemie nicht mehr.
Lafontaine, Gysi: Hier stimmt die Chemie nicht mehr.(Foto: dapd)
Samstag, 02. Juni 2012

"Es herrscht auch Hass": Schlacht der Überväter

von Jochen Müter, Göttingen

Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, die beiden Gründungsväter der Linken, tauchen überraschend auf der Rednerliste beim Parteitag in Göttingen auf. Die beiden stehen beispielhaft für die verhärteten Fronten. Ihre Reden sind hart, klar und deutlich.

Eigentlich war nicht mehr damit zu rechnen, dass er kommt. Zumindest aber nicht, dass er auch spricht. Demnach war Oskar Lafontaines kurzfristige Ankündigung, auf dem Parteitag der Linken in Göttingen doch noch ans Pult zu treten, die Nachricht, die bei den Delegierten die höchste Aufmerksamkeit erfuhr. Die einen, speziell die aus dem Osten, quittierten das bevorstehende Wiedererscheinen des Gründungsübervaters teilweise mit bitterem Spott. "Seine Zeit ist abgelaufen", verstieg sich sogar einer. Schließlich werde er nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren. Die anderen: erfreut. Natürlich. Glauben sie doch, dass der Saarländer mit seiner Fundamental-Opposition immer noch das wichtigste Zugpferd für die Partei ist.

Wenn Lafontaine spricht, muss das auch ein Gregor Gysi tun. Dachte dieser sich – und kündigte ebenfalls kurzfristig eine Ansprache an . Als Gegenpol, sozusagen. Gysi ließ im Vorfeld durchblicken, seine Rede werde eine Art "Tiefpunkt" sein. Damit meinte er nicht die sprachliche Qualität, sondern den Inhalt, der für schlechte Stimmung sorgen könnte: "Es wird ernst", deutete er, sorgenvoll die Stirn in Falten gelegt und bedeutungsschwanger ein Weißweinglas schwenkend, in der Nacht vor dem Linken-Treffen an.

Zuerst spricht Gysi

Personalfragen stehen bei der Partei zurzeit ganz oben auf der Agenda.
Personalfragen stehen bei der Partei zurzeit ganz oben auf der Agenda.(Foto: dapd)

Und so kommt es dann auch. Gysi, geknickt und doch aufgebracht, erzählt von der Arbeit in der Bundestagsfraktion, deren Chef er ist. Der Zustand dort sei "nicht gut". Mehr noch: "In unserer Fraktion herrscht auch Hass", brüllt Gysi plötzlich. Und spricht damit so klar wie niemand bisher aus, was die Linke so brüchig macht: der unterschiedliche Ansatz zwischen den Akteuren aus dem Westen und denen aus dem Osten. "Seit Jahren versuche ich, diese beiden Seiten zusammenzuführen", resümiert Gysi resigniert. "Erfolglos. Und ich bin es leid", setzt er fort. "Die Arroganz gegenüber den Ost-Verbänden ist nicht akzeptabel", wird Gysi dann noch deutlicher und lauter.

Gysi zetert und wettert. Im Mittelpunkt: Die Arbeit im Osten verteidigen, die im Westen würdigen. Aber auch: sie nicht überzubewerten. Schließlich sei die Linke im Westen vom Status der Volkspartei wie im Osten "meilenweit entfernt". Die aus den West-Verbänden kritisierte Nähe zur SPD könne nicht zur Ablehnung von Verantwortung führen, so Gysi. "Man kann mit 20 Prozent nicht ständig erklären, man wolle nur in die Opposition gehen." Und weiter: "Die Wähler erwarten, dass wir gestalten – und dafür müssen wir auch mit anderen zusammenarbeiten." Das sei dann "selbstverständlich", lässt Gysi es raus.

Journalisten nehmen die Rücknahme der Kandidatur von Katharina Schwabedissen zur Kenntnis.
Journalisten nehmen die Rücknahme der Kandidatur von Katharina Schwabedissen zur Kenntnis.(Foto: Müter / n-tv.de)

Doch Gysi, als Retter der PDS nach der Wende und Gründungsvater der Linkspartei, wäre nicht Gysi, würde er nicht versuchen, die Genossen zu einen. Er bittet um Zusammenhalt. Nein, er fleht geradezu. "Wir zerstören uns nur selbst. Dabei ist die Linke so wichtig für die Menschen und Europa." Und dann fährt er ein sehr scharfes Geschütz auf: "Entweder gibt es hier eine kooperative Führung oder eine faire Trennung wäre besser." Zwei Minuten lang applaudieren die Delegierten im Stehen. Sie sind begeistert, aber auch geschockt von Gysis Offenheit.

Und dann Lafontaine

Nach der Rede von Lafontaine gibt es auch Standing Ovations. Der zweite Überraschungsgast ergreift direkt nach Gysi das Mikrofon. Er müsse "zumindest einem Satz" von Gysi zustimmen, beginnt Lafontaine: "Wir haben kein Recht, diese linke Partei zu verspielen. Wer soll denn sonst Widerstand leisten?" Der Saarländer verkneift sich zunächst Kritik an den Ost-Verbänden. Der Eindruck, im Westen sei die Partei nicht an Regierungszusammenarbeit bereit, stimme nicht. "Das ist eine Hetzkampagne der Medien", brüllt Lafontaine. Und: Die SPD verweigere regelmäßig gemeinsame Beschlüsse.

Dann doch sein offenes Wort in Richtung Osten: SPD-Chef Sigmar Gabriel habe Unrecht, wenn er sage, die SPD habe die Linke marginalisiert. "Nein", sagt Lafontaine, "das sind wir selbst gewesen." So sei etwa die Diskussion über die Vorsitzenden viel zu früh begonnen  worden und damit verheerend gewesen. "Das war unnötig, was da geschehen ist." Und tatsächlich: Der scheidende Klaus Ernst, gefördert von Lafontaine, wurde seit Monaten vor allem aus den Ostverbänden stark kritisiert. Und Herausforderer Dietmar Bartsch stellte sich bereits vor Monaten als Gegenkandidat auf.

Letztlich richtet Lafontaine aber – ähnlich wie Gysi – versöhnende Worte an seine Genossen . Es gebe keinen Grund, das Wort Spaltung zu benutzen. "Wir haben unser Programm mit 95 Prozent Zustimmung beschlossen. Wo ist das der Grund für eine Spaltung?" Und weiter: "Wir haben zusammen die deutsche Politik verändert. Und es gibt keinen Grund, das nicht wieder zu tun."

Quelle: n-tv.de

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