Politik

Judenverfolgung in der NS-Zeit So verlief ein "ganz normales Pogrom"

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Die Bilder, die am 10. November 1938 in Guntersblum entstanden, liegen heute im Landesarchiv Speyer.

(Foto: Landesarchiv Speyer, Bestand X 3, Nr. 111)

Seit Jahrzehnten fragen sich Deutschland und der Rest der Welt: Wie war der Massenmord an den Juden möglich? Nun liegt ein Buch vor, das der Antwort ein Stück näher kommt. Die Fassungslosigkeit aber bleibt.

Das Winzerdorf Guntersblum, eine halbe Autostunde südlich von Mainz entfernt, liegt idyllisch zwischen Weinbergen. Die 4000-Seelen-Gemeinde rühmt zurecht ihren "Kellerweg" als "Traummeile des Weines": An der denkmalgeschützten Straße liegen mehr als 100 Weinkeller. Die Weinherstellung ist untrennbar mit der Historie des Ortes verbunden.

Im November 2008 holte Guntersblum ein völlig anderer, düsterer Teil seiner mehr als 1000-jährigen Geschichte ein. Kurz vor dem 70. Jahrestag der von den Nazis gesteuerten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung veröffentlichte die "Welt" zwei Fotos aus dem Landesarchiv Speyer. Sie gehören zu einer Serie von Aufnahmen, die am 10. November 1938 in Guntersblum gemacht wurden und insgesamt sechs ältere Juden zeigen, die zu einem Demütigungsmarsch durch den Ort gezwungen worden waren.

Die Fotos zählen zu den extrem seltenen Dokumenten der Pogrome zwischen dem 7. und 13. November 1938, auf denen nicht Täter und die Ergebnisse ihres Hasses - in Brand gesetzte Synagogen, zerstörte Geschäfte und Wohnungen - zu sehen sind, sondern Opfer. Die sechs Juden tragen helle Gebetsschals, teils Talare und Thorarollen. Im Gänsemarsch laufen sie durch Guntersblum, begleitet von Nazis in SA-Uniform oder Arbeiterkleidung und einer Heerschar Kinder, die schulfrei bekommen hat, um dem fiesen Spektakel beiwohnen zu können.

Guntersblum war eine von mehr als 1000 Kommunen unterschiedlicher Größen, in denen im November 1938 Juden schikaniert, malträtiert und ermordet wurden. Einmalig aber ist, dass das Guntersblumer Verbrechen beinahe lückenlos aufgearbeitet werden konnte. Es liegen zahlreiche Dokumente aus der NS- und der Nachkriegszeit vor, darunter Vernehmungsprotokolle von Zeugen und Tätern, die die Alliierten befragt hatten. Die sechs Gedemütigten und ihre Peiniger, die auf den Fotos gut zu erkennen sind, konnten identifiziert werden, ihre Namen sind bekannt.

Wie konnte das geschehen?

Sven Felix Kellerhoff, seit 2003 Leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte der "Welt", hat die Fakten zusammengetragen und über den Guntersblumer Demütigungsmarsch ein Buch mit dem bezeichnenden Namen "Ein ganz normales Pogrom" geschrieben. Das Werk gibt - jenseits psychologischer Aspekte, die Kellerhoff als studierter Historiker natürlich außen vorlässt - eine Antwort auf die ewigen Fragen: Wie konnte das geschehen? Wie konnten aus Nachbarn plötzlich Barbaren werden und jene Menschen als Aussätzige behandeln, mit denen sie eben noch friedlich nebeneinander wohnten?

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Kellerhoff bettet die Guntersblumer Ereignisse ein in die historische Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg. Die Auswirkungen der Nazi-Propaganda und Gesetze zur sozialen Ausgrenzung der Juden bricht der Autor immer wieder auf die regionale Ebene herunter. Somit zeigt das Buch auf, wie erst die antisemitische Stimmung und dadurch der Kreis der Täter, Helfershelfer und Dulder zunahm.

Die Befehlsketten in Hitlers Machtapparat sind alle gut erforscht. Dafür muss man das Buch nicht lesen. Spannend ist zu erfahren, wie sie auf kommunaler Ebene umgesetzt wurden. Dafür stehen protokollierte Sätze auf Täterseite. Ein SA-Mann etwa ging in Osthofen, zwölf Kilometer von Guntersblum entfernt, mit einem Kanister Benzin in der Hand zur Gendamerie und erfuhr dort, er könne "die Synagoge ruhig in Brand stecken, es würde mir nichts passieren. Sie hätten Weisung von ihrer vorgesetzten Dienststelle, nicht einzugreifen."

Zwei von sechs überleben

In Guntersblum, wo 1938 an die 60 Juden lebten, wurde die Synagoge geschändet, aber nicht in Brand gesetzt. Einerseits war sie eingebettet zwischen Häusern, die "Ariern" gehörten. Andererseits ergaben Kellerhoffs Forschungen, dass im November 1938 schon feststand, dass ein Dorfbewohner das Gebäude kaufen würde.

Ans Gemüt gehen die Schilderungen des Demütigungsmarsches. Leo Fränkel, einer der zwei Überlebenden auf den Fotos, musste voraus laufen und den Zug mit einer Schelle ankündigen. Er schickte den Alliierten aus dem US-Bundesstaat Ohio einen Bericht, wonach er und die anderen Juden stundenlang "angepöbelt, vollgespuckt" sowie "mit Latten, Stöcken, Eisenstücken" geschlagen und mit Steinen und Sand beworfen wurden.

Ludwig Liebmann, der zweite Überlebende, schilderte, er "wurde im Bienengässchen ans Ende der Prozession geholt und so verhauen und getreten, dass es mir nur mit äußerster Kraft möglich war, mich aufrecht zu halten". Ein Junge sagte, Liebmann seien auf dem vermutlich blutenden Kopf "Pferdeäpfel auf der Glatze zerrieben" worden.

Kellerhoff schildert aber auch die wenigen Hilfen, die Guntersblumer ihren Nachbarn zukommen ließen. Deutlich wird, dass der Druck auf jene, die den Verfolgten beistanden und sie verteidigten, immens war. Das Spitzel- und Denunziantentum muss in Hitlers Staat fast perfekt funktioniert haben.

Manch Leser wird die Detailversessenheit des Autors als nervig empfinden. Wer will wissen, dass ein Pfarrer 1925 bei bestimmter Gelegenheit "abermals über Psalm 126" predigte? Allerdings geht es Kellerhoff genau darum, ein "ganz normales Pogrom" und dessen Entstehung so konkret wie möglich zu schildern, damit im Kleinen das große Ganze sichtbar wird.

Haarsträubende Ausreden und Lügen

Das Ende des Buches ist der Nachkriegszeit gewidmet. Kellerhoff stellt ausdrücklich die Bemühungen in Guntersblum heraus, sich seiner Vergangenheit gestellt zu haben, nachdem die Fotos publik wurden. Er berichtet auch über das Ringen der Überlebenden um Entschädigungen. Er dokumentiert die Urteile gegen die Täter im Rahmen der "Entnazifizierung". Die Beschuldigten, die teils haarsträubende Ausreden und Lügen vorbrachten, hatten Glück: Obwohl sie sehr schnell vor Gericht kamen, machte sich da schon die von den Alliierten geförderte Schlussstrich-Mentalität breit. Die Peiniger der sechs Juden - nicht einmal alle kamen vor Gericht - erhielten Gefängnisstrafen zwischen acht Monaten und zweieinhalb Jahren. Teilweise profitierten sie von einer Amnestie der Adenauer-Regierung.

Der für Guntersblum zuständige ehemalige NS-Propagandaleiter bestritt, die Juden geprügelt und ihre Häuser mit zerstört und geplündert zu haben. Er verwies darauf, am Abend des 10. November 1938 beim örtlichen Metzger für die inhaftieren Opfer "Wurst zur Verpflegung gekauft zu haben", was Zeugen bestätigten. Eben noch eingefleischter Nazi, wurde ihm unter Verweis auf die Wurst bescheinigt, "dass er sich künftig wieder als brauchbarer Bürger der Demokratie zeigen wird".

Dabei war auch die Essenslieferung mit Demütigung verbunden. Laut Nachbarn soll der Mann als glühender Antisemit noch während des Krieges damit geprahlt haben, absichtlich Wurst aus Schweinefleisch zum Fraß vorgelegt zu haben. Das gilt Juden als nicht koscher, weshalb sie es eigentlich nicht essen dürfen. Doch der Hunger war stärker als die religiösen Gebote. Die Juden haben die Wurst gegessen.

Disclaimer

Unser Autor Thomas Schmoll arbeitet auch für die "Welt". Er kennt Sven Felix Kellerhoff nicht persönlich und hat mit dem Ressort "Zeit und Geschichte" nichts zu tun.

Quelle: n-tv.de

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