Politik
Bevor "Florence" auf die US-Küste traf, sagte US-Präsident Donald Trump: "Wir sind absolut total vorbereitet."
Bevor "Florence" auf die US-Küste traf, sagte US-Präsident Donald Trump: "Wir sind absolut total vorbereitet."(Foto: picture alliance/dpa)
Sonntag, 16. September 2018

"Florence" wütet in den USA: Trump versucht sich als Kümmerer

Sturm "Florence" setzt die US-Südostküste unter Wasser. Und Trump bemüht sich, als Herr über die Krise aufzutreten und den Menschen Mut zu machen. Wie schlägt sich der US-Präsident, der eher für seine Twitter-Attacken bekannt ist, dabei?

Der Südosten der Vereinigten Staaten kämpft mit den Wassermassen: Auch wenn "Florence", zunächst als "Hurrikan" in North Carolina eingetroffen ist und inzwischen zum Tiefdruckgebiet herabgestuft wurde, fällt weiter ergiebiger Regen. Große Teile der Bundesstaaten North Carolina, South Carolina und inzwischen auch Gebiete im Süden Virginias sind überschwemmt. In den nach Sturmfluten im Atlantik auf Rekordstände angeschwollenen Flüssen drückt das Wasser immer weiter ins Inland.

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Mindestens sechs Menschen kamen ums Leben, manche US-Medien berichteten von noch mehr Todesopfern. Bei solchen Naturkatastrophen kommt es auf die Kümmerer-Qualitäten eines Regierungschefs an. Gerade Donald Trump könnte es derzeit gut gebrauchen, zur Abwechslung als so etwas wie der große Landesvater wahrgenommen zu werden.

Ein Ruf als Tröster, als versierter Krisenmanager, als Ruhepol in einer Notlage eilt ihm nicht unbedingt voraus. Der US-Präsident versucht sich trotzdem in dieser Rolle. Einmal mehr und auf sehr eigenwillige Weise. Über Tage bereitete sich die Südostküste der USA auf den nahenden Sturm vor. Die Szenarios waren düster, die Befürchtungen groß. Trump versuchte, den Eindruck größtmöglicher Kontrolle zu vermitteln. Vor der Ankunft von "Florence" betonte er unermüdlich, die Behörden seien allerbestens gewappnet: "Wir sind absolut total vorbereitet".

Twitter-Botschaften im Minutentakt

Er richtete sich in einer Video-Botschaft an die Küstenbewohner ("Wir lieben euch alle, wir wollen, dass ihr in Sicherheit seid"). Und als der Sturm am Freitag schließlich auf die Küste traf, setzte er bei Twitter eine - selbst für seine Verhältnisse - ungewöhnlich hohe Zahl an Botschaften ab: Quasi im Minutentakt retweetete er Mitteilungen von Katastrophenschützern und Nothelfern und lobte deren Einsatz.

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Trump tut aber auch etwas anderes: Er betreibt Selbstverteidigung und Vergangenheitsbewältigung in anderer Sache. Seit Tagen arbeitet er sich an jenem Hurrikan ab, der genau vor einem Jahr das US-Außengebiet Puerto Rico heimsuchte und dort enormen Schaden anrichtete. Dutzende Menschen starben im Sturm "Maria". Monatelang waren die Inselbewohner ohne Strom, manche sind es heute noch. Nun nutzt Trump die Debatte über "Florence" intensiv, um den Umgang mit dem Sturm "Maria" rückblickend als große Erfolgsgeschichte zu verkaufen.

Der Hurrikan-Einsatz dort sei ein "unglaublicher Erfolg" gewesen, "einer der besten Jobs überhaupt", verkündete Trump in den vergangenen Tagen mehrfach. Nur wollten das viele nicht wahrhaben. Und Puerto Rico habe schon vor dem Sturm Probleme gehabt. Er beschimpfte die Bürgermeisterin der Hauptstadt von Puerto Rico, Carmen Yulin Cruz, bei Twitter als "völlig inkompetent", und zweifelte dort auch wiederholt die Ergebnisse einer Studie an, wonach bis zu 3000 Menschen in Folge des Hurrikans "Maria" gestorben sind. Dahinter steckten die Demokraten, um ihn schlecht aussehen zu lassen, schrieb Trump in einem seiner Tweets.

Die Kümmerer-Rolle könnte Trump helfen

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Die Oppositionsführerin der Demokraten im US-Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, bezeichnete das als "höchst bedauerliche Aussage" und sagte, es sei traurig, dass Trump beim Thema Puerto Rico noch Salz in die Wunden streue. Kritiker fragen sich eh, ob Trump angesichts von "Florence" nicht eigentlich anderes zu tun hätte, als sich an dem verheerenden Hurrikan des vergangenen Jahres abzuarbeiten. Denn die Lage in den betroffenen Gebieten ist ernst. Weil mehrere Flüsse von den Regenmassen so angeschwollen sind, ordneten die Behörden weitere Evakuierungen an. So wurden die Menschen in Teilen der Stadt Fayetteville aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen, weil die Pegel des Cape Fear River Rekordstände erreichen könnten. Viele Menschen verbrachten das Wochenende in Notunterkünften.

Auch in der Touristenstadt Myrtle Beach in South Carolina, die vergleichsweise glimpflich davonkam, war eine temporäre Einrichtung des Roten Kreuzes am Samstagabend noch gut gefüllt. Für Helfer ist das eine Ausnahmesituation. Zwölf Stunden dauert eine Schicht, danach stehen die Helfer auf Abruf bereit. An Schlaf ist also kaum zu denken. Und wenn die Notunterkünfte geräumt sind, werden die Helfer des Roten Kreuzes von Haus zu Haus ziehen, um die Schäden zu erfassen. Notfalls mit Booten. Das ganze Ausmaß der Zerstörung wird erst abzusehen sein, wenn das Wasser weg ist.

Trump will Anfang oder Mitte der kommenden Woche in die Küstengebiete reisen, die von "Florence" getroffen wurden. Es bleibt abzuwarten, welchen Eindruck er dort hinterlässt - und vor allem, wie er die Aufräumarbeiten und die Beseitigung der Schäden vorantreiben wird.

Dass sich derzeit viel Aufmerksamkeit auf den Sturm richtet, dürfte Trump nicht ungelegen kommen. Die vergangenen zwei Wochen waren für ihn innenpolitisch unangenehm. Außerdem stehen in wenigen Wochen die Zwischenwahlen im US-Kongress an - zur Halbzeit von Trumps Amtszeit. Da haben die Demokraten gute Chancen, die Mehrheit im Repräsentantenhaus von den Republikanern zurückzuerobern. Trump hätte also einigen Bedarf, als Kümmerer für Sturm-Opfer wahrgenommen zu werden, anstatt als skandalumwobener und attackierter Regierungschef. Ob ihm das gelingt, muss sich zeigen.

Quelle: n-tv.de