US-Wahl 2020

US-Demokraten lecken Wunden Wirklich überzeugend war das nicht

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Joe Biden bei seiner Siegesrede in Wilmington, Delaware.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Warum haben Joe Biden und die Demokraten nicht deutlicher gewonnen? Manche der Antworten auf diese Frage dürften dem künftigen Präsidenten nicht gefallen.

Noch bevor die großen US-Medien Joe Biden als nächsten US-Präsidenten verkündet hatten und seine Anhänger in Pennsylvania, New York und Washington auf der Straße tanzten, fragten sich andere schon, weshalb es überhaupt so knapp sein konnte. Biden entschied einige Staaten nur äußerst knapp für sich. Im Repräsentantenhaus wird die Mehrheit der Demokraten schrumpfen. Der Senat bleibt womöglich in republikanischer Hand und könnte dem designierten Präsidenten die Hände binden.

Die Umfragen lagen kolossal daneben - so weit, so bekannt. Auch dass die Auszählung so lange dauern könnte, war wegen der Briefwähler erwartbar. Aber dies Mal beiseitegelassen: Warum fiel die blaue Welle so klein aus? War der Kandidat nicht charismatisch genug? Das Programm zu schwach? Wessen Stimmen haben gefehlt? Umfragen, die vor oder direkt nach der Wahl durchgeführt wurden, geben erste Hinweise, die wegen der vielen Briefwahlstimmen allerdings nur vorläufig sein können.

Demokraten haben sich verkalkuliert

Bei den Demokraten herrscht seit Jahrzehnten ein Traum vor: Je stärker der Anteil der weißen Wähler schrumpft, desto eher gewinnen wir die Wahlen. Dieser Traum geht davon aus, dass Latinos, Afroamerikaner und asiatischstämmige US-Bürger quasi automatisch die Demokraten wählen. Die Nachwahlbefragungen legen jedoch nahe, dass dies nicht der Fall ist, dass vielmehr auch die Unterstützer der Republikaner ein bisschen bunter werden. Das sind Stimmen, auf die sich die Demokraten so gut wie verlassen hatten.

Fast ein Drittel der registrierten Wähler ordnen sich aktuell als nicht weiß ein. Insgesamt 26 Prozent von ihnen sagten nach der Wahl, sie hätten sich für Trump entschieden. Unter den männlichen Latinos war es sogar ein Drittel. Manch konservatives US-Medium jubelte schon auf Basis der Exit Polls, Trump sei bei Nicht-Weißen so beliebt wie kein republikanischer Präsident seit 1960. Aber erst die offiziellen Ergebnisse werden die genauen Zahlen enthalten.

Es gibt noch andere Falltüren. Die Corona-Krise etwa könnte einen möglichen Trend schlicht vorgaukeln: Viel mehr Latinos und Afroamerikaner als Weiße gehören zu den niedrigeren Einkommensschichten und arbeiten in Service-Jobs. Diese sind von Arbeitsbeschränkungen wesentlich schneller betroffen, wegen fehlender Ersparnisse ohnehin verwundbarer. Irgendwann sind Lebensmittel wichtiger als alles andere. Als Trump ständig versprach, die Wirtschaft offenzuhalten, die Schulen nicht zu schließen (sodass die Kinder nicht zu Hause betreut werden müssen) und zugleich davor warnte, dass Biden einen Lockdown plane, könnte auch das die Wahlentscheidung beeinflusst haben. Ganze 17 Prozent der demokratischen Wähler sagten, sie hätten Biden wegen der Wirtschaft ihre Stimme gegeben.

Vielleicht haben sich auch manche bevormundet gefühlt oder in ihrem Stolz verletzt. Im Wahlkampf hatte Biden zu einem afroamerikanischen Wähler gesagt: "Wenn du ein Problem hast zu entscheiden, ob du für mich oder Trump stimmst, bist du nicht schwarz." Wenige Tage vor der Wahl echauffierte sich der Demokrat James Clyburn bei Fox News mit schwankender Stimme, für einen Afroamerikaner, der Trump seine Stimme gibt, könne er nur noch beten. Clyburn ist der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus und selbst schwarz.

Bei den Weißen ohne Hochschulabschluss, sie machen etwa ein Fünftel aller Wähler aus, hat Biden einige Wähler gegenüber Hillary Clinton 2016 hinzugewonnen. Auch in den Vororten legte er zu. Das Kalkül, Biden werde mehr von ihnen ansprechen, ist also aufgegangen. Die erhoffte Welle war das jedoch nicht.

Nicht charismatisch genug

Biden hat zwar bei weißen Wählern hinzugewonnen. Aber er ist nicht Kandidat der Demokraten geworden und hat gesiegt, weil er eine herausstechende Persönlichkeit ist, sondern einfach nur, weil er nicht Trump war. Die Partei hätte also womöglich sonst wen aufstellen können, der keine größeren Leichen im Keller hat. Biden reichten gute Umfragewerte und die Überzeugung der Partei, dass die Wahl in der Mitte gewonnen wird, damit sie sich hinter ihm versammeln konnte. Die Begeisterung für den Kandidaten selbst hielt sich jedoch in engen Grenzen.

In Nachwahlbefragungen sagte eine große Mehrheit, dass Inhalte zu ihrer Wahlentscheidung geführt hätten, nicht die Persönlichkeit der Kandidaten. Es dürfte also eine Abwägung stattgefunden haben: Ist mir wichtiger, wie sich der Kandidat verhält, oder wofür er steht? Die Wähler der Demokraten wollten zuerst die Corona-Krise bewältigt sehen, was sie eher Biden zutrauen.

Das Programm reichte

Die Demokraten hatten wie üblich ein Wahlprogramm veröffentlicht und Biden ein eigenes dazu. Viele grundlegende Forderungen des linken Flügels sind darin nicht enthalten: Der Green New Deal fehlt ebenso wie die öffentliche Krankenversicherung für alle und eine Umwidmung der Polizei- zu Sozialbudgets. Das könnte erklären, warum die Begeisterung für Biden nicht besonders groß war. Je jünger die Wähler, desto linker die Positionen.

Wechselwähler, die überzeugt werden können, gibt es in den USA ohnehin nur noch sehr wenige, etwa 3 Prozent. Das bedeutet: Die Parteien versuchen vor allem, die ohnehin zu ihnen tendierenden Wähler zu animieren, ihre Stimme abzugeben. Dafür hat das Programm offensichtlich gereicht. Trotzdem sticht etwas heraus: Fast alle Demokraten wollen, dass der Staat eine bessere Gesundheitsversorgung bereitstellt; 77 Prozent wollen eine einzelne öffentliche Krankenversicherung, aber nur 62 Prozent nannten das Thema als wahlentscheidend für Biden. Das könnte damit zusammenhängen, dass er ein komplett neues Modell scheut.

Innerhalb der Demokraten gab und gibt es die Konflikte darum, wie progressiv Biden als Präsident vorgehen sollte. Seine Siegesrede dürfte dem linken Flügel keine Hoffnung machen. Biden kündigte wegen fehlender Mehrheiten vor allem Kompromisse mit den Republikanern an, keine großen Veränderungen. Er will das Land nun einen. Das könnte schon bei seiner eigenen Partei schwierig genug werden.

Quelle: ntv.de