Politik

Von einem Sonntag in Blau-Gelb Vereint in der Wut auf Putin

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Der Vergleich zwischen Wladimir Putin und Adolf Hitler wurde von vielen Demonstranten angestellt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu einer historischen Sitzung zusammenkommen, strömen vor dem Parlament Hunderttausende zu einer Demonstration gegen Putins Krieg gegen die Ukraine zusammen. Nichts scheint an diesem Sonntag normal.

Blauer Himmel, prall-gelber Sonnenschein: Die Nationalfarben der Ukraine sind überall an diesem Februarsonntag in Berlin. Das Bedürfnis vieler Menschen, ihrer Sorge und Anteilnahme am Schicksal der Ukraine Ausdruck zu verleihen, ist erkennbar groß. Auch bei den Abgeordneten des Deutschen Bundestags: Die Farbkombination ist das Sonntagsoutfit schlechthin für diese historische Sondersitzung, die am späten Vormittag startet. Drei Stunden lang vermisst das Parlament die deutsche Sicherheitslage und das Schicksal des überfallenen Landes. Wer zwischendurch den Plenarsaal verlässt, sieht durch die Fenster eine wachsende Zahl an Menschen, die ebenfalls Blau-Gelb tragen. Es sind Demonstranten, die am Reichstagsgebäude vorbei zur großen Friedensdemo gehen.

Es passiert nicht oft, dass das Drinnen und das Draußen im Bundestag derart eng beieinander sind. "Dieser Krieg ist Putins Krieg", stellt Bundeskanzler Olaf Scholz klar - nicht der des russischen Volkes, das in dieser Frage genauso wenig Mitsprache hat wie in anderen. Diese Sichtweise deckt sich mit der der Demonstranten: "Fick dich, Putin", Vergleiche mit Hitler und andere Verwünschungen schleudern sie dem russischen Autokraten von Bannern und Schildern entgegen, daneben die ukrainischen Farben und der Slogan "Kein Krieg!".

Eine russlandfeindliche Stimmung ist nirgendwo wahrzunehmen, auch nicht bei den zahlreichen Ukrainern und Deutschen mit ukrainischen Verwandten. Sie singen ihre Nationalhymne, verfluchen Putin und fordern mehr Unterstützung von Deutschland und der NATO. So wie der Ukrainer Alexander, der seit zwei Jahren in Wolfsburg lebt und nun mit ernster Miene durch den Tiergarten geht. "Die Sanktionen sind nicht ausreichend", sagt der 24-Jährige. Seine Eltern und seine Schwester lebten weiter in der umkämpften Region Donezk, berichtet Alexander. "Sie verstecken sich im Keller."

Minutenlanger Applaus für Melnyk

Fast jede größere Demonstration ist von dem erhebenden Gefühl getragen, das sich automatisch einstellt, wenn Gleichgesinnte in großer Zahl zusammenkommen. Die Stimmung ist dann meist fröhlich-aufgekratzt. Die Massenansammlung zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule dagegen ist erkennbar ernsthafter Natur. Viele junge Menschen sind gekommen, machen die scheinbar unvermeidliche Erfahrung einer jeden Generation, mindestens einmal im Jugendalter gegen einen großen Krieg zu demonstrieren.

Irak, Afghanistan, Syrien und selbst das den Menschen damals kaum bekannte Kosovo: Kriege sind gefühlt immer weit entfernt gewesen. Wie nahe dagegen die Ukraine ist, dass seit Donnerstag ein Krieg mitten in Europa tobt, ist auf dieser Demonstration förmlich zu spüren. Die vielen Ukrainer und ukrainisch-stämmigen Deutschen, die hier auch demonstrieren, machen den Krieg auch für alle anderen greifbar. In jedes dieser ernsthaften Gesichter interpretiert man unweigerlich die Sorge um Familie und Freunde im Kriegsgebiet hinein. Als Ukrainer vor dem Brandenburger Tor, diesem europäischen Freiheitssymbol schlechthin, ihre Nationalhymne singen, zücken Menschen reihenweise Handys für Fotos und Videos.

Die Sehnsucht nach echten Gefühlen, die man dieser diffusen Weltlage entgegensetzen kann, ist auch im Bundestag zu spüren. Als Parlamentspräsidentin Bärbel Bas den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk begrüßt, erheben sich die meisten Abgeordneten zu minutenlangem Applaus. Melnyk hatte über Wochen für Waffenlieferungen geworben und das oft wenig diplomatisch. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich hatte ihn dafür scharf kritisiert, Waffenlieferungen abgelehnt und sich gegen eine neue Rüstungsspirale ausgesprochen.

Ukraine wird zum globalen Symbol der Freiheit

Mützenich hatte damit eine Mehrheitsmeinung der deutschen Linken wiedergegeben. Nun applaudiert auch er Melnyk und darf im Anschluss einer kämpferischen Rede seines Bundeskanzlers lauschen, in der Scholz Waffenlieferungen an die Ukraine zum Gebot der Stunde erklärt und eine deutsche Rüstungsoffensive beispiellosen Ausmaßes verkündet.

Der Überfall von Putins Truppen auf eine souveräne und friedliche Nation hat viele Gewissheiten und Überzeugungen erschüttert. Deutschland stimmt sich auf einen langwierigen, wirtschaftlich schmerzhaften und militärisch gefährlichen Konflikt mit Russland ein. Die Ukraine dagegen wird zum globalen Symbol der Freiheit, wie es vor einem halben Jahrhundert vielleicht das von der Sowjetunion umzingelte Westberlin war.

Auf der Demonstration tragen Menschen T-Shirts mit dem Gesicht des kämpferischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj. Zitate aus diesem Krieg wie "Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit" oder "Fick dich, russisches Kriegsschiff" sind auf Pappschildern zu lesen. Die Sympathie und das Bangen vieler Menschen gehört dem angegriffenen Land. Die Sorgen der Politik und der Demonstranten aber gehen längst über die Ukraine hinaus.

Quelle: ntv.de

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