Politik
Das Regierungsviertel von Oslo ist verwüstet.
Das Regierungsviertel von Oslo ist verwüstet.(Foto: dpa)
Die Zerstörungen in der Osloer Innenstadt sind immens.
Die Zerstörungen in der Osloer Innenstadt sind immens.(Foto: dpa)
Samstag, 23. Juli 2011

Doppelattentat entsetzt Norwegen: Vermutlich 80 Tote in Jugendcamp

Bei einem Anschlag auf ein Jugendcamp auf einer Insel nahe der norwegischen Hauptstadt Oslo werden mindestens 80 Menschen getötet. Die Polizei entdeckt viele Leichen auf der Insel Utøya. Die Lage sei nach wie vor unübersichtlich, heißt es. Auch könne die Zahl der Opfer noch weiter steigen. Die Tat habe "katastrophale Ausmaße". Ministerpräsident Stoltenberg war in dem Jugendcamp erwartet worden. Wenige Stunden vor dem Blutbad waren bei einem Bombenanschlag in Oslo bereits mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest. Der 32 Jahre alte Norweger soll für beide Taten verantwortlich sein. Nach Medienberichten stammt er vermutlich aus der rechten Szene.

Blutige Terroranschläge mit mindestens 87 Toten in Norwegen: Bei einer Bombenexplosion im Regierungsviertel der Hauptstadt Oslo kamen am Freitag mindestens sieben Menschen ums Leben. Wenige Stunden nach dem Attentat in Oslo richtete ein als Polizist verkleideter Mann ein Blutbad auf der Insel Utøya an und erschoss mindestens 80 Menschen. Bei dem fünftägigen Camp sollte auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg einen Gastauftritt haben. Bei beiden Anschlägen wurden zudem zahlreiche Menschen verletzt.

Verdächtiger ist Norweger

Die idyllische Insel Utøya wird Schauplatz eines blutigen Verbrechens.
Die idyllische Insel Utøya wird Schauplatz eines blutigen Verbrechens.(Foto: AP)

Die Polizei nahm einen Norweger fest, der nach Ansicht der Ermittler sowohl für die Schüsse in dem Feriencamp als auch für den Bombenanschlag verantwortlich sein könnte. Unklar war, ob es ein Einzeltäter war.

Die Polizei vermutet die Drahtzieher der Anschläge im Inland und hatte zunächst keine Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben. Justizminister Knut Storberget sagte, es habe im Vorfeld keine Terrordrohungen gegeben.

Mit derart verheerenden Anschlägen war Norwegen noch nicht konfrontiert.
Mit derart verheerenden Anschlägen war Norwegen noch nicht konfrontiert.(Foto: Reuters)

Wahrscheinlicher sei eine lokale Variante, die sich gegen das politische System wende, meldete die Nachrichtenagentur NTB. Nach Angaben der Polizei hingen beide Attacken miteinander zusammen. Wie der norwegische Sender TV2 ohne Angaben von Quellen berichtete, hat der Festgenommene Verbindungen zur rechtsextremen Szene. Die Polizei habe die Wohnung des Mannes in Oslo durchsucht. Die Zeitung "VG" berichtete, der 32-Jährige habe sich im Internet selbst als Nationalist und Gegner einer multikulturellen Gesellschaft bezeichnet.

Bereits vor Jahren habe er im Internet Beiträge mit kontroversem Inhalt veröffentlicht, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen Jugendfreund. Sein Facebook-Profil sei deshalb gelöscht worden. Später habe der Verdächtige, der eine Handelsschule in Oslo besucht haben soll, dann ein neues Profil angelegt, dort aber keine kontroversen Meinungen mehr veröffentlicht.

Kein Regierungsmitglied verletzt

Die Wucht der Detonation im Zentrum Oslos verwüstete mehrere Gebäude, darunter den Sitz von Ministerpräsident Stoltenberg. Der Regierungschef wurde jedoch nicht verletzt. Aus Sicherheitsgründen wurde sein Aufenthaltsort nach dem Anschlag zunächst geheim gehalten. Laut Stoltenberg waren auch alle anderen Regierungsmitglieder wohlauf.

Zu den möglichen Motiven des festgenommenen Norwegers stand noch nichts fest. Der Mann wurde verhört. Er soll vor den Schüssen auf der Insel in Oslo gesehen worden sein. Es sei noch nicht sicher, welche Waffen er benutzt oder ob er bei den Anschlägen alleine gehandelt habe, so die Polizei.

Mehr Opfer befürchtet

Einige Jugendliche versuchen in Panik, von der Insel an Land zu schwimmen.
Einige Jugendliche versuchen in Panik, von der Insel an Land zu schwimmen.(Foto: Reuters)

Die Lage in dem von 560 Mitgliedern der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF besuchten Lager war als "chaotisch" beschrieben worden. Polizisten einer Anti-Terror-Einheit mit schusssicheren Westen eilten zum Tatort. Laut Medienberichten brach unter den Jugendlichen in dem Lager Panik aus. Mehrere Mädchen und Jungen seien von der Insel aus ins Wasser gesprungen und an Land geschwommen.

Der 32-jährige Angreifer habe eine polizeiähnliche blaue Uniform getragen, sei aber nie Polizist gewesen, sagte der stellvertretende Osloer Polizeichef Sveining Sponheim. Ein Polizist beschrieb den Täter als hochgewachsen und blond. Die Polizei fürchtet, dass bei der Schießerei im Ferienlager auf der Insel Utøya noch mehr als die bisher gemeldeten 80 Menschen ums Leben gekommen sind. Auf der Insel sei auch nicht detonierter Sprengstoff gefunden worden. Die Ermittler hatten bereits vermutet, dass auf der Fjordinsel Sprengstoff versteckt sein könnte. Regierungschef Stoltenberg hatte ursprünglich geplant, das Camp zu besuchen.

Stoltenberg beschwört Zusammenhalt

Stoltenberg: Wir werden unsere Werte verteidigen (Archivfoto).
Stoltenberg: Wir werden unsere Werte verteidigen (Archivfoto).(Foto: dpa)

Am späten Abend trat Stoltenberg vor die Presse und beschwor den Zusammenhalt im Land. Die Bevölkerung solle auf die Polizei hören, das Zentrum von Oslo meiden. Er habe eine Botschaft an die Täter: "Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören." Niemand könne Norwegen "zum Schweigen schießen", das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen. Er kündigte eine entschlossene Reaktion der Behörden an: "Wir werden alle verfügbaren Kräfte einsetzen, um uns zu schützen."

Oslo unter Schock

Die City wird nach dem Anschlag geräumt.
Die City wird nach dem Anschlag geräumt.(Foto: AP)

Die Bombe in Oslo explodierte gegen 15.30 Uhr vor dem 17-stöckigen Hauptgebäude der Regierung. Die Detonation war so heftig, dass das sämtliche Fensterscheiben zerstört wurden. Metall und Trümmerteile wurden über Hunderte Meter verstreut. Auch mehrere benachbarte Ministerien wurden beschädigt. Das Öl- und Energieministerium (OED) geriet in Brand. "Es sieht aus, als ob es direkt vor unseren Büros passierte", sagt Håkon Smith-Isaksen vom OED.

In Mitleidenschaft gezogen wurde auch das Gebäude eines Verlags, der kürzlich ein Buch zum Streit über die Mohammed-Karikaturen herausgegeben hatte. Der Verlag war aber offenbar nicht das Ziel des Anschlags. Durch die Wucht der Detonation wurden Fenster des Verlagsgebäudes herausgerissen. Überall lagen Glasscherben. "Das ist das totale Chaos", sagte eine NRK-Journalistin. Sie habe angesichts der Wucht der Detonation zunächst an ein Erdbeben geglaubt. Das Haus des staatlichen Rundfunks befindet sich neben dem beschädigten Regierungsgebäude. Die Journalistin sagte, sie habe Menschen gesehen, die "im Blut auf der Straße" lägen. Auch Mitarbeiter der Tageszeitung "Aftenposten" berichteten von Menschen, die blutend auf der Straße lagen.

Rauch quillt aus einem Gebäude in der Osloer City.
Rauch quillt aus einem Gebäude in der Osloer City.(Foto: AP)

Laut Augenzeugen befand sich ein Fahrzeug-Wrack vor einem der beschädigten Gebäude. Dabei könnte es sich um die Überreste einer Autobombe handeln. "Es explodierte - es muss eine Bombe gewesen sein. Leute liefen in Panik rum", berichtete eine Passantin. Terrorexperte Tore Björgo sagten dem Sender NRK: "Es fällt mir schwer vorzustellen, dass es sich um etwas anderes als ein Attentat gehandelt haben könnte." "Es war eine Bombe", sagte später auch der amtierende Osloer Polizeichef Sponheim zur Ursache.

Im norwegischen Fernsehen übertragene Bilder zeigten verwüstete Häuser, über denen teilweise Rauch stand, die Fußwege waren zudem mit Glasscherben übersät. Mehrere Krankenwagen standen auf den Straßen des Regierungsviertels.

Das Boulevardblatt "VG" berichtete auf seiner Internetseite, im Regierungsviertel seien praktisch alle Fenster zerstört worden, die Luft sei voller Staub und Rauch. Im Wirtschafts- und Handelsministerium seien alle  Fenster zersplittert. Blutende Menschen mit Schnittwunden liefen umher, Kinder schrien. Die Polizei schicke die Menschen weg aus dem Regierungsviertel in angrenzende Bezirke. Im Rundfunk wurde dazu aufgerufen, der Gegend fernzubleiben. In der Stadt hielten sich Gerüchte über eine mögliche zweite Bombe. Über dem Zentrum von Oslo stand eine Rauchsäule.

Die Polizei forderte Bevölkerung zum Verlassen der Innenstadt von Oslo auf. Große Menschenansammlungen sollten vermieden werden. Die Behörden baten, Mobiltelefone nicht zu benutzen, um die Netze nicht zu überlasten. Ein Motiv für den Anschlag sei noch nicht bekannt. Ob es mehr als eine Bombe war, war zunächst unklar. Laut Polizei wollen Zeugen mehrere Explosionen gehört haben. Insgesamt vier Gebäude wurden schwer beschädigt.

Der Hauptbahnhof, die Einkaufszentren Oslo City und Byporten sowie die Büros der Medien "Verdens Gang" ("VG"), "NTB", "Aftenposten" und "TV2" wurden evakuiert. Dort sei eine verdächtige Tasche gefunden worden. In der City bezogen am Abend Soldaten Stellung.

Keine Erkenntnisse über deutsche Opfer

Die Lage auf der Insel ist inzwischen unter Kontrolle.
Die Lage auf der Insel ist inzwischen unter Kontrolle.(Foto: REUTERS)

Das Auswärtige Amt in Berlin hat bislang keine Hinweise auf mögliche deutsche Opfer bei den Terrorattacken in Norwegen. Das sagte ein Sprecher am Abend. Die deutsche Botschaft in Oslo stehe in engem Kontakt mit den norwegischen Behörden.

Das Auswärtige Amt rief alle Deutschen in Oslo zur Vorsicht auf. Die Innenstadt sollte gegenwärtig gemieden werden, heißt es in einem im Internet veröffentlichten "Landesspezifischen Sicherheitshinweis". Reisende sollten sich umsichtig verhalten, den Anweisungen der Sicherheitsbehörden Folge leisten und die Medienberichterstattung aufmerksam verfolgen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) rät zu erhöhter Wachsamkeit auch in Deutschland. Dennoch ergebe sich aus den Anschlägen für Deutschland "derzeit keine neue Lage", sagte Friedrich der "Passauer Neuen Presse".

Bilderserie
Video

Die norwegische Polizei hat nach den Anschlägen die Grenzkontrollen verstärkt. Reisende von und nach Norwegen sollen strenger kontrolliert werden. Der Flugverkehr am Flughafen Oslo verlaufe normal, jedoch sollten Reisende mehr Zeit für Sicherheitskontrollen einplanen.

Quelle: n-tv.de