Politik

Das Wunder von Wuhan Verschleiert Peking das Corona-Ausmaß?

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Offiziell sind 2535 Menschen dem Coronavirus in Wuhan zum Opfer gefallen, für ganz China meldeten die Behörden mehr als 3000 Tote.

(Foto: REUTERS)

Die Entwicklung ist erstaunlich. Während in aller Welt das Coronavirus mit voller Wucht zuschlägt, scheint China glimpflich davongekommen zu sein. Doch gibt es einige Zweifel an den offiziellen Zahlen.

Die Lockerung der Ausgangssperre nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan hat einen Ansturm auf die dortigen Leichenhallen provoziert. Das weltweit renommierte chinesische Nachrichtenmagazin Caixin berichtet von Angehörigen, die fünf Stunden in einer Menschenschlange warten mussten, um die eingeäscherten Überreste eines Familienmitglieds in einer Urne mit nach Hause nehmen zu können. Das Magazin bezifferte zudem die Anzahl der Urnen, die allein in den vergangenen Tagen mit Lastwagen angeliefert wurden, auf weit mehr als das Doppelte der offiziellen Corona-Opfer der gesamten Stadt.

Die Caixin-Reporter zählten dabei nur die Menge an Urnen, die für eine einzige Leichenhalle namens Hankou bestimmt waren. Ein Lastwagenfahrer sagte, dass er bis zum 4. April täglich weitere Lieferungen in einer Größenordnung von jeweils 500 Stück an Hankou in Auftrag habe. Insgesamt gibt es sieben Leichenhallen in Wuhan.

Die Megacity in der zentralchinesischen Provinz Hubei ist der Ausgangspunkt der Corona-Pandemie. Die Recherchen von Caixin stützen die Vermutung, dass die chinesische Regierung das wahre Ausmaß der Seuche verschleiert. Caixin zählt zu den ganz wenigen investigativen Medien des Landes, die regelmäßig versuchen, mit unabhängiger Berichterstattung eine alternative Perspektive auf die Ereignisse im Land zu werfen, statt die amtliche Propaganda widerzuspiegeln. Offiziell sind 2535 Menschen dem Coronavirus in Wuhan zum Opfer gefallen, für ganz China meldeten die Behörden mehr als 3000 Tote.

"Der Lockdown in Wuhan war effektiv, allerdings dürften wesentlich mehr Menschen gestorben sein als die offiziellen Zahlen zugeben", sagt Chinaforscher Andreas Fulda, Autor des Buches "The Struggle of Democray in Mainland China, Taiwan and Hongkong and its Discontents". "Ohne Presse- und Meinungsfreiheit bleibt die Stimme der Opfer des Coronavirus unterdrückt", sagt er.

Abweisungen an Krankenhäusern

Das gilt nicht nur für die Angehörigen der Verstorbenen, sondern auch für Menschen, die weiterhin Symptome der Krankheit vorweisen. Das öffentliche Radio- und Fernsehnetzwerk RTHK aus Hongkong sprach in Wuhan mit Menschen, deren Angehörige in den vergangenen Tagen von Krankenhäusern abgewiesen und nicht auf das Virus getestet wurden, obwohl sie über typische Beschwerden klagten. Ihr Vorwurf an die chinesische Regierung lautete, Peking wolle die Zahl an Neuinfektionen aus politischem Kalkül manipulieren. Zuletzt hatte die Volksrepublik tagelang nur noch eingeschleppte neue Fälle gemeldet. Erst am Samstag teilte das Land mit, es hab eine Neuinfektion gegeben, die nicht ins Ausland rückverfolgt werden konnte.

Seit Wochen betreiben die Autokraten der Kommunistischen Partei eine globale Kampagne, die ihre Mitschuld für die Pandemie ins Reich der Fabeln verweisen soll. Das Ablenkungsmanöver soll einerseits mögliche Schuldfragen innerhalb Chinas umleiten, weg von der Rolle der politischen Verfehlungen der Partei, hin zu vermeintlich anti-chinesischen Kräften im Ausland. Zudem will China nach dem Lockdown schnellstmöglich den Wirtschaftsmotor im Land um jeden Preis wieder auf Betriebstemperatur bringen, um die ökonomischen Schäden einzudämmen. Nur wenn Neuinfektionen gering bleiben, kann Peking die Rückkehr zur Normalität seinen eigenen Leuten gegenüber rechtfertigen. Andererseits soll der Rest der Welt die Handhabe der Krise durch die Diktatur als wichtigen Baustein ihrer Bewältigung wahrnehmen und nicht mehr als ihren Ausgangspunkt.

Dazu gehört auch die Bezeichnung des Virus in der heimischen Presse. Beispielsweise sprach die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am 22. Januar in ihrer Überschrift vom "Wuhan-Virus". Die Nachricht ist immer noch im Internet aufzurufen. Allerdings ist die Bezeichnung "Wuhan-Virus" inzwischen aus der Überschrift verschwunden. Auch die Volkszeitung, das Sprachrohr der Partei, änderte den Titel einer ihrer Meldungen vom 18. Januar, in der noch von der "Wuhan-Lungenentzündung" die Rede ist.

Ein italienischer Wissenschaftler klagte in dieser Woche, dass ihm chinesische Medien seine Worte im Mund umgedreht hätten, um sie für Propaganda-Zwecke zu nutzen. Giuseppe Remuzzi, Direktor des Mario Negri Institute für pharmakologische Forschung in Mailand, hatte in einem Interview gesagt, dass es Hinweise auf Corona-Infektionen in Italien geben würde, die ins vergangene Jahr zurückreichten. In chinesischen Medien wurden seine Aussagen so verfälscht, als habe Remuzzi sein Heimatland als Ursprung des Virus bezeichnet.

Hilfslieferungen nach Europa

Chinesische Lieferungen an Schutzmasken oder Diagnosetests an europäische Staaten wie Italien oder Spanien nutzt das Regime zudem als Vehikel, um daheim die eigene Stärke und internationale Rolle zu betonen. Auch wirtschaftliche Interessen sind mit der Corona-Hilfe verbunden und werden offen formuliert. Chinas Staatspräsident Xi Jinping sagte in einem Telefonat mit Italiens Premierminister Giuseppe Conte im Anschluss an die Lieferungen, er hoffe auf den Aufbau einer "gesunden Seidenstraße" - ein unverblümter Hinweis darauf, dass Italien den Aufbau chinesisch dominierter Handelsrouten unterstützen möge. Dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez schlug Xi vor, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten weiter auszubauen.

Hilfe aus europäischen Ländern oder den USA, die China auf dem Höhepunkt der Infektionswelle im eigenen Land erhalten hatte, werden hingegen sehr zurückhaltend dargestellt. Umso bemerkenswerter war es, dass sich der chinesische Botschafter in den USA, Cui Tiankai, in der vergangenen Woche in einem Interview beim TV-Format Axios on HBO ausdrücklich für die amerikanische Hilfe für die Volksrepublik bedankte. Seit dem Interview hat sich auch der Ton der Twitter-Kommentare von US-Präsident Donald Trump verändert, der zuvor explizit vom Wuhan-Virus gesprochen hatte, jetzt aber die gute Zusammenarbeit mit den Chinesen betont. In chinesischen Medien war die Danksagung an die USA keineswegs prominent platziert.

Botschafter Cui leugnete in dem Interview auch jede Kenntnis über verschwundene Journalisten in Wuhan, die über soziale Medien die Ergebnisse ihrer Recherchen publik gemacht hatten. Die Zustände, die diese in Wort und Bild schilderten, widersprachen der offiziell verbreiteten Version zum Teil immens und schürten das Misstrauen unter Chinesen selbst, aber auch im Ausland. Unter anderem wurde von Hochbetrieb in den örtlichen Krematorien berichtet. Teilweise seien zwei oder drei Tote gleichzeitig in einem Leichensack verpackt worden, weil die verfügbaren Leichensäcke zum Abtransport nicht ausreichten.

Quelle: ntv.de