Politik

"Verpiss dich, ganz schnell" Was ist eigentlich bei Pegida los?

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Die Mühe, Pegida-Teilnehmer zu zählen, macht sich niemand mehr. Mehr als 2000 Menschen dürften es an diesem Montag nicht gewesen sein.

(Foto: Konietzny)

Mehr als 20.000 Menschen lockten die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen einst. Was aus den Protestmärschen geworden ist, zeigt ein Besuch am Dresdner Altmarkt.

"Sehen wir so aus?", entgegnet die ältere Dame auf die Frage, ob sie auch zum Demonstrieren hier sei. Nun, man hat seine politische Einstellung ja nicht auf der Stirn stehen. "Nein, wir schauen uns das nur mal an", sagt sie. Aus dem Sauerland seien sie und ihr Mann zu Besuch in Dresden. Die Pegida-Demonstrationen kannten sie bisher nur aus dem Fernsehen. Ihr Mann kann "irgendwie" verstehen, dass die Menschen sich Sorgen machen. "60 Millionen Afrikaner sind ja auf dem Weg nach Europa." Das hat er gelesen. "Wenn die alle kommen, dann kippt das hier", warnt er. Dann belächeln sie all jene, die sich an diesem Montagabend am Dresdner Altmarkt versammelt haben und gehen weiter.

Das war einmal anders. Früher wurde die Demonstration ernster genommen. Die fremdenfeindlichen Pegida-Demonstrationen waren Ende 2014 eine feste Größe in der bundesweiten Berichterstattung. Anfang 2015 kamen an einem einzigen Abend nach Angaben der Polizei rund 25.000 Teilnehmer. Nachdem die Bundesregierung im September 2015 entschied, die Grenzen für Hunderttausende Flüchtlinge auf der Balkanroute nicht zu schließen, schwoll die Teilnehmerzahl im Oktober darauf wieder auf rund 20.000 Menschen an, nachdem es zwischenzeitlich weniger geworden waren. Vielen Menschen machten die Protestmärsche damals Angst. Inzwischen scheint die deutlich geschrumpfte Kundgebung zur wöchentlichen Routine geworden zu sein.

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Ein Wehrmachtssoldat - das wird man doch noch tragen dürfen.

(Foto: Konietzny)

Mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen, ist nicht ganz leicht. Mitglieder der als "Lügenpresse" verschrienen Medien haben keinen guten Stand bei den Demonstranten, die meist weit über 50 Jahre alt und männlich sind. Wer aber als Journalist Fragen stellt, muss sich auch als solcher zu erkennen geben. Manche drehen sich einfach um, andere versuchen, den lästigen Berichterstatter sanft zur Seite zu drängen. Es wird auch mal gepöbelt: "Verpiss dich bloß, ganz schnell", sagt einer. So ganz gewaltfrei wie Pegida gerne wäre, ist die Demonstration nicht. Ende Juli hat ein Teilnehmer einem Inder, mit dem es zuvor ein Wortgefecht gab, ins Gesicht geschlagen. Die Polizei ermittelt zudem, weil ein anderer Teilnehmer den Hitlergruß gezeigt haben soll. Mehrfach wurden bereits Journalisten angegriffen.

"Die Ausdauer, jeden Montag zu kommen, hat nicht jeder"

Dann gelingt doch noch ein Gespräch. "Ihr seid alle Verbrecher", sagt der ältere Herr mit der Sonnenbrille. Ob ich aussähe wie ein Verbrecher? "Das hast du ja nicht auf der Stirn stehen", entgegnet er. Das hatten wir doch heute schon einmal. Es folgt eine längere Ausführung über sächsische Adelsgeschlechter ("Verbrecher"), dann über westfälische ("schlimme Verbrecher"), den Dreißigjährigen Krieg, die katholische Kirche ("auch schlimm"), die DDR, die Bundesrepublik. Dann sind wir wieder beim Thema: Warum gehen immer weniger zu Pegida? "Es verläuft sich ein bisschen. Die Ausdauer, jeden Montag zu kommen, hat nicht jeder." Hat es vielleicht auch damit zu tun, dass die AfD als Sprachrohr von Pegida inzwischen im Bundestag sitzt? Vielleicht, meint der ältere Herr.

Der Partei war Pegida lange Zeit zu radikal, Personen wie Lutz Bachmann, der den Verein gegründet hat, zu halbseiden. Doch wie bei vielen AfD-Angelegenheiten konnte sich auch bei dieser Frage der radikale Flügel durchsetzen. Anfang 2018 wurde das Kooperationsverbot mit Pegida gekippt. Seither machen AfD-Politiker ganz offen Wahlkampf bei der Veranstaltung. Der Bundestagsabgeordnete Heiko Heßenkamp hält auf dem Altmarkt eine Rede, sein Fraktionskollege Karsten Hilse geht durch die Reihen der Teilnehmer, unterhält sich mit potenziellen Wählern. Ein paar Meter neben ihm steht ein junger Mann, der ein T-Shirt mit einem Wehrmachtssoldaten anhat. Ein anderer trägt "Ansgar Aryan", ein Neonazi-Label aus Thüringen.

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Russische Trompetergruppe am Rande des Zuges.

(Foto: Konietzny)

Die Reden bestehen aus inhaltlich lose verknüpften Themen, die sich dazu eignen, auf "die da oben" zu schimpfen. Die Abfindung des Chefs des "Flughafens der Schande" in Berlin sei zu hoch, Steuermittel würden verschwendet um "süchtig machende Computerspiele" zu fördern. Til Schweiger, "dieser Gutmensch", habe ebenfalls Fördergelder für die gefloppte US-Version seines Films "Honig im Kopf" erhalten. Buh-Rufe ertönen. AfD-Politiker Heßenkamp rezitiert Zitate von Grünen-Politikern, die belegen sollen, dass die Partei nichts Geringeres plane, als Deutschland abzuschaffen. Etwa dieses hier, angeblich von Joschka Fischer: "Deutschland muss von außen eingehegt werden und von innen durch Zustrom heterogenisiert, quasi verdünnt werden." Das hat er nie gesagt. Der Satz stammt aus dem Text einer Journalistin über ein Buch Fischers. Aber für Pegida passt es einfach zu gut. Aufgelockert werden die Ansprachen durch Sprechchöre: "Merkel muss weg!" oder "Volksverräter!".

"Einfach nur peinlich"

Schätzungen über Teilnehmerzahlen bei Pegida haben in der Vergangenheit zu Streit geführt. Die einen warfen der Polizei vor, eine zu große Zahl zu nennen. Befürworter der Demos hingegen kristierten wiederholt, es würden absichtlich zu kleine Zahlen genannt. Inzwischen - auch das kann als Gradmesser für die Relevanz der Veranstaltung angesehen werden - macht sich niemand mehr die Mühe, zu zählen. Nicht die Polizei und auch nicht die Studentengruppe "Durchgezählt".

Es ist der 189. Pegida-Marsch. Demonstranten, Gegendemonstranten und Polizei haben sich eingespielt. Es gibt eindeutige Handzeichen zwischen den Lagern, die zeigen, was man voneinander hält, zu nahe kommt sich aber niemand. Die Polizei wirkt routiniert. Als sich die Kundgebung in Gang setzt und die Teilnehmer durch die engen Straßen gehen, stehen Touristen von ihren Stühlen in den angrenzenden Cafés auf und machen Fotos mit ihren Handys. Ein paar Meter weiter spielen vier Männer mit Trompeten die deutsche Nationalhymne. In ihrem Instrumentenkasten steht eine Botschaft für Pegida geschrieben: "Schöne Grüße aus St. Petersburg".

"Routine ja, Normalität nein", sagt ein Dresdner, der den Protestzug beobachtet. Er habe drei seiner Freunde gesehen. "Ich hab sie gerufen, aber die haben weggesehen." Er findet Pegida "einfach nur peinlich". Eine "Schande" sei die Veranstaltung für die Stadt. Ähnliches sagt ein Mann einem Polizisten. Auch er spricht von einer "Schande". Der Polizist erklärt geduldig: "Das gehört nun einmal zum Meinungsaustausch dazu."

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Quelle: n-tv.de