Politik

Konflikt in der Ostukraine Wer legte das Feuer in Odessa?

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Es gibt Fotos von den Brandstiftern - aber wer sind sie?

(Foto: REUTERS)

In mehreren Städten der Ostukraine sterben Menschen - der russische Außenminister Lawrow warnt vor eine Welle der Gewalt. Derweil gibt es neue Erkenntnisse zu dem verheerenden Brand in Odessa.

Stundenlang liefern sich prorussische Separatisten und Regierungstreue Straßenschlachten in der südukrainischen Stadt Odessa. Dann fliegen Molotow-Cocktails durch die Fenster eines Gewerkschaftsgebäudes, geworfen von Randalierern. Dutzende Menschen sterben. Insgesamt sind es mindestens 46 Personen, die am Freitag bei den Auseinandersetzungen in Odessa ihr Leben lassen. Der ukrainische Übergangspräsident Alexander Turtschinow ordnet eine zweitägige Staatstrauer an. Die Polizei nimmt nach den Krawallen mehr als 130 Menschen fest.

Zunächst habe eine proukrainische Gruppe ein prorussisches Camp in Odessa angegriffen, berichtet die Washington Post unter Berufung auf einen Augenzeugen. Ein Internet-Video zeigt die Vorgänge. Die Angegriffenen flohen in das Gebäude und die Verfolger warfen Brandbomben hinein.

Der ukrainische Geheimdienst machte hingegen die frühere Führung des Landes für die Vorkommnisse in Odessa verantwortlich. Die Zusammenstöße seien von Mitarbeitern des geflohenen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch organisiert worden, hieß es vom Geheimdienst SBU. Beweise für diese Behauptung gibt es aber keine.

R usslands Außenminister Sergej Lawrow warnte am Tag nach den Krawallen in einem Telefonat mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier vor einer Welle der Gewalt in der Ostukraine. Er habe die Sorge, dass nach der Freilassung der OSZE-Geiseln die ukrainischen Truppen nun zum Großangriff gegen die Separatisten übergehen, sagte Lawrow nach Angaben seines Ministeriums. Beide Minister hätten ihre Bereitschaft bekundet, gleichberechtigte Verhandlungen zwischen der Zentralmacht in Kiew und den "Repräsentanten" im Südosten des Landes zu ermöglichen, hieß es in Moskau. Die Gespräche sollten unter Führung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) geführt werden.

"Schutz administrativer Gebäude"

Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti ist für die Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko der tödliche Brand in dem Gebäude in Odessa ein "Schutz administrativer Gebäude". Die Agentur berichtet, Timoschenko habe den Überfall auf das Anti-Maidan-Lager als "friedliche Demonstration" bezeichnet. "In Odessa konnten wir durchhalten und uns verteidigen, weil Stadtbewohner uns halfen, als eine friedliche proukrainische Demonstration überfallen worden war. Wir konnten auch administrative Gebäude schützen", wird die Ukrainerin zitiert.

Timoschenko macht zudem Russland für die Krise im Osten der Ex-Sowjetrepublik verantwortlich. Moskau versuche einen Keil zwischen die Bevölkerung zu treiben, sagte sie bei einem Besuch in Odessa. Die Zusammenstöße in der Schwarzmeerstadt seien vom russischen Geheimdienst organisiert worden. "Russland versucht mit allen Mitteln, die Ukraine zu destabilisieren und die Präsidentenwahl am 25. Mai zu verhindern", behauptete Timoschenko, die bei der Abstimmung kandidiert.

Der polnische Regierungschef Donald Tusk warf Russland vor, Krieg gegen die Ukraine zu führen. "In der Ukraine haben wir es de facto mit einem Krieg zu tun. Aber es ist eine neue Art von Krieg. Ein Krieg, der nicht erklärt wurde", erklärte Tusk als Reaktion auf die gewaltsamen Zusammenstöße in Odessa und der Ostukraine. "Wenn die Opferzahlen in die Dutzende gehen, Schusswaffen im Einsatz sind und Hubschrauber abgeschossen werden, dann ist das eine bewaffnete Konfrontation, die nicht von Demonstranten, sondern von einem Staat, nämlich Russland, organisiert wird."

Tote in Kramatorsk und Slawjansk

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Blumen liegen vor dem ausgebrannten Gebäude in Odessa, eine Frau wendet sich trauernd ab.

(Foto: REUTERS)

Auch in anderen ostukrainischen Städten kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen. Bei einer Offensive der ukrainischen Armee gegen prorussische Separatisten in der Stadt Kramatorsk sind ukrainischen Sicherheitskräften zufolge mindestens 6 Aktivisten getötet und 15 verletzt worden. Die Regierungseinheiten hätten nun nach zweitägigen Kämpfen fast alle besetzten Verwaltungsgebäude von den Protestführern geräumt, teilte die Führung in Kiew mit. Ein Sprecher der moskautreuen "Volksmilizen" bestätigte, dass nur noch eine Behörde in der Hand der Separatisten sei.

Die Aktivisten würden sich nun in der benachbarten Stadt Slawjansk mit Barrikaden auf weitere Angriffe der Sicherheitskräfte vorbereiten, teilte einer der Sprecher der Separatisten mit. "Am Stadtrand ziehen die Regierungstruppen Panzerfahrzeuge zusammen. Wir richten uns auf einen Sturm ein", sagte er nach Angaben der ukrainischen Agentur Unian.

Ein Sprecher der moskautreuen Aktivisten in Slawjansk sagte der russischen Staatsagentur Itar-Tass, elf Zivilisten und vier Bewaffnete seien ums Leben gekommen. Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür nicht. Die Separatisten erklärten, militante Ultranationalisten hätten im Schutz der Regierungstruppen auf unbewaffnete Bürger geschossen. Im nahen Dorf Andrejewka seien 10 Menschen getötet und 40 verletzt worden. Die Regierung hatte den Tod von zwei Soldaten bekanntgegeben.

In Slawjansk waren am Morgen mehrere OSZE-Beobachter, darunter vier Deutsche, nach einwöchiger Geiselnahme freigelassen worden. Eine Militärmaschine brachte sie gemeinsam mit ihren Kollegen nach Berlin.

Krimtataren trotzen Polizei

In der Gebietshauptstadt Donezk besetzten maskierte und mit Knüppeln bewaffnete Demonstranten am Abend ein Gebäude des Geheimdienstes SBU. Die Polizei habe nicht eingegriffen, hieß es. Auch in der Stadt Gorlowka erstürmten moskautreue Aktivisten ein Verwaltungsgebäude.

Auf der Krim ermöglichten indes etwa 5000 Krimtataren einem der Anführer der Minderheit die Einreise auf die Halbinsel. Mustafa Dschemilew war nach dem umstrittenen Anschluss der Krim an Russland mit einem Einreiseverbot belegt worden. Die aufgebrachte Menge habe ein Kette von Spezialeinheiten der russischen Polizei am Grenzübergang durchbrochen und Dschemilew begrüßt, berichteten örtliche Medien. Die Krimtataren stellen etwa zwölf Prozent der gut zwei Millionen Krim-Einwohner. Eine Mehrheit des muslimisch geprägten Turkvolks lehnt den Anschluss an Russland ab.

Quelle: ntv.de, rpe/AFP/dpa

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