Politik

China-Experte über Coronakrise "Wir befinden uns im Propagandakrieg"

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In China kam gegen die Ausbreitung des Coronavirus auch militärisches Sanitätspersonal zum Einsatz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Erstmals meldet China keine einzige Neuinfektion mit dem Coronavirus innerhalb des Landes. Ob die Zahlen stimmen, ist ungewiss - und laut China-Experte Maximilian Mayer auch völlig unerheblich. Mayer lehrt im Fach Internationale Studien an der University of Nottingham im chinesischen Ningbo. Er glaubt, dass Peking in jedem Fall als neue globale Gesundheitsmacht aus der Pandemie hervorgeht.

ntv.de: Herr Mayer, die chinesischen Behörden melden heute erstmals keine Corona-Neuinfektion innerhalb des Landes. Hat China die Pandemie überstanden?

Maximilian Mayer: Nein, global dürfte diese Pandemie weitergehen, bis wir einen Impfstoff haben. Aber China hat das Virus unter Kontrolle. Das lässt sich allein daran ablesen, dass in vielen chinesischen Städten das normale Leben zurückkehrt. Ein großer Ausbruch wäre unmöglich zu verbergen. Trotzdem gibt es immer noch Risikogebiete, in denen die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist - insbesondere in Wuhan und in der Provinz Hubei. China verfährt nach einen Stufensystem, in dem jede Region andere Einschränkungen hat - je nachdem, wie hoch das Ansteckungsrisiko jeweils ist. Auch Peking hat immer noch sehr strikte Regeln, weil die Regierung sichergehen will, dass es in der Hauptstadt nicht zu einem Ausbruch kommt.

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Maximilian Mayer lehrt Internationale Studien an der University of Nottingham in Ningbo.

(Foto: Volker Lannert)

Kann man den offiziellen Zahlen überhaupt trauen?

Dem Trend kann man im Großen und Ganzen glauben. Ob es wirklich keinerlei Neuinfektionen sind, das wissen wir nicht genau. Das Entscheidende ist aber etwas anderes: Wir können ziemlich sicher sein, dass China in der Lage dazu ist, alle neuen Fälle zu finden, zu testen und zu isolieren. China und andere asiatische Länder haben einen Weg gefunden, das Virus einzudämmen und jeden neuen Ausbruch zu kontrollieren.

Warum sollte China dann die Zahlen frisieren?

Das liegt in der Logik des chinesischen Systems. Es gibt immer bestimmte Informationen, die vor der Öffentlichkeit verborgen werden. So war es ja auch am Anfang des Ausbruchs, als wichtige Informationen nicht klar (oder überhaupt nicht) kommuniziert wurden - zum Beispiel die Tatsache, dass es eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gab. China hat das ganze Land lahmgelegt. Und jetzt ist die Frage: Wie kann man davon wieder wegkommen? Nach welchem Verfahren macht man das? Und wie schätzt man das Risiko einer Teilnormalisierung ein? Jeder hat Angst, dass es eine zweite Ansteckungswelle gibt. In diesem Kontext spielen Zahlen eine besondere Rolle. Wenn eine Provinz oder Stadt über Wochen keine Neuinfektionen mehr hat, gelten sie wieder als sicher - und erhalten weniger strikte Auflagen.

Ist Chinas Erfolgsrezept gewesen, dass sie besonders viel getestet haben?

Das Testen spielt in allen Ländern, die mit Sars bittere Erfahrungen haben, eine große Rolle. Sie sind das Problem ganz anders angegangen. Sie haben die Tests verbunden mit einem Isolationssystem und einer Kontaktsuche. Das heißt, dass bei einem bestätigten Ansteckungsfall alle möglichen Kontakte gesucht werden. Dazu werden auch teilweise Lokalisierungsdaten von Telefonen genutzt. Und dieser Kreis an Personen wird systematisch als nächstes getestet. So sind sie in der Lage auch bei einer großen Fallanzahl, jeden potenziellen Fall zu finden, zu testen und gegebenenfalls bei einem positiven Ergebnis zu isolieren. Die Verbindung von Tests mit einem Isolations- und Quarantänierungssystem scheint das Geheimrezept zu sein.

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Welche Rolle spielt die Mentalität bei der Eindämmung des Virus? Chinesen gelten ja als recht diszipliniert. Hat das einen Unterschied gemacht?

Das glaube ich nicht. Auch viele Chinesen haben das Virus am Anfang unterschätzt. Aber sie haben eben diese Erfahrungen mit Sars gemacht. Ihre Risiko- und Gefahrenwahrnehmung ist eine andere als bei Europäern. Sicher ist aber auch die Bereitschaft mitzugehen, wenn der Staat etwas vorgibt, in China etwas größer. In Europa wurde das Virus von Politikern oft quasi als Naturgewalt kommuniziert, die über uns hereinbricht und die wir nur noch abmildern können. In Asien hat man von Anfang an gesagt: "Wir stoppen das aktiv!"

Die Wirtschaft in China ist dramatisch eingebrochen. Hätte sich die Führung einen noch längeren Shutdown überhaupt leisten können?

Tatsächlich ist der Shutdown noch nicht ganz vorbei - auch wegen der Parzellierung nach Risikogebieten. Es gibt immer noch massive Probleme in der Logistik für Industriebranchen. Die Provinz Hubei ist eines der Wirtschaftszentren in China. Da stottert die Produktion nach wie vor. Und mittlerweile kommen die Probleme auch von außen, weil der Welthandel einbricht und die Nachfrage einbricht. Für China bleibt es also sehr schwierig. Das hat negative Auswirkungen auf die chinesische Volkswirtschaft. Obwohl die Führung an ihren Wachstumsvorgaben festhält, könnte es eine Rezession geben.

China verwahrt sich gegen Vorwürfe aus den USA, das Virus sei "chinesisch": Warum ist es für Peking so problematisch, vor der Welt als Ursprungsland des Virus zu gelten?

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Zum einen hat die Weltgesundheitsorganisation klare Vorgaben gemacht, wie man solche Viren bezeichnen soll, um Stigmatisierungen zu verhindern. Und daran sollte man sich auch halten. Zum anderen befinden wir uns gerade mitten in einem Propagandakrieg zwischen den USA und China, der durch diese Pandemie noch einmal verstärkt wird. Chinesische Diplomaten streuen Verschwörungstheorien, wonach das Virus vielleicht aus den USA kommt. Und der US-Präsident schießt auf seine Art zurück. Wir müssen im Moment sehr aufpassen, dass wir nicht noch in größere internationale Konflikte geraten.

Verschiebt sich da gerade was in den Beziehungen innerhalb der internationalen Gemeinschaft?

Daran habe ich keinen Zweifel. Nach der Pandemie werden wir eine veränderte Weltordnung haben. Und innerhalb dieser Ordnung könnte man die ostasiatischen Länder als die neuen globalen Gesundheitsmächte bezeichnen. Sie sind die einzigen, die bisher das Virus unter Kontrolle halten können - zumindest so lange, bis es einen Impfstoff gibt. Schon jetzt bietet China europäischen Ländern die eigene Expertise an. Daran zeigt sich, wie sich die internationale Ordnung verändert.

Vor einigen Tagen hat China ein Flugzeug mit Ärzten und Beatmungsgeräten nach Italien geschickt. Welches Signal will Peking damit senden?

Nach innen soll die Aktion natürlich zeigen, dass sich das kommunistische System in der Krise bewährt hat. Diese Propagandalinie wird aktuell extrem gepusht. Man könnte fast von einem überdrehten Selbstbewusstsein sprechen. Es deutet sich schon an, wie sich China nach der Krise verhalten wird. Die Frage ist, wie das international aufgenommen wird. Die USA werden natürlich gegen das chinesische Narrativ schießen. Aber viele Länder, die jetzt von Chinas Hilfe profitieren - Italien oder Serbien zum Beispiel, werden hinwegblicken über diese unerträgliche Propaganda und für lange Zeit dankbar sein.

Präsident Xi Jinping präsentierte sich in den letzten Wochen als starker Führer. Wie groß ist der Rückhalt für ihn jetzt? Geht er gestärkt aus der Krise hervor?

Davon kann man ausgehen. Innerhalb Chinas gibt es zwar durchaus Kritik an Xis Krisenmanagement. Er selbst hat Fehler eingestanden, das ist ungewöhnlich genug. Aus dem Weißen Haus sieht man sowas derzeit nicht. Eines ist klar, in der Pandemie möchte kein Land auch noch eine Führungskrise erleben.

Wie sieht es mit dem Rückhalt aus, wenn China in eine zweite Ansteckungswelle gerät?

China ist im Moment sehr vorsichtig. Die Sorge ist da, dass das Virus zurückkehrt. Und ein großes Problem ist nach wie vor ungelöst: Wenn die westlichen Länder weiter auf eine Durchseuchung der Bevölkerung setzen und China neben weiteren ostasiatischen Ländern stattdessen auf die Eindämmung des Virus, dann werden Reisende aus dem Ausland immer wieder den Erreger einschleppen - mit unabsehbaren Folgen (nicht nur für die chinesische) Gesellschaft und Wirtschaft. Wir sollten also über eine einheitliche globale Strategie nachdenken. Zur Zeit gibt es noch nicht mal einen wirklich gemeinsam europäischen Ansatz. Daher stimme ich der Kanzlerin zu, dass wir gerade sehr schwierige Zeiten erleben.

Mit Maximilian Mayer sprach Judith Görs

Quelle: ntv.de