Politik

Ukraine-Talk bei Anne Will "Wir sehen jetzt das wahre Antlitz Russlands"

annewill-20220313-005.jpg

CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter (rechts) warnt vor einer Ausdehnung des Krieges auf Länder wie die Republik Moldau oder Georgien.

(Foto: Bild: NDR/ Dietmar Gust)

Die ARD-Talkshow "Anne Will" befasst sich am Sonntagabend erneut mit dem Krieg in der Ukraine, der sich immer mehr in Richtung NATO-Gebiet ausweitet. Der ukrainische Außenminister Kuleba bittet in der Sendung um weitere umfassende Unterstützung Deutschlands für sein Land.

Der Krieg in der Ukraine hat sich an diesem Wochenende auch auf den Westen des Landes ausgedehnt. Dabei wurde am Sonntag ein Truppenübungsplatz mit Raketen beschossen, der nur rund 15 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt. Bei der Attacke wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 35 Menschen getötet, es soll rund 134 Verletzte gegeben haben. Das russische Verteidigungsministerium sprach gar von bis zu 180 Toten. Dabei soll es sich angeblich um - so wörtlich - "ausländische Söldner" gehandelt haben. Die Angaben beider Seiten lassen sich nicht überprüfen.

Auch die Gäste der ARD-Talkshow "Anne Will" beschäftigen sich am Sonntagabend erneut mit dem immer brutaler werdenden Krieg in der Ukraine. Dabei werden kurzzeitig zwei Spitzenpolitiker zugeschaltet, die die Diskussion der Gäste etwas in den Hintergrund treten lassen. Besonders der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sorgt mit einem Appell an Deutschland für Betroffenheit bei den Teilnehmern der Sendung.

"Wir werden kein Stück Territorium abtreten"

"Dies ist ein Krieg, in dem es um die Existenz des ukrainischen Staates geht", sagt Kuleba in dem Gespräch mit Anne Will. Ähnlich wie Präsident Selenskyj wirkt er ruhig und gelassen, aber sehr selbstbewusst. Es gebe mittlerweile eine gewisse Dialogbereitschaft von Russlands Präsident Wladimir Putin, beschreibt Kuleba die aktuelle Situation. Putin erlebe unerwartete Verluste von Menschen und Kriegsmaterial. "Das drängt Putin dazu, seine Position zumindest ein wenig zu verändern." Dennoch setze die russische Armee ihre Kampagne in der Ukraine gnadenlos und brutal fort. "Wir opfern uns in diesem Krieg, denn wir wissen, dass unsere Zukunft auf dem Spiel steht", so Kuleba. Und weiter: "Eine Lösung kann nur auf der Grundlage des Respekts der Souveränität und der territorialen Integrität der Ukraine herbeigeführt werden."

Dennoch sei die Ukraine gesprächsbereit, so Kuleba. Dabei hoffe er auf die Unterstützung Deutschlands, denn: "Sie haben dazu beigetragen, die aktuelle Macht Russlands mit aufzubauen. Wir hoffen, dass Sie nun Ihren Teil dazu leisten werden, die russische Kriegsmaschinerie anzuhalten."

Darum müsse Deutschland die Ukraine genauso mit Waffen unterstützen, wie es deutsche Unternehmen wie Bosch zuvor in Russland getan hätten. Ferner wünsche er sich, dass Deutschland in Zukunft eine Führungsrolle bei den Sanktionen einnehme, statt wie bisher entsprechende Bestrebungen zu bremsen. Schließlich erwarte er, dass Deutschland die Forderung nach einer Mitgliedschaft der Ukraine in der Europäischen Union unterstützt.

"Wir sehen jetzt das wahre Antlitz Russlands. Unsere Kinder werden getötet, unsere Städte dem Erdboden gleich gemacht. Darum stoppen Sie Putin, denn die Ukraine ist nicht das letzte Ziel für ihn", appelliert Kuleba am Ende des Interviews - und nun ist zum ersten Mal auch die Verzweiflung des Ministers zu spüren.

Dass die Ukraine nicht Putins letztes Ziel ist, befürchtet auch CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter. "Ich denke, dass die Ausdehnung des Krieges unmittelbar bevorsteht", sagt er bei Anne Will. Putin bedrohe nicht nur die Ukraine, sondern auch die Republik Moldau und Georgien. Deswegen sei es wichtig, bei zukünftigen Gesprächen mit dem russischen Präsidenten nicht nur Zugeständnisse zu machen, man müsse auch Forderungen stellen wie den Rückzug der russischen Truppen aus Kaliningrad oder Moldawien. "Putin wird auf lange Sicht zu diesen Schritten bereit sein müssen, weil der Druck auf ihn zu groß wird", ist sich Kiesewetter sicher.

Habeck gegen Stilllegung von Nord Stream 1

Kiesewetter setzt sich auch für härtere Sanktionen gegen Russland ein. Dazu gehört für ihn eine Schließung der Pipeline Nord Stream 1. Dagegen spricht sich Bundeswirtschaftsminister Habeck aus, der zu Beginn der Sendung zugeschaltet ist. Grundsätzlich warnt er vor einer Erweiterung der Sanktionen gegen Russland, denn die Abhängigkeit Deutschlands und Osteuropas von fossilen Brennstoffen aus Russland sei hoch. Jeder unüberlegte Schritt könne dazu führen, dass Deutschland möglicherweise nicht einmal die aktuellen Sanktionen durchhalte. "Wir dürfen Putin auf keinen Fall den Triumph gönnen, dass wir bereits verhängte Maßnahmen wieder zurücknehmen müssen", sagt der Grünen-Politiker. Ein Importstopp von russischen Rohstoffen könne zu Arbeitslosigkeit und Armut führen, das Benzin könne so teuer werden, dass es sich Menschen mit niedrigen Einkommen nicht mehr leisten könnten.

In Deutschland werde jedoch daran gearbeitet, sich von fossilen Rohstoffen aus Russland unabhängig zu machen. "Im Sommer haben wir es geschafft, auf russische Kohle zu verzichten, bei Öl sind wir Ende des Jahres so weit." Für die in Deutschland lebende ukrainische Schriftstellerin Katja Petrowskaja gehen die Sanktionen dennoch nicht weit genug. "Es geht hier um Menschenleben", sagt sie.

Das sieht auch SPD-Chef Lars Klingbeil ein. Doch er macht sich auch Gedanken über den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft, denn Sanktionen gegen Russland haben auch Auswirkungen auf Deutschland. Und die könnten am Ende hart sein und lange dauern.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen