Politik

"Anne Will" zum Brexit Zerbricht Großbritannien an Boris Johnson?

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"Die Methode Boris Johnson: Kommt der britische Premier damit durch?" Darüber diskutierte Anne Will mit ihren Gästen.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Selten fällen die Gäste einer politischen Talkshow ein so hartes Urteil über den ersten Mann eines demokratischen Landes wie im Fall des britischen Premiers: "Johnson hat keinen Plan und hatte noch nie einen" ist dabei noch eine der freundlicheren Einschätzungen des Abends.

Was waren das für Zeiten, als man noch dachte, dass die Brexit-Verhandlungen unter Theresa May chaotisch verliefen … Vergleichsweise unbeschwerte, soviel ist spätestens klar, seit Boris Johnson das Ruder in Großbritannien übernommen hat. Der neue Premierminister ist kaum anderthalb Monate im Amt und hat alleine in der abgelaufenen Woche genug Material für drei Regierungskrisen angehäuft: Zuerst schmiss Johnson 21 seiner eigenen Abgeordneten aus der Fraktion, weil die nicht parieren wollten; dann warf die Arbeitsministerin hin, weil sie ihrer eigenen Regierung nicht mehr vertraute; und zum krönenden Abschluss deutete der Premier an, das "No-Deal"-Gesetz sabotieren zu wollen - wofür er höchstwahrscheinlich im Gefängnis landen würde.

"Die Methode Boris Johnson - kommt der britische Premier damit durch?", will Anne Will in ihrer gleichnamigen Sendung am Sonntagabend wissen. Mit der Moderatorin diskutieren am Sonntagabend der CDU-Politiker Norbert Röttgen, der ehemalige ARD-Europa-Korrespondent Rolf-Dieter Krause, der Tory-Abgeordnete Greg Hands, die britische Europa-Abgeordnete Irina von Wiese sowie die in England lehrende Historikerin Tanja Bueltmann.

Das Bild eines machtgeilen Halbirren

"Johnson hat keinen Plan und hatte noch nie einen", fällt die Professorin für Migrationsgeschichte direkt im ersten Satz ihr Urteil über den britischen Premier. "Das Einzige, woran er Interesse hat, ist er selbst." So deutliche Worte hört man über Politiker in Demokratien sonst eher selten, heute Abend ist das aber die Regel. Rolf-Dieter Krause setzt sogar noch einen drauf: "Interessant, dass er überhaupt so weit gekommen ist, er ist ja ein notorischer Lügner. Er hat, wenn überhaupt, mal die Wahrheit gesagt, wenn er seinen Namen genannt hat."

Für das Bonmot erntet der Journalist befreites Gelächter, dabei meint Krause das aber vollkommen Ernst - auch, weil er Johnson noch von ganz früher her kennt: Moderatorin Will merkt an, dass die beiden in den 90ern Kollegen als Korrespondenten am Europaparlament waren, Krause streitet angewidert ab: "Ich habe mich schon damals gefragt, wie der Telegraph seine Geschichten drucken konnte. Die waren erwiesenermaßen erstunken und erlogen."

Und so zeichnen die Talkgäste nach und nach das Bild eines machtgeilen Halbirren, der das Land mit traumwandlerischer Sicherheit gegen die Wand fahren wird, wenn ihn niemand aufhält: "Ein Premierminister, der bereit ist, ein Gesetz einfach zu ignorieren […], das ist für mich eine wahnsinnig gefährliche Entwicklung", sagt Irina von Wiese, die seit den Europawahlen für die Liberaldemokraten im Europaparlament sitzt. Die geborene Kölnerin, die seit 23 Jahren in London lebt, glaubt allerdings noch, dass "ihre" Briten die Kurve kriegen und noch rechtzeitig aufwachen: "Johnson hat eindeutig ausgespielt, […] das wird ihn letzten Endes seinen Job kosten."

Norbert Röttgen auf 180

Noch aber sitzt der Premierminister verhältnismäßig fest im Sattel, was auch an der ungebrochenen Unterstützung in Teilen der Bevölkerung liegt: "Johnson wird bei den Meinungsumfragen immer beliebter, ich würde ihn nicht unterschätzen", sagt Greg Hands. Der britische Abgeordnete muss in der Runde die Rolle des einsamen Johnson-Verteidigers spielen, macht dabei aber einen furchtbar unbeholfenen Eindruck. Als der Tory-Politiker gegen Ende der Sendung ein 82-seitiges Papier vorstellt, dass die unlösbar scheinende Backstop-Frage lösen soll und mit dem er bei Johnson Anklang gefunden haben will, wird er von Norbert Röttgen regelrecht an die Wand gefahren: "Ohne dich zu sehr enttäuschen zu wollen: Ich glaube nicht, dass Johnson eine Zeile von deinen 82 Seiten gelesen hat."

Überhaupt, Röttgen: Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses ist 60 Minuten lang auf 180. Wäre das Thema nicht so traurig, es wäre einfach nur zum Niederknien, wie der CDU-Politiker seiner Wut über die gefühlten Kindergartenspiele der Briten Luft macht: "50 Prozent der Briten sagen von Labour (der größten Oppositionspartei, Anm. d. Red.) und Tory, es seien extreme Parteien. Und dieser Film ist ja noch lange nicht zu Ende." Röttgen betont, dass die britische Seite gar kein Interesse an weiteren Brexit-Verhandlungen habe, "es wird noch nicht mal ein Verhandlungsspielraum geboten." Und findet zum Schluss klare Worte: "Wenn das so weitergeht, wird das Vereinigte Königreich untergehen."

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Quelle: n-tv.de

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