Politik
Montag, 17. Mai 2010

Märkte und Moral: Ein Buddhist als Hedgefondsmanager?

Märkte brauchen moralische Schranken, sagt der Volkswirt und Buddhist Karl-Heinz Brodbeck im Interview mit n-tv.de. Die aktuelle Krise sieht Brodbeck als Folge eines großen Vertrauensbruchs: "Geld beruht auf dem Vertrauen der Menschen in seinen Wert", und dieses Vertrauen sei systematisch missbraucht worden. Ökonomisch sei die Krise "nichts anderes als eine gigantische, weltweite Schuldenblase": Diese Blase müsse platzen. "Wann? Das weiß niemand."

Der Markt ist ein "Moralzehrer", aus sich bringt er keine Moral hervor - Händler an der Börse von New York.
Der Markt ist ein "Moralzehrer", aus sich bringt er keine Moral hervor - Händler an der Börse von New York.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

n-tv.de: Börsianer sind stolz darauf, dass sie komplexe Nachrichten schnell erfassen und schnell darauf reagieren. Sie dagegen sagen, die Börsen seien kein Informationsträger. Wie geht das zusammen?

Karl-Heinz Brodbeck: Die Börsen waren einmal Träger von Informationsaustausch; sie haben die Informationen der Anbieter- und der Nachfragerseite im Kurs ausgeglichen. In der Entwicklung der modernen Marktwirtschaft war das eine beschleunigende Funktion. Aber diese Zeiten sind vorbei. Durch den Hochfrequenzhandel - also durch den manipulativen Handel über Computerprogramme - haben einzelne Firmen inzwischen Monopolstellungen erreicht. Da geht es um Millisekunden. Wer die schnellsten Computer hat, beeinflusst die Preise. Goldman Sachs etwa dürfte rund 30 Prozent des Marktes an der Wall Street mit High-Frequency Trading beherrschen. Das ist ein Einfluss, der nach jeder marktwirtschaftlichen Logik viel zu groß ist.

Karl-Heinz Brodbeck ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. 2009 veröffentlichte er das Buch "Die Herrschaft des Geldes".
Karl-Heinz Brodbeck ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. 2009 veröffentlichte er das Buch "Die Herrschaft des Geldes".

Spekulation gilt in unserer Gesellschaft als moralisch verwerflich, aber als ökonomisch richtig. Sind wir schizophren?

Nur einige Ökonomen halten die Spekulation für ökonomisch richtig. Schon seit den 1930er Jahren gibt es eine ganze Schule - begründet wesentlich von John Maynard Keynes -, die sagt, Spekulation ist schädlich. Keynes hat es so ausgedrückt: Als vereinzelte Blasen auf einem Fluss der Geschäfte schaden Spekulationen nicht. Heikel wird es, wenn aber das Kasino die Wirtschaft steuert. Dann wird die Situation ernst.

Bernard Maddoff ist zu 150 Jahren Haft verurteilt worden, weil er einen Investmentfonds nach dem Schneeballsystem betrieben hatte. Hat Maddoff systemkonform gehandelt oder hat er ein gutes System missbraucht?

Spekulanten handeln in der Regel systemkonform. Ich würde niemanden moralisch verurteilen, der innerhalb dieses Systems handelt. Wenn ich mit Hedgefonds-Managern spreche, sage ich ihnen: Ich verurteile nicht, was Sie tun, sondern ich verurteile das System, das Ihnen das erlaubt. George Soros sagt, solange ihr mir nicht verbietet, was ich tue, werde ich weitermachen, aber es ist tödlich für die Finanzmärkte und für die Weltwirtschaft.

Das ist doch zynisch.

Es ist zynisch und schizophren. Aber ich will das nicht moralisch werten. Sinnvoller ist es zu fragen, wo Regelungsbedarf besteht. Denn der Regelungsbedarf ist massiv. Wir sind in einer Phase, in der das Primat der Politik nicht mehr gilt. Das konnte man schön beobachten, als die EU sich auf den Euro-Rettungsschirm geeinigt hatte. Das Ziel der Politik war es, den Verfall des Euro-Kurses zu stoppen. Was wurde erreicht? Die Bank-Aktien stiegen, der Euro fällt weiter.

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Was kritisieren Sie am Rettungsschirm?

Dass die Banken nicht beteiligt sind. Wenn ich investiere, dann gehe ich dabei das Risiko des Scheiterns ein. Jeder Mittelständler muss mit diesem Risiko leben, so funktioniert nun mal der Kapitalismus. Genau diese Logik haben die Finanzmärkte in den letzten 20 Jahren aufgehoben. Die Risiken werden den Staaten aufs Auge gedrückt. Die Europäische Zentralbank kauft jetzt den Banken die toxischen Papiere ab, den ganzen Müll. Ich sehe nicht, dass das irgendjemandem in Europa nützt - außer der Finanzindustrie, und auch nur einem bestimmten Kern davon.

Wie bekommt die Politik das Heft des Handelns zurück in ihre Hände?

Wir brauchen eine ganze Reihe von Maßnahmen. Der zentrale Fehler war es, die Trennung von Investmentbanken und normalen Geschäftsbanken wieder aufzuheben. Das sollte wieder rückgängig gemacht werden. Reine Investmentbanken, also riskante Geschäfte, dürfen nie "too big to fail" sein.

Was muss passieren?

Ich sehe nur die große institutionelle Lösung: Entweder zwingt man die Banken, Investment- und normale Geschäfte zu trennen. Oder man muss sie, wie Anfang der 90er Jahre in Schweden, vorübergehend teilverstaatlichen und die Teile herauslösen, die mit toxischen Papieren voll sind. Was ich weiter vorschlagen würde, ist natürlich eine Finanztransaktionssteuer, eine Tobin-Tax. Die war schon vor zehn Jahren überfällig, heute kommt sie fast zu spät.

Welchen Satz hielten Sie für richtig?

Ich würde einen variablen Prozentsatz vorschlagen - dass man einen Grundprozentsatz festlegt und der Politik die Möglichkeit gibt, den Zinssatz vorübergehend deutlich zu erhöhen, wenn es wieder eine spekulative Attacke gibt. So könnte man die Kapitalbewegungen sehr stark verlangsamen.

Was geschieht, wenn nichts geschieht? Wie könnte die Welt in 30 Jahren aussehen?

Prognosen sind immer problematisch. Aber wir können fragen, was in der Logik des Systems liegt. Auf den Punkt gebracht ist diese Krise ja nichts anderes als eine gigantische, weltweite Schuldenblase. Trotz aller Bereinigung hat sich daran seit 2007 nichts geändert. Der Witz ist aber: Intern hat die Brutto-Schuldenblase sich verschoben, von den Banken zu den Staaten. 2008 war das schwächste Glied in der Kette eine Bank. Jetzt, 2010, sind die Staaten an der Reihe. Verschuldung und gedecktes Kapital, Gewinne und Ersparnisse sind weltweit in einem gigantischen Missverhältnis. Das ist nichts anderes als eine Blase und die muss platzen. Wann? Das weiß niemand.

Was passiert, wenn die Blase platzt?

Proteste gegen den Sparkurs der Regierung in Griechenland: Wenn ein Staat zusammenbricht, drohen Verhältnisse wie in den 1930er Jahren.
Proteste gegen den Sparkurs der Regierung in Griechenland: Wenn ein Staat zusammenbricht, drohen Verhältnisse wie in den 1930er Jahren.(Foto: REUTERS)

Die Blase kann auf zwei Arten platzen: in Form einer großen Bankenpleite oder in Form einer Staatspleite. Wenn ein Staat zusammenbricht und die Rettungspakete nicht mehr funktionieren, dann drohen Dreißiger-Jahre-Verhältnisse: soziale Unruhen, politisches Chaos. Die jetzige Situation ist daher sehr, sehr, sehr gefährlich. Das "Platzen" einer Blase bedeutet eine Entwertung der gewaltigen Schulden durch Insolvenzen. Dem können Zentralbanken vorgreifen und Staatspapiere oder toxische Banktitel aufkaufen. Langfristig führt dies zu einer Inflation, in der die Schulden entwertet werden. Ich befürchte, dass auch die EZB genau dies ins Auge gefasst hat. EZB-Präsident Trichet sagt, er wolle die Liquidität, die jetzt in die Märkte gepumpt wird, später wieder abziehen. Da würde mich interessieren, wie er das machen will. Entweder er verkauft die toxischen Papiere wieder und führt dann selbst den Crash herbei, den er eigentlich verhindern wollte. Oder er erhöht massiv die Leitzinsen, um die Inflation zu bekämpfen. Das schränkt die privaten Investitionen ein. Die Folgen wären eine drastische Rezession oder Wirtschaftskrise.

Was halten Sie von dem Internet-Film "Money as Debt", der beschreibt, wie neues Geld entsteht, wenn jemand einen Kredit aufnimmt?

Dahinter steht im Grunde die Geldtheorie von Ludwig von Mises. Der sagte, Geld muss sich immer in Gold verkörpern; wenn es sich davon trennt, ist die Inflation bereits angelegt. Ich halte das für falsch. Geld beruht auf dem Vertrauen der Menschen in seinen Wert; das ist die "Substanz des Geldes", unabhängig davon, ob es Kauri-Muscheln sind, Salz, Gold, Papier- oder Computergeld. Dieses Vertrauen wurde systematisch missbraucht, und das ist der letzte, eigentliche Grund der Wirtschaftskrise.

Inwiefern wurde das Vertrauen missbraucht?

Zum einen durch die Schaffung von geldnahen Titeln - die berühmten CDS, die Credit Default Swaps, mit denen man Dinge versichert, die man gar nicht besitzt, oder die Leerverkäufe, also der Verkauf einer Sache, die man noch gar nicht hat. Wenn dieses Schneeballsystem platzt und die Zentralbank einspringt, wird das Vertrauen erneut unterminiert, nun von der öffentlichen Seite. Das kann nicht gut gehen. Jetzt muss es darum gehen, das Vertrauen ins Geld wiederherzustellen.

Sie haben eine buddhistische Wirtschaftsethik entwickelt. Warum braucht die Welt überhaupt eine Wirtschaftsethik?

"Buddhismus ist die Lehre von der Offenheit": Buddha-Statue am See Hussain Sagar im indischen Hyderabad.
"Buddhismus ist die Lehre von der Offenheit": Buddha-Statue am See Hussain Sagar im indischen Hyderabad.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Weil die Märkte keine Moral hervorbringen, sondern Geldgier. Das hat durchaus objektive Gründe: Jeder von uns, der Geld ausgibt, gerät in einen Zustand der Geldlosigkeit und muss deshalb erneut arbeiten oder ein weiteres Produkt verkaufen. Insofern ist eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsform untrennbar verbunden mit dem Streben nach Geld. Allerdings konzentriert sich die Geldgier an bestimmten Punkten. Das zerstört nicht nur den Markt, sondern bei den Beteiligten auch ihre Einschätzung anderen Menschen gegenüber. Man betrügt sich wechselseitig. Um Wilhelm Röpke zu zitieren, einen der Väter der sozialen Marktwirtschaft: Der Markt ist ein "Moralzehrer", aus sich bringt er keine Moral hervor. Wir brauchen daher externe Quellen für Moral. Die ethische Einschränkung muss sich natürlich politisch in Gesetzen niederschlagen.

Kann ein Buddhist Hedgefonds-Manager sein?

Buddhismus ist die Lehre von der Offenheit, Hedgefonds beruhen auf Intransparenz. Das ist nicht zu überbrücken.

In einem Aufsatz über "die Finanzkrise als Götterbote" haben Sie geschrieben: "Der innerste Kern des modernen Kapitalismus ist die Herrschaft einer irrationalen Gier auf der Grundlage eines Irrtums, entfaltet im verblendeten Wettbewerb." Können Sie das erläutern?

Der Buddhismus kennt die Vorstellung, dass wir, wenn wir das Leben nüchtern analysieren, überall Abhängigkeiten entdecken. Wir erleiden unsere Umstände, von der Geburt bis zur Bahre, wir sind nicht souverän und nicht Herr dieser Umstände. Wir versuchen es zwar, aber der Schuss geht immer wieder nach hinten los. Als Grund dafür nennt man im Buddhismus drei Gifte: Unwissenheit, Gier und Hass. Diese drei Gifte, die im Buddhismus die Quelle aller Übel sind, können wir gleichsam institutionalisiert im modernen Kapitalismus beobachten: Die Unwissenheit, das ist die Tatsache, dass wir uns im Geld vergesellschaften - wir stellen eine Vertrauensbeziehung her, aber das läuft immer durch den Zwischenschritt des Geldes. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn sich auf dieser Grundlage nicht die Geldgier entfalten würde, und aus der Geldgier die Ellbogengesellschaft - der Hass.

Wir müssen also die Unwissenheit überwinden?

Normalerweise laufen unsere Kommunikationsprozesse vollkommen gewaltfrei - es ist das Argument, das überzeugen muss. Diese Form der Vergesellschaftung haben die Griechen in dem Begriff "Logos" zusammengefasst. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich über die Tauschgesellschaft die Geldökonomie entwickelt. Deren Denkform beruht nicht auf Kommunikation, sondern auf Kalkulation. Die Geldökonomie hat mittlerweile die Herrschaft über andere menschliche Formen der Kommunikation und des Zusammenlebens übernommen. Das müssen wir umkehren.

Indem wir das Geld abschaffen?

Nein, wir können das Geld nicht abschaffen. Ich bin kein Utopist. Aber wir müssen das Geldsubjekt wieder in moralische Schranken eingrenzen.

Mit Karl-Heinz Brodbeck sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de