Dossier

Monsieur Hulot macht Druck Franzosen entdecken Umwelt

Wie ein Tropensturm kommt Nicolas Hulot über die französischen Parteien und wirbelt ihre ausgefeilten Wahlstrategien durcheinander. Mit der Androhung einer eigenen Kandidatur für die Präsidentenwahl im kommenden April hat der TV-Star ungeahnte Bewegung in den Wahlkampf gebracht.

Hulot kämpft für einen "Umweltpakt" des nächsten Präsidenten mit den Bürgern. Die Franzosen sind begeistert. Prompt machen die aufgeschreckten Spitzenpolitiker die Ökologie zur Chefsache und wetteifern um Fototermine mit dem 51-Jährigen. Für diesen Donnerstag hat sich nun auch Innenminister Nicolas Sarkozy angemeldet.

Dabei hatten sich die Franzosen bisher zum Umweltschutz eher tragen lassen. Selbst im trockensten Sommer fließen Trinkwasserbäche durch die Pariser Gossen, wenn frühmorgens die Straßenkehrer kommen. Die Atomkraft gilt als unantastbar, die EU-Richtlinie zu Gen-Getreide wurde nicht umgesetzt. Jäger und Fischer legen sich lieber gewaltsam mit den Behörden an, als sich einem Gesetz zum Schutz gefährdeter Arten zu beugen. Und sie bekommen dafür regelmäßig Unterstützung aus der Politik. Doch jetzt versprechen die Kandidaten von rechts bis links, Berge für den Umweltschutz zu versetzen. Den Öko-Pakt wollen sie alle unterschreiben. Der TV-Star macht's möglich.

In seinem TV-Magazin "Ushuaia" fasziniert Hulot mit Reportagen über bengalische Tiger, Landschaften Britisch-Kolumbiens oder den Wasserkreislauf ein Millionenpublikum. Wenn der Globetrotter die "Gletscher Grönlands sprechen" lässt, sitzen neuneinhalb Millionen Menschen vor dem Fernseher. Hulot ist ein Abenteurer, der die Welt ins Wohnzimmer bringt und dabei nicht nur ihre Schönheit und Vielfalt zeigt, sondern auch ihre Verletzlichkeit.

In einem Prominenten-Barometer der Zeitschrift "Paris Match" kommt Hulot derzeit auf sensationelle 87 Prozent Zustimmung. Zeitschriften machen Titelstorys über den "Mann, der die Erde retten will". Die Franzosen lieben ihn, weil er nicht nur beim Tauchen mit Delfinen eine gute Figur macht, sondern sein Leben der Ökologie widmet. Seine "Stiftung Nicolas Hulot für Natur und Mensch" ist die einzige französische Stiftung für Umwelterziehung. Und viele Schüler entdecken die Natur in seiner Umweltschule im bretonischen Tierpark Branfr.

Hulots 18 Seiten langer "Umweltpakt" setzt Ziele wie Öko-Anbau, Kreislaufwirtschaft und Rückdrängung des Verkehrs. Und er propagiert konkrete Maßnahmen wie die Einführung von Ökosteuern oder die Einstellung der Agrarexportförderung. Keck erklärt Hulot, er könne selbst zur Präsidentenwahl antreten, um den Pakt zu verwirklichen. In Umfragen erklären sich 51 Prozent der Franzosen grundsätzlich bereit, ihm ihre Stimme zu geben. Die Bürgermeister vieler Landgemeinden bieten an, ihn als Paten zu unterstützen.

Die Reaktion der Politik blieb nicht aus. Präsident Jacques Chirac lud den Öko-Aktivisten zum Geburtstag ein und engagierte ihn für eine Welt-Umweltkonferenz am 2. und 3. Februar in Paris. Sarkozy - Chiracs Hauptrivale im Bürgerlager - versprach, ein Superministerium für Verkehr und Umwelt zu schaffen. Die sozialistische Spitzenkandidatin Sgolne Royal sagte nach einem Treffen mit Hulot, sie werde "Frankreich zum Vorbild für Umweltschutz machen". Ihr unterlegener linker Konkurrent Laurent Fabius möchte Hulot als Nummer zwei in der Regierung sehen. Zentrumspartei UDF und Kommunisten unterschrieben den Pakt. Selbst die an den Rand gedrängten Grünen quälten sich ein Lob auf den unerwarteten Konkurrenten ab.

Doch Worte sind das eine, Taten das andere. Als die Hulot-Stiftung sich mit Greenpeace und dem WWF die konkrete Verkehrs-, Energie-, Bau- und Umweltpolitik anschaute, bekamen alle Parteien durch die Bank schlechte Noten. Chiracs UMP und die UDF kamen nur auf fünf von 20 Wertepunkten, die Kommunisten auf 5,5 und die Sozialisten auf 6,5. Selbst die Grünen sahen mit elf von 20 Punkten schlecht aus.

"Diese Noten relativieren die Absichtserklärungen der Kandidaten", erklärten die Umweltverbände. Als Warnzeichen sehen sie, dass Royal die Umwelt "nicht mit Strafen" (Ökosteuern) schützen will und Sarkozy Jägerlobby und Hulot im gleichen Atemzug umwirbt. "Alle unterzeichnen den Pakt. Na prima, aber das reicht nicht", sagte Hulot am Mittwoch. "Jetzt erwarten wir konkrete Schritte." Im Januar will Hulot entscheiden, ob die Zusagen reichen oder ob er selbst zur Präsidentenwahl antritt.

(Hans-Hermann Nikolei, dpa)

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen