Politik
Mittwoch, 05. April 2006

"Zwei-Staaten-Lösung": Hamas schickt falschen Brief

Ein offenbar versehentlich abgeschickter Brief hat am Mittwoch im Nahen Osten für diplomatische Verwirrung gesorgt.

Aus einer Passage des Schriftstückes ließ sich eine Kehrtwende der radikalen Hamas-Bewegung in ihrer Haltung gegenüber Israel und eine Anerkennung des Existenzrechtes des Staates herauslesen. Einem hochrangigen palästinensischen UN-Diplomaten zufolge erwähnte Außenminister Mahmud Sahar in dem Brief an die Vereinten Nationen eine Zwei-Staaten-Lösung des Nahost-Konflikts.

Der Minister selbst, der als Vertreter einer harten Linie gilt, wies dies jedoch entschieden zurück. In Palästinenser-Kreisen hieß es später, der falsche Brief sei abgeschickt worden. Sahar habe den ursprünglichen Entwurf geändert und diese Formulierung gestrichen. Versandt worden sei jedoch die ältere Version. Die Hamas hat erst kürzlich die Regierung in den Palästinenser-Gebieten übernommen. Sie kämpft für eine Vernichtung Israels und wird international als Terror-Gruppe eingestuft.

Die umstrittene Passage in dem Brief Sahars an UN-Generalsekretär Kofi Annan stammte aus einer inoffiziellen Übersetzung der UN-Vertretung der Palästinenser ins Englische. Wörtlich heißt es darin in Kritik des geplanten Ausbaus jüdischer Siedlungen im Westjordanland und der israelischen Sperranlage: "Letztendlich wird dies jede Hoffnung auf eine Einigung und einen Frieden auf der Grundlage einer Zwei-Staaten-Lösung vermindern." Der palästinensische UN-Vertreter Rijad Mansur sagte am Dienstag vor Journalisten in New York, die Wortwahl zeige eine Weiterentwicklung der Denkweise der Hamas.

Mansur wies zudem auf den letzten Absatz hin, wonach sich das palästinensische Volk der Übersetzung zufolge darauf freut, "Seite an Seite mit unseren Nachbarn in diesem heiligen Teil der Welt" zu leben. Mit den "Nachbarn" sei auch Israel gemeint, betonte Mansur.

Relativ versöhnlicher Klang

"Solch ein Satz wurde in dem Brief nicht benutzt", sagte dagegen Sahar am Mittwochmorgen über die angeblich erwähnte Zwei-Staaten-Lösung. Allerdings klangen auch andere Teile des Briefes für einen Vertreter der harten Linie relativ versöhnlich. Unter anderem hieß es darin, die palästinensische Regierung wolle mit den UN und den Staaten der Welt zusammenarbeiten, um Frieden und Stabilität in der Region zu erreichen - auf der Grundlage einer "umfassenden und gerechten Lösung". "Wir hoffen, dass einige Länder ihre Standpunkte und übereilten Entscheidungen überdenken, insbesondere was den Stopp von Hilfen angeht", hieß es. Zudem sollte die auf Drohungen statt Dialog abzielende Sprache überdacht werden.

Auch ein Parlamentsabgeordneter der Hamas, Muschir al-Masri, betonte, eine Anerkennung Israels stehe nicht zur Debatte. Die Hamas ist für fast 60 Selbstmordanschläge auf Israelis verantwortlich und erkennt die bisherigen Vereinbarungen im Rahmen des Nahost-Friedensprozesses nicht an. Israel und die USA versuchen derzeit, ihre Regierung international zu isolieren.

(Nidal al-Mughrabi, Reuters)

Quelle: n-tv.de