Dossier

Wieder hochaktuell Völkermord von 1915

Ulrich W. Sahm berichtet

Franz Werfels Roman "Vierzig Tage des Mussa Dagh" war für viele die einzige Informationsquelle für den Völkermord von 1915. Am 22. August 1939 beruhigte Hitler das Gewissen seiner Militärs und Kommandeuren der SS-Todesschwadronen: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" Inzwischen ist das türkische Ableugnen des Mordes an 1,5 Millionen Armeniern zu einem Prüfstein für die Aufnahme in die EU geworden. Der Bundestag will in dieser Woche die Türkei zur Verantwortung für die begangenen Gräueltaten auffordern. Wegen diplomatischer Rücksichten fehlen in der Vorlage die Worte "Völkermord" oder "Genozid", wie die CDU-CSU Abgeordnete Hannelore Roedel bestätigte. Viele Staaten, auch Israel, wollen den armenischen Holocaust nicht wahrnehmen. George Hintlian: "Die Juden wollen keine Konkurrenz zu ihrer Schoah und die Türkei ist wichtiger Verbündeter Israels."

Neben der ehemaligen Sowjetrepublik Armenien ist Jerusalem das wichtigste armenische Zentrum in der Welt. Mit Tagungen und Gottesdiensten begehen die Armenier ihren Genozid vor 90 Jahren.

Raymond Kevorkian, Universität Paris, beschrieb die Radikalisierung der Jungtürken nach den Balkankriegen und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. "Der Prozess eines sozialen Darwinismus setzte ein. Für die Türken galt gegenüber den Armeniern, der größten nicht-türkischen Volksgruppe neben Griechen, Juden und arabischen Syrern, das Prinzip: du oder ich." Kevorkian erzählt, wie die Armenier ausgeraubt, deportiert und schließlich ermordet wurden. Den Jungtürken ging es um eine "demografische Homogenisierung". Im März 1915 wurden "Sondereinheiten" zwecks "Liquidierung" der Armenier eingesetzt. Sie wurden in 30 "Schlachthäusern" konzentriert. Beim Euphrates wurden sie durch enge Schluchten gejagt. Frauen und Kinder wurden "ausgefiltert", während die Männer ermordet wurden. Die Befehle kamen per Feldtelefon. Die Mörder behaupteten, "Dienst für die Heimat" geleistet und "Fremdkörper entfernt" zu haben. Obgleich dem Islam abgeneigt, hätten die Jungtürken die Religion für einen "ethnischen Nationalismus" instrumentalisiert.

Das Verfahren erinnert stark an die Judenverfolgungen unter den Nazis, vom Raub des Eigentums über Vertreibung bis zum Massenmord. Doch Kevorkian sagt: "Ein Vergleich wäre anachronistisch. Bei den Türken gab es keinen biologischen Rassismus, wie bei den Nazis." Tausende türkische Mörder hätten "junge, schöne, gebildete und klavierspielende Armenierinnen" ausgewählt, um sie zu heiraten. Überliefert sei die Frage einer Armenierin: "Warum willst du mich heiraten, während du meine Eltern ermordest?" Der türkische Offizier antwortete: "Um eine moderne türkische Familie zu gründen." Die meisten "Bräute" hätten Selbstmord verübt. Die Nazis jedoch hätten die Juden zur "minderwertigen Rasse" erklärt und "Mischehen" verboten. 1916 sagte Innenminister Talaat Pascha: "La question armnienne n'existe plus." Der Habsburger Diplomat Graf von Trauttmansdorff sprach von der "Exterminierung der armenischen Rasse" und Churchill nannte es ein "Verbrechen aus politischen Gründen".

Claude Mutafian, Universität Paris, schilderte die Geschichte der türkischen Verleugnung des Völkermordes. Kemal Atatürk, Gründer der Türkei, verleugnete die Existenz der Armenier, um den Anspruch der Türkvölker aus Mittelasien auf die Türkei zu rechtfertigen. Erst 1965, mit dem Segen der Sowjetunion, "erwachten die Armenier", um den NATO-Partner Türkei an den Pranger zu stellen. Die Türkei argumentierte mit einem "Aufstand der Armenier" und "tragischen Kriegsereignissen". Regierungen schwiegen aus Rücksicht auf die Türkei. Sogar Israel zwang eine am Unabhängigkeitstag geehrte Armenierin, nichts über das Schicksal ihrer Großeltern zu erzählen. Inzwischen fahre die Türkei einen neuen Kurs. Sie gründete ein Institut für die Erforschung der Armenier, die bis dahin auf Landkarten nicht existierten.

Die Historiker Hilmar Kaiser und Kai Seyffarth schilderten die deutsche Rolle. Deutschland wollte die Armenier gegen Russland benutzen. Als der Genozid begann, beklagten sich laut Kaiser deutsche Geschäftsleute, "dass man den Armeniern nicht die Chance gab, ihre finanziellen Verpflichtungen zu begleichen, ehe sie ermordet wurden". Retroaktiv schufen die Osmanen Gesetze für den Raub armenischen Eigentums. Sie versprachen geprellten deutschen Geschäftsleuten Entschädigung "bei einem Friedensvertrag". Botschafter Paul Graf Wolff-Metternich war zunehmend ungehalten über die "Propagandalügen der Osmanen", aber Berlin wagte keinen Protest gegen die Osmanischen Verbündeten.

Die Historiker brachten Beispiele für unterschiedliches Verhalten deutscher Offiziere, Diplomaten und Mitarbeiter der Bagdadbahn. Ein Offizier habe sein entsichertes Gewehr an die Schläfe eines Türken gehalten, um die Deportation armenischer Zivilisten abzuwenden. Ein Anderer habe heimlich aufgenommene Fotos der Morde nach Berlin geschickt, während es Diplomaten und Offiziere gab, die den Türken aktiv bei der Organisation und Ausführung des Massenmordes mitgeholfen hätten. Kai Seiffert würdigte den deutschen Konsul in Aleppo, Walter Roessler. Mit amerikanischen Spenden finanzierte er Nahrungsmittel für "tausende armenische Flüchtlinge in Konzentrationslagern in der Wüste und Aleppo". Doch 1916 wurden sie alle von den Türken ermordet. "Roessler handelte, weil er so handeln musste. Er war ein moralischer Mensch", schloss Kai Seyffahrt.

Quelle: ntv.de