Kommentare

Eingeschleppte vierte Welle Die Testpflicht für Reiserückkehrer muss her

525815d2fc209064fc345707c6800118.jpg

Sollte längst Standard sein: Obligatorische Tests für alle Reiserückkehrer aus dem Ausland.

(Foto: dpa)

Wohl alle freuen sich über den Sommer, Urlaub und weniger Sorgen in der Pandemie. Nun will Gesundheitsminister Spahn eine Testpflicht für sämtliche Reiserückkehrer einführen. Das hätte viel früher geschehen müssen. Widerstand dagegen ist grob fahrlässig.

Am Wochenende enden die Sommerferien in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Nach und nach kommen in den nächsten Wochen Singles, Paare und Familien aus ihrem Urlaub nach Deutschland zurück. Sie haben sich hoffentlich erholt, gut gegessen, die Pandemie einfach mal Pandemie sein lassen. Und sie haben sich womöglich mit der Delta-Variante angesteckt. Manche von ihnen werden sie nach Deutschland einschleppen und die Inzidenz damit weiter nach oben treiben. Viele davon zunächst unbemerkt.

Derzeit ist die Neuinfektionsrate relativ niedrig, aber stetig steigend. Experten gehen davon aus, dass etwa 85 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sein müssen, damit weitreichende Einschränkungen auf keinen Fall wiederkommen. "Nicht realistisch", bewertet das Robert-Koch-Institut (RKI) rigoros in einem Strategiepapier für Herbst und Winter diese Hoffnung. Verantwortlich für die vierte Welle sind demnach auch aus dem Ausland eingeschleppte Infektionen und folgende Ansteckungen im Inland, weniger Einschränkungen und weniger durchgeführte Tests. Deutschland dürfte ein heftiger Herbst bevorstehen.

Die allgemeine Testpflicht für alle Einreisende, die Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nun will, wäre richtig und nötig. Aber sie kommt viel zu spät. Schon vor rund zwei Monaten gingen Experten davon aus, dass sich Delta durch den Sommertourismus in Europa und in Deutschland ausbreiten wird. Auch eine bislang unbekannte Mutation sei möglich, sagte etwa SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und warnte vor einem "perfekten Sturm für den Herbst".

Warum wurde die Testpflicht nicht schon eingeführt? Mehr Mobilität der Menschen verursacht mehr Neuinfektionen, das ist wahrlich keine Neuigkeit. Aber die Sommerferien, könnte man sarkastisch entgegnen, die kamen in diesem Jahr doch besonders überraschend übers Land. Schon vor den Ferien hatte sogar Spahn zu Vorsicht in Richtung Herbst und Winter gemahnt. Warum es bislang keine allgemeine Testpflicht für Reiserückkehrer gibt, wie in vielen anderen Ländern, dies bleibt wohl das Geheimnis des Ministers.

Wer fliegt schon nach Holland?

Etwa die Hälfte der Deutschen ist bereits vollständig geimpft, das reicht aber noch lange nicht, um die Vorsicht fahren zu lassen. Anfang Juni empfahl das RKI ab einer 7-Tage-Inzidenz von 50 aufwärts die höchste Einschränkungsstufe, um so die Verbreitung zu bremsen. Spahn sieht wegen des Anteils bereits Geimpfter nun im Hinblick auf die allgemeine Krankenhausbelastung einen Wert von 200 als die neuen 50. Dort ist Deutschland noch nicht, aber für September hält Spahn bei gleichbleibender Entwicklung eine Inzidenz von 400 für möglich, im Oktober sogar von 800. Schon ab 400 könnte es im Gesundheitssystem kritisch werden.

Bei mehr als der Hälfte der Neuinfektionen vom 21. Juni bis 18. Juli ist dem RKI bekannt, wo sich die Personen höchstwahrscheinlich angesteckt haben: Bei 17 Prozent davon, also 2402 Fällen, kamen sie aus dem Ausland; die meisten aus Spanien. Dieser Anteil könnte noch steigen, insbesondere mit Blick auf die neuen Hochrisikogebiete - und beliebten Ferienziele - Spanien sowie die Niederlande.

Mehr zum Thema

Derzeit ist nur die Vorlage eines negativen Tests für Einreisende per Flugzeug verpflichtend, mit zusätzlichen Auflagen für Rückkehrer aus Risiko-, Hochrisiko- und Virusvariantengebieten. Aber wer fliegt etwa von Deutschland nach Holland in den Urlaub? Eben. Die vierte Welle rollt mit den Reiserückkehrern ins Land, unter dem Radar auf dem Landweg. Ähnliches gilt für Dänemark und Frankreich, die in der vergangenen Woche zu Risikogebieten erklärt wurden.

Zugegeben, eine lückenlose Kontrolle ist unmöglich. Aber eine allgemeine Testpflicht würde das Bewusstsein weiter schärfen, das Einschlepprisiko minimieren und alle besser schützen. Der Einwand aus dem von der SPD geführten Justizministerium, dies sei unverhältnismäßig, ist ein schlechter Witz. Unverhältnismäßig ist, eine solch lebensgefährliche Fahrlässigkeit weiter zu fördern. Tests sind simpel, schmerzlos und kostengünstig. Wer reisen will, der kann sich auch testen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.