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Kosten der Corona-Testpflicht Was für eine verrückte Idee

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Reisende vor dem Corona-Testzentrum am Flughafen Köln/Bonn.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ja, es ist richtig, Reisende verpflichtend zu testen, die in Corona-Risikogebieten unterwegs waren. Was sich Bund und Länder jedoch bezüglich der Finanzierung der Tests überlegt haben, ist eigentlich kaum zu glauben.

Die Welt hat die Corona-Pandemie noch lange nicht überstanden. Im Gegenteil: Die globale Entwicklung scheint sich eher zu verschlimmern. Ein Beispiel: Mitte April ging die Kurve der täglichen Neuinfektionen in Deutschland deutlich nach unten. In dieser Zeit wurden täglich weltweit an die 80.000 neue Fälle gemeldet. Inzwischen hat sich die Lage in Deutschland noch spürbarer entspannt. Global gesehen zeigt sich jedoch ein dramatisches Bild. Vor drei Tagen meldete die Weltgesundheitsorganisation fast 290.000 Fälle an einem einzigen Tag. Und das lässt sich nicht allein auf steigende Testkapazitäten zurückführen. Denn auch die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus steigen wieder und sind so hoch wie zuletzt Anfang Mai.

Nein, es ist noch nicht vorbei. In den USA, Südamerika, Teilen Afrikas und Asiens wütet das Virus mit ungebrochener Wucht. Manche Länder, in denen die Seuche überstanden schien, erleben eine zweite Welle, die das Infektionsgeschehen zuvor in den Schatten stellt - Israel und Serbien etwa. Und auch in Deutschland wurden am Freitag wieder 818 neue Fälle gemeldet, so viele wie seit dem Ausbruch in der Tönnies-Schlachtfabrik nicht mehr. Die Lage kann jederzeit wieder kippen. Da ist es natürlich sinnvoll, alle Reisenden verpflichtend zu testen, die sich in Risikogebieten mit besonders hohen Infektionszahlen aufgehalten oder dort sogar Urlaub gemacht haben. Es ist zwar ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Aber das Virus ist gefährlich und ansteckend. Und deswegen steht der Schutz der Gemeinschaft darüber. Insofern ist es nachvollziehbar und gut, dass ab heute an den Flughäfen getestet wird.

Für Risiko-Reisende entsteht ein zusätzlicher Anreiz

Wie mit den Kosten dieser Tests umgegangen wird, ist aber überhaupt nicht nachvollziehbar. Einen festgelegten Preis hat der Abstrich nicht - manche Labore berechnen um die 130 Euro, andere mehr als 200 Euro. Hinzu kommen mögliche Kosten für den Arzt oder etwaiges Material. Diesen Betrag für Rückkehrer aus Risikogebieten zahlen künftig wir alle - entweder die Steuerzahler, sollte sich der Vorschlag durchsetzen, dass Bund und Länder für die Kosten aufkommen; oder die Krankenversicherten, wenn die Tests - das ist ein anderer Vorschlag - künftig von den Krankenkassen übernommen werden. Die vielen, die in diesem Jahr aus Respekt vor dem Virus zu Hause bleiben - oder es sich gar nicht erst leisten können, eine Reise in die zumeist außereuropäischen Risikostaaten zu unternehmen -, zahlen also für die wenigen, die das nötige Kleingeld haben oder die nötige Risikofreude oder beides. Insofern ist es eine völlig verrückte Idee.

Eine der größten Herausforderungen für die Regierung in der Pandemie ist es, das richtige Verhältnis von Verantwortung und Freiheit zu finden. In dem gewählten Modell versagt das komplett. Wer solvent und risikofreudig ist, wird mit einem kostenlosen Test belohnt. Wer brav zu Hause bleibt und getestet werden will, zahlt die 130 bis 200 Euro selbst. Denn sind keine Symptome vorhanden, muss privat für den Test gezahlt werden. Für die Fernreisenden jedoch gibt es den Test - unabhängig von körperlichen Anzeichen - gratis obendrauf.

Wie gesagt: Es ist richtig, all jene zu testen, die einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Aber es ist ebenso wichtig, die Menschen dabei fair zu behandeln. Kostenlose Tests für Reisen in Risikogebiete schaffen in jeglicher Hinsicht die falschen Anreize. Wer es sich erlauben kann, seinen Urlaub in der Ferne zu verbringen, hat diesen Test verdammt nochmal selbst zu bezahlen - und zwar verpflichtend.

Und noch etwas an diesem Vorschlag ist irre: Die Tatsache nämlich, dass nicht nur CDU-, sondern auch SPD-Politiker ihn mit Elan verteidigen. Dass ausgerechnet Sozialdemokraten, die sich allen Ernstes noch als Anwalt der "kleinen Leute" verstehen und sich "Solidarität" auf die Fahnen schreiben, für ein derart ungerechtes Modell werben, zeigt wieder einmal, wie sehr die SPD ihre Zielgruppe von einst aus den Augen verloren hat.

Quelle: ntv.de