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Merkels Rede an die Nation "Wir schaffen das" war einmal

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Angela Merkel bei ihrer Fernsehansprache.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit einem ungewöhnlichen Auftritt wendet sich Kanzlerin Merkel in der Corona-Krise direkt an die Bevölkerung. Die Botschaft ihrer Rede ist unmissverständlich und bietet Anlass zur Sorge.

Keine drei Worte haben der Kanzlerin so viel Lob, vor allem aber so viel Kritik eingebracht wie diese: "Wir schaffen das." Kurz vor dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 sagte sie das im Hinblick auf Hunderttausende, die sich aus Kriegs- und Krisengebieten auf dem Weg nach Deutschland gemacht hatten. "Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft - wir schaffen das", lautet die vollständige Version des oft verkürzt wiedergegeben Zitats. Mit Optimismus wird sich die Krise schon bewältigen lassen, lautete die Botschaft. Auch wenn die Herausforderung gewaltig war.

Das Coronavirus breitet sich rasend schnell in Deutschland und der Welt aus. Weit über 10.000 Menschen sind hierzulande erkrankt. Die Zahl der Todesopfer weltweit rast auf einen fünfstelligen Wert zu. Merkel hat auch in dieser Krise wieder eine Botschaft an das Land. Sie lautet nicht, dass es mit Optimismus schon irgendwie gehen werde. "Wir schaffen das" war einmal.

Im ersten Teil der Rede ist die Kanzlerin empathisch. Sie könne die gewaltige Belastung verstehen, dass Millionen Menschen nicht zur Arbeit, Kinder nicht zur Schule oder in die Kita gehen könnten. Für Geschäfte, Restaurants, Freiberufler sei es schwer und es werde in den kommenden Wochen noch schwerer. Sie dankt Ärzten und Pflegern: "Sie stehen für uns in der vordersten Linie. Was Sie leisten, ist gewaltig." Sie dankt den Mitarbeitern in Supermärkten dafür, dass "Sie sprichwörtlich den Laden am Laufen halten". Sie betont, solche Einschnitte habe es noch nie gegeben in der Geschichte der Bundesrepublik. Es habe seit dem Zweiten Weltkrieg aber auch keine derartige Herausforderung gegeben.

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Es kann alles noch viel schlimmer werden

Es sei selbstverständlich in einer transparenten Demokratie, dass Entscheidungen offengelegt werden, sagt sie. Merkel ist aber nicht unbedingt bekannt dafür, ihre politischen Entscheidungen stets komplett transparent gemacht zu haben. Ebenso wurde ihr in der Vergangenheit oft mangelnde Empathie vorgeworfen. Heute entspricht sie diesen Mustern nicht. Das mag daran liegen, dass sie die Adressaten der Rede einfühlsam auf den zweiten Teil der Rede vorbereiten will. Und der hat es in sich.

Es gebe keinen Impfstoff, keine Therapie gegen das Coronavirus. Die einzige Methode gegen die Seuche sei es, die Ausbreitung zu verlangsamen. Und das Mittel dafür seien wir selbst. "Ich appelliere an Sie: Halten Sie sich an die Regeln", sagt Merkel. Die Regierung werde stets prüfen, "was sich wieder korrigieren lässt", betont sie zwar, sagt aber vor allem: "was womöglich noch nötig ist". Es sei eine dynamische Situation, die Regierung werde lernfähig bleiben, "um jederzeit umdenken und mit anderen Instrumenten reagieren zu können".

Es wurde über so einiges spekuliert, was die Kanzlerin in ihrer Rede an die Nation ankündigen könnte. Was auch daran lag, dass dieses Format unter Merkel wenig Tradition hat. Eigentlich richtet sie sich ein Mal pro Jahr - an Neujahr - direkt an das Volk. Es musste also wichtig sein. Würde sie womöglich eine Ausgangssperre verkünden, wie das in Frankreich oder Belgien geschehen ist, war die wohl häufigste Vermutung. Nein, Merkel belässt es bei dem Appell, sich an die Regeln zu halten, die nun gelten. Doch sie betont überdeutlich, dass die Regierung diese jederzeit und sofort verschärfen könne. Es ist wie die letzte Warnung der Eltern an die tobenden Kinder, die lautet: "Ich sag es dir ein letztes Mal im Guten."

Der Aufbau der Rede, das deutliche Zeigen von Empathie, Anerkennung und Dank, die deutliche Warnung - das ist ungewöhnlich für Merkel. Auch ist es die Form einer Rede an die Nation. Man könnte es so verstehen: Sie hat aus der Kritik an ihrem Stil gelernt und versucht es im letzten Abschnitt ihrer Kanzlerschaft noch einmal anders. Der impulsive Optimismus von "Wir schaffen das" scheint völlig verschwunden zu sein. Zuversicht ist in ihrer Rede zwar auch zu finden, etwa als sie sagt: "Dass wir die Krise überwinden werden, dessen bin ich mir vollkommen sicher." Jedoch nur gepaart mit den bitteren Fragen: "Aber wie hoch werden die Opfer sein? Wie viele geliebte Menschen werden wir verlieren?" Vielleicht lautet der Grund für den ungewöhnlichen Auftritt aber auch einfach, dass die Lage sehr ernst ist.