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Baden-WürttembergSchüsse auf Security-Mann – und die Spur zum Justizskandal

13.04.2026, 15:51 Uhr
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Ein Security-Mitarbeiter überlebt einen Anschlag nur knapp. Was verbindet den Fall in Tamm mit einem Korruptionsskandal? Und geht es wirklich um einen Konkurrenzkampf?

Heilbronn (dpa/lsw) - Es soll um rivalisierende Sicherheitsfirmen gehen, um mutmaßliche Auftragsgewalt – und einen Skandal, der bis in die Justiz reicht. Eines der Opfer: ein junger Mitarbeiter einer Security-Firma, auf den im vergangenen Mai in Tamm nahe Ludwigsburg gleich mehrfach geschossen wurde. Das Echo dieser Schüsse hallt nach bis ins baden-württembergische Justizministerium.

Denn der mutmaßliche Schütze, der in den kommenden Monaten neben seinem mutmaßlichen Komplizen auf der Anklagebank des Heilbronner Landgerichts sitzt, soll denselben Auftraggeber gehabt haben wie mehrere Justizangestellte in Stuttgart. Auch ihnen droht ein Prozess. Dann wird es vor Gericht aber nicht um versuchten Mord gehen, wie nun in Heilbronn, sondern um Korruption und Bestechung.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Fall:

Was ist in Tamm passiert?

In Tamm (Kreis Ludwigsburg) wurde im Mai vergangenen Jahres ein 23 Jahre alter Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn wirft einem Mann aus den Niederlanden vor, mehrfach auf ihn geschossen zu haben – zunächst erfolglos am Abend vor der Tat, als die Waffe Ladehemmung gehabt haben soll. Und dann erneut einen Tag später. Der mutmaßliche Komplize, ein Landsmann, habe bei der ersten Tat das Auto gefahren. Er sei bei der zweiten Tat nicht mehr in Tamm gewesen, sagte die Staatsanwältin. Beide sind wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes angeklagt.

Äußern sie sich zu den Vorwürfen?

Ja, der mutmaßliche Schütze räumt die Schüsse ein. Er habe aber nicht vorgehabt, sein Opfer zu töten, ließ er zum Prozessauftakt durch seinen Anwalt verlesen. "Er wollte lediglich den Geschädigten einschüchtern und in die Beine schießen", heißt es in der Einlassung. Sein mutmaßlicher Komplize habe Tamm vor den Schüssen verlassen.

Sind die Schüsse Teil einer größeren Serie von Gewalttaten?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Schüsse in Tamm zu einer ganzen Reihe von Taten gehören. Die Sonderkommission "Frost" untersucht eine Serie mutmaßlich zusammenhängender Vorfälle: In der Nacht zum 4. Mai brannte in Bietigheim-Bissingen ein Auto aus. Mehrere Tage zuvor sollen ein Unbekannter oder mehrere Unbekannte in Ludwigsburg auf zwei Männer geschossen haben. Verletzt wurde niemand. Der Anschlag auf den jungen Wachmann gilt als zentrales Tatgeschehen dieser Serie.

Wie kamen die Ermittler vom Anschlag zum Korruptionsverdacht?

Während der Ermittlungen verdichteten sich in der Sonderkommission "Frost" – benannt nach der Kreuzung Friedrich-/Oststraße, wo die ersten Schüsse fielen – Hinweise auf Männer, die nicht nur den beiden mutmaßlichen Schützen den Mordauftrag erteilt haben könnten. Sie könnten auch mit Informationen aus den Reihen der Justiz versorgt worden sein. Über interne Datenabfragen sollte wohl Einfluss auf Ermittlungsverfahren genommen werden. Die Folge: Im November wurden Büros der Staatsanwaltschaft Stuttgart durchsucht. Dabei stießen Ermittler auf ein mögliches Datenleck und Hinweise auf Bestechung.

Worum geht es im mutmaßlichen Korruptionsskandal?

Im Mittelpunkt steht der Verdacht, dass Bedienstete der Staatsanwaltschaft zwischen 2022 und 2025 interne Daten aus dem digitalen Fallverwaltungssystem web.sta abgefragt und an externe Auftraggeber weitergeleitet haben. Sie sollen dafür Geld und Schmuck bekommen haben. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn spricht von einem "kriminellen Datenleck" und einem Bestechungssystem.

Wer ist in diesem Komplex angeklagt – und was wird ihnen vorgeworfen?

Fünf Verdächtige sind angeklagt: zwei Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft – ein Wachtmeister und eine Angestellte im Unterstützungsbereich – sowie drei weitere Verdächtige. Ihnen wird Bestechlichkeit und Verletzung von Dienstgeheimnissen vorgeworfen. Die mutmaßlichen Hintermänner müssen sich wegen Anstiftung zur Verletzung von Dienstgeheimnissen sowie Bestechung verantworten. Das Landgericht Stuttgart entscheidet noch, ob und wann der Fall verhandelt wird.

Warum spielt die Software web.sta eine Schlüsselrolle?

Web.sta ist die zentrale Arbeitsplattform aller Staatsanwaltschaften in Baden-Württemberg – sie verwaltet Ermittlungsakten, hält Fristen und Dokumente vor und ist mit Registern wie dem Bundeszentralregister verknüpft. Erst über den Zugriff auf dieses System wurde ein unerlaubter Datenfluss nach außen überhaupt möglich.

Wie geht es nun juristisch weiter – und welche Verfahren stehen an?

Mit dem Prozess gegen die beiden Niederländer in Heilbronn hat das erste Verfahren in diesem Komplex begonnen. Die Verhandlung könnte auch klären, unter wessen Einfluss sie gehandelt haben – und ob ihre mutmaßlichen Auftraggeber ebenfalls in den Korruptionsskandal verwickelt sind. Parallel prüft das Landgericht Stuttgart die Anklage gegen die beschuldigten Justizmitarbeiter.

Quelle: dpa

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