BayernForscher: Bayerns Rückzug von Klimaziel 2040 fatales Signal

Bayern, das Vorbild, so sieht es die Staatsregierung. Doch wie kommt es an, dass der Freistaat sein Klimaziel kippt? Wissenschaftler warnen vor einem Domino-Effekt - und damit vor deutlichen Folgen.
München (dpa/lby) - Wissenschaftler werten den Ausstieg Bayerns aus dem selbst gesetzten Klimaziel 2040 als verheerendes Zeichen mit Wirkung weit über die Grenzen des Freistaats hinaus. "Auch wenn es für das globale Klima keine große Rolle spielt, ist die Signalwirkung meiner Meinung nach fatal", sagt der Geograf Wilfried Hagg von der Hochschule München.
"Das wirtschaftsstärkste Bundesland in der größten Volkswirtschaft Europas hat großen Vorbildcharakter. Wenn wir der Welt zeigen, dass eine Klimawende ohne Verlust des Wohlstands möglich ist, werden sich Nachahmer finden. Wenn wir jedoch zurückrudern, werden auch andere eher zögern", warnt Hagg, der an der regelmäßigen Messung der dramatisch schmelzenden letzten bayerischen Gletscher beteiligt ist.
Bayerns großer CO2-Fußabdruck
Die Klimaforscherin Julia Pongratz fordert neben einer ambitionierten eine vor allem verlässliche Klimapolitik. Was die Ziele – Treibhausgasneutralität 2045 – und aktuelle Politikmaßnahmen angehe, stehe Deutschland nicht gut da. Das bayerische Treibhausgasneutralitätsziel 2040 sei keineswegs überambitioniert gewesen. "Der CO2-Fußabdruck Bayerns liegt weit über dem Weltdurchschnitt. Die Welt besteht aus 8,3 Milliarden Menschen und etwa 200 Ländern – ein globales Ziel setzt sich immer aus den Einzelbeiträgen zusammen."
Es gehe nicht zuletzt um die Abwägung, wie man die Lebensgrundlage aller gegenüber kurzfristigen Interessen einiger Weniger gewichte - und ob ein Staat zu den wohlhabenden dieser Erde zähle. "Stecken wir unsere Energie in eine nicht mehr zu haltende Gegenwart oder erobern wir die Zukunft?", fragt Pongratz.
"Gerade in einem Land wie Bayern, das sich doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt, in dem Wälder durch Dürreereignisse sterben und eine gesicherte Wasserverfügbarkeit in Zukunft nicht mehr für alle Regionen selbstverständlich sein wird, sollte man sich sehr genau mit diesen Abwägungen auseinandersetzen", sagt die Wissenschaftlerin, die unter anderem Mitglied im Expertenrat für Klimafragen der Bundesregierung, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für natürlichen Klimaschutz der Bundesregierung sowie beitragende Autorin zu den Weltklimaratsberichten ist.
Verantwortung der Wohlstandsregionen
Tobias Hipp, Geowissenschaftler und im Deutschen Alpenverein (DAV) zuständig für Natur- und Umweltschutz, mahnte bereits vor Wochen, Bayern und Deutschland trügen zusammen mit den anderen westlichen Industrienationen eine "nicht diskutierbare Hauptverantwortung" für die in den vergangenen Jahrzehnten verursachten Treibhausgasemissionen.
"Bayern und Deutschland sollten als Vorreiter im Klimaschutz in der Weltgemeinschaft vorangehen und eindeutige Zeichen setzen", sagte Hipp im vergangenen November nach der Weltklimakonferenz in Brasilien. "Diesen klaren Zeichen kommt jetzt eine noch wichtigere Bedeutung zu, nachdem die COP30 in Belém zu keinen klaren und wegweisenden Ergebnissen mit einem Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern gekommen ist."
Ebenfalls im November hatte der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch der Staatsregierung in der "Süddeutschen Zeitung" vorgeworfen, viel zu wenig unternommen zu haben, um die landeseigenen Klimaziele zu erreichen. Lesch sitzt im bayerischen Klimarat, einem unabhängigen wissenschaftlichen Beratungsgremium des Freistaats. "Für uns im Klimarat ist es daher ein Rückschlag, wenn Klimaziele zurückgenommen werden. Ich wäre auch schon fast geneigt gewesen zu sagen: Komm, wir schmeißen den ganzen Laden hin", sagte der 65-Jährige der "Süddeutschen Zeitung".
Zukunft auf Zeit?
Laut dem 2022 verabschiedeten bayerischen Klimaschutzgesetz sollte der Freistaat im Jahr 2040 klimaneutral sein. Nun hat dieselbe Staatsregierung ihr eigenes Ziel gekippt und die Klimaneutralität auf 2045 verschoben.