Berlin & BrandenburgAfD-Sieg in Zehdenick entfacht Debatte um Signalwirkung

Nach Monaten im Provisorium setzt Zehdenick auf einen Neuanfang mit einem AfD-Bürgermeister. Aktivisten sehen ein Warnsignal für Brandenburg, die anderen Parteien suchen nach Erklärungen.
Zehdenick (dpa/bb) - Nach der Wahl eines AfD-Kandidaten zum Bürgermeister in Zehdenick – und damit dem ersten direkt gewählten hauptamtlichen Bürgermeister der Partei in Brandenburg – sprechen Aktivisten gegen Rechtsextremismus von einem Warnsignal für das Land. Am Sonntag war AfD-Kandidat René Stadtkewitz mit 58,4 Prozent der Stimmen im ersten Wahldurchgang zum Bürgermeister der Stadt im Kreis Oberhavel gewählt worden. Damit setzte er sich mit einer klaren Mehrheit gegen seine drei Mitbewerber durch.
Die Wahl eines AfD-Bürgermeisters sei kein isoliertes, lokales Ereignis, teilte der Vorsitzende des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Rassismus in Potsdam, Thomas Wisch, mit. Die große Zustimmung sei besorgniserregend. "Rechtsextremismus wird zur Normalität in Brandenburg."
AfD sieht "unmissverständliches Signal" für Brandenburg
Die Alternative für Deutschland (AfD) wird in Brandenburg vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Die Landespartei geht juristisch dagegen vor. Der AfD-Landesvorsitzende René Springer bewertete den Wahlsieg als "unmissverständliches Signal". Seine Partei sei "längst keine Protesterscheinung mehr, sondern eine politische Kraft mit starkem Rückhalt in der Bevölkerung". Das Ergebnis in Zehdenick sei ein "Vorgeschmack" auf weitere Bürgermeister und Landräte der AfD.
Von der Kritik des Aktionsbündnisses Brandenburg, fühle er sich nicht angesprochen, sagte Stadtkewitz der Deutschen Presse-Agentur. "Ich bin kein Rechtsextremist und will das auch nicht werden." Von seiner Wahl sei er selbst überrascht worden. "Dass ich mit so klarer Mehrheit gewinne, das kam unerwartet." Er sei von einer Stichwahl ausgegangen.
Stadtkewitz: "Die Menschen waren unzufrieden"
Der vorherige Bürgermeister von Zehdenick, Alexander Kretzschmar, hatte im vergangenen Jahr noch deutlich gegen Stadtkewitz durchgesetzt: Bei einer Stichwahl im März 2025 kam der parteilose Einzelkandidat auf 63 Prozent, Stadtkewitz auf 37 Prozent. Nachdem er sich jedoch kurz nach seiner Amtseinführung dauerhaft krankgemeldet hatte, wurde Kretzschmar abgewählt.
Die Stadt sei über Monate geprägt gewesen "von einer Provisorien-Zeit", sagte Stadtkewitz. "Es fehlte wohl an Ausrichtung in der Stadt" – und es habe es eine Sehnsucht nach Verlässlichkeit gegeben. "Die Menschen waren unzufrieden."
Für Brandenburgs SPD-Generalsekretär Kurt Fischer haben vor allem diese kommunalen Faktoren vor Ort die Wahl entschieden. "Es gab einen großen Frust in Zehdenick." Die langen Übergangslösungen hätten dazu geführt, dass die Menschen etwas wählten, das es bisher nicht gab. Das sei aber aus seiner Sicht nicht der Start von vielen weiteren AfD-Siegen auch in Landratsämtern, wie es die Partei vorhersage.
Konkurrenten landeten auf abgeschlagenen Plätzen
Stefan Wollenberg, Landesgeschäftsführer der Linken, warnte derweil: Der AfD-Erfolg in Zehdenick zeige, was passiere, wenn die Demokratie ihren Auftrag nicht mehr erfülle. "Das Ergebnis wurde auch möglich, weil die großen Parteien des demokratischen Spektrums nicht in der Lage waren, ein eigenes oder gemeinsames Angebot zu unterbreiten."
Die Mitbewerber von Stadtkewitz um das Bürgermeisteramt bekamen deutlich weniger Stimmen: Der FDP-Kandidat Stephan von Hundelshausen kam auf 28,6 Prozent, der parteilose Einzelbewerber Wolf-Gernot Richardt auf 7,8 Prozent und Dennis Latzke von der Partei des Fortschritts auf 5,2 Prozent.
Die FDP sprach von einem "Achtungserfolg" ihres Kandidaten, der ein "Angebot aus der Mitte der Gesellschaft" gewesen sei, sagte der Landesvorsitzende Zyon Braun. Der Wahlsieg der AfD trübe die Stimmung jedoch. "Nun hat der Protest gesiegt, und es bleibt offen, wohin sich Zehdenick entwickeln wird."
Amtseinführung voraussichtlich Ende des Monats
In Brandenburg gab es zwar schon einmal einen hauptamtlichen Bürgermeister mit AfD-Parteibuch: Arne Raue in Jüterbog. Dieser war jedoch parteiloser Einzelbewerber, als er 2011 gewählt und 2019 wiedergewählt wurde und trat erst 2024 in die AfD ein. Im vergangenen Jahr wechselte er in den Bundestag.
Stadtkewitz war früher CDU-Abgeordneter in Berlin und brach 2010 mit den Christdemokraten. Er gründete die Partei Die Freiheit, deren Bundesvorsitzender er bis 2013 war. AfD-Mitglied wurde er im Jahr 2024.
Mit seiner Amtseinführung in Zehdenick rechnet Stadtkewitz bis Ende Mai.