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Berlin & BrandenburgDa kiekste: Der Berliner Dialekt im Wandel

09.03.2026, 08:25 Uhr
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(Foto: Alexandra Stober/dpa)

Pfannkuchen oder Berliner? In der Hauptstadt gibt es für Vieles eigene Begriffe. Aber wer berlinert eigentlich noch? Wo der Dialekt heutzutage am meisten gesprochen wird und was von ihm bleiben wird.

Berlin (dpa/bb) - Schrippe, Bulette oder JWD: All das sind bekannte Wörter im Berliner Dialekt. Mit "Berlinerisch. Watt denn, icke?" hat die Hauptstadt sogar ihren eigenen Duden bekommen. Lea Streisand schreibt in dem Buch über die große Stadt - und die Berliner Schnauze. Doch in Zeiten vieler Zugezogener - sei es aus anderen Ländern oder einfach aus Schwaben - stellt sich auch die Frage: Wie viele Menschen berlinern eigentlich noch?

Dazu gibt es keine offiziellen Zahlen - jedenfalls erhebt die Kultursenatsverwaltung keine derartigen Statistiken, wie ein Sprecher in feinstem Berlinerisch sagt. In der akademischen Bezeichnung heißt der Dialekt übrigens Berlinisch und nicht Berlinerisch, erklärt Sprachwissenschaftler Horst Simon von der Freien Universität Berlin (FU). Auch ihm sind Zahlen dazu nicht bekannt.

Was der Mauerfall mit dem Dialekt zu tun hat

Aber: "Die Anzahl der Sprecherinnen und Sprecher von Berlinisch hat massiv abgenommen – und zwar schon zu Mauerzeiten", erklärt Simon. Es gab früher jedoch große Unterschiede, je nachdem, wo in der Stadt man sich befand. "In West-Berlin galt es als unsexy, Berlinisch zu reden." Anders als im Osten: "In der Ostberliner Intellektuellen- und Künstlerszene war es viel weniger verpönt, den Berliner Dialekt zu verwenden."

Nach dem Mauerfall hat sich das allerdings geändert. "Nach der Wende ist es insgesamt weniger geworden, was zum Teil auch damit zusammenhängt, dass die ältere Generation stirbt", erläutert der Sprachwissenschaftler. Und die Jüngeren haben die Mundart deutlich weniger übernommen.

Allerdings gibt es, was das Sprechen von Dialekten angeht, auch in ganz Deutschland große Unterschiede. "Generell ist in Norddeutschland, also unabhängig von Ost und West, der Dialekt am Verschwinden - anders als im Süden, wo Dialekt ganz normal ist", sagt der Experte.

"Jeschichtliches" und Aussprache-Tipps

Die Herausbildung des Berlinischen ist ihm zufolge stark durch die lange Migrationsgeschichte seit dem Mittelalter geprägt. "Ganz ursprünglich war Berlin mal ein slawischsprachiges Gebiet." In Berlin sehe man das heute noch, etwa bei Ortsnamen wie Rudow, Buckow, Spandau oder auch Britz. "Das sind alles typisch slawische Ortsbezeichnungen." Aber auch sächsische, französische und jüdische Einflüsse machen sich bemerkbar.

Der Name Berlin kommt Streisand zufolge vom slawischen "brlo", was so viel heiße wie Sumpf oder Morast. Und der Bär, zum Beispiel auf der Landesfahne, sei ein sogenanntes sprechendes Wappen. Das heißt, erst gab es den Namen, danach folgte erst das Tier im Landeswappen.

In Streisands Buch geht es unter anderem auch um "Jeschichtliches" oder praktische Tipps zum typischen Berliner Satzbau oder zur Aussprache. Einfach bei Wörtern mit "g" ein "j" zu sagen, geht demnach leider nicht immer. Aber generell wird "i" oft zu "ü" - und aus "nichts" wird "nüscht".

Pfannkuchen oder Berliner?

Und auch typische Berliner Begriffe erklärt sie. "Icke" heißt ich, eine "Molle" ist ein Bier, ein Stück Brot wird eine "Stulle" genannt und bei "Muckefuck" handelt es sich um falschen schwarzen Kaffee. Und wer sagen will, dass etwas weit entfernt ist, sagt einfach "JWD" - dann ist etwas nämlich "janz weit draußen".

Und wie heißt denn nun ein ganz bestimmtes Gebäck, das mit Marmelade befüllt und mit Zucker bestreut wird? "Berliner sind nüscht zum Essen", betont Streisand im Duden. Das seien Pfannkuchen. Und was andernorts Pfannkuchen oder Pancakes genannt wird, heiße in der Hauptstadt natürlich Eierkuchen. Also zusammengefasst: "Eierkuchen sind keene Pfannkuchen und Pfannkuchen keene Berliner."

Verschiebung raus in den Speckgürtel

Und wie sieht es jetzt aus, mehr als 35 Jahre nach der Wende? Wenn man heutzutage Berlinisch hören wolle, dann solle man sich am besten raus aus der Stadt bewegen - und etwa nach Königs Wusterhausen oder Nauen fahren, sagt Sprachwissenschaftler Simon. "Die nähere Umgebung von Berlin, der Speckgürtel, ist eigentlich das Rückzugsgebiet des Berlinischen." Das sei mittlerweile sogar eher Berlin-Brandenburgisch.

Es kommen nach wie vor viele Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen in die Hauptstadt - und das "verwässert den lokalen Dialekt", erklärt er. Zudem haben Sprachwissenschaftler beobachtet, dass in Berlin ein Dialektwechsel stattgefunden hat. "Es gibt eine neue Art, in der Innenstadt von Berlin nicht Standarddeutsch zu sprechen. Dieses auf migrantische Ursprünge zurückgehende Deutsch wird in der Wissenschaft "Kiezdeutsch" genannt", so der Experte.

Wie geht es also weiter? "Die Berliner Stadt ist als Migrationszentrum dermaßen divers geworden, dass es witzlos ist, den Dialekt erhalten zu wollen", erläutert Simon. Es gebe allerdings auch Wörter, die man auch künftig noch hören werde. "In Berlin wird man weiterhin lange Zeit noch "Buletten" hören."

Quelle: dpa

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