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Berlin & BrandenburgKein Lärm, kein Müll: Berlinerin bleibt lieber in Guben

13.07.2026, 05:02 Uhr
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Keine Parkplatzsuche, keine Hektik und eine Wohnung, die in Berlin kaum bezahlbar wäre: Anika Franze zog nach einem Probewohnen nach Guben. Wie Kommunen von solchen Projekten profitieren.

Guben/ Görlitz (dpa/bb) - Beim Spaziergang durch Guben schätzt Anika Franze vor allem die kleinen Dinge: "Hier liegt einfach kein Müll herum, niemand stellt hier Sofas auf den Bürgersteig", sagt die gebürtige Berlinerin, die vor zwei Jahren das Experiment Kleinstadt wagte. Als erste Teilnehmerin des Projekts "Probewohnen" entschied sie sich dauerhaft für ein Leben in Guben in der Niederlausitz.

"Ich war fertig mit Berlin"

2024 lud die Verwaltung erstmals Interessierte dazu ein, vier Wochen lang das Leben in der Neiße-Stadt zu testen. Der Umzug aus der Millionenmetropole Berlin in die Stadt mit rund 16.000 Einwohnern fiel Franze nicht schwer. "Ich war wirklich fertig mit Berlin und habe die Entscheidung keinen einzigen Tag bereut", sagt die 39-Jährige.

Viele Kommunen in Brandenburg kämpfen gegen ihren Bevölkerungsschwund und Wohnungsleerstand. Als ein Mittel hat sich das Probewohnen etabliert. Die Idee: Menschen können für ein paar Wochen oder Monate auf Probe in der Stadt wohnen, nehmen an Veranstaltungen teil oder absolvieren Praktika in Betrieben.

Vorreiter ist Görlitz. Die sächsische Stadt bot das Probewohnen bereits 2008 an. Damals sei es zunächst nur darum gegangen, Menschen aus den Außenbezirken in die Innenstadt zu holen, sagt Robert Knippschild vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), der das Probewohnen in Görlitz seit Jahren wissenschaftlich untersucht. Später sei man dazu übergegangen, das Projekt für auswärtige Menschen zu öffnen.

Großstädter auf der Suche nach Lebensqualität

Die meisten Probewohner kommen laut Knippschild aus Großstädten. Sie suchen günstigeren Wohnraum, mehr Platz, weniger Stress und mehr Lebensqualität. Besonders häufig seien Menschen in Umbruchphasen des Lebens: Familien, die mehr Raum brauchen, oder Menschen um die 50, deren Kinder ausziehen und die noch einmal neu überlegen, wo sie leben möchten. "Scheidung und Trennung spielen durchaus häufig eine Rolle", sagt der Wissenschaftler.

Anika Franze erzählt, auch ihr sei die Großstadt einfach zu stressig geworden. Die Wohnungssituation, die Hektik, der Lärm. "Ich hatte den Eindruck, nach der Pandemie und dem Ukraine-Konflikt ist Berlin auch noch mal voller geworden", sagt sie.

100 Quadratmeter für unter 700 Euro

Den entscheidenden Moment erlebte sie nicht bei den offiziellen Aktivitäten in der Probewohnzeit: "Ich lag irgendwann an einem Badesee und habe gemerkt, dass sich in mir gar nicht eine Entscheidung eingestellt hat, sondern eher so ein Gefühl. Und das hat gesagt, ich will hier, glaube ich, erst mal gar nicht mehr weg", erinnert sich Franze.

Heute lebt Franze in einer rund 100 Quadratmeter-Dachgeschosswohnung. Die Warmmiete: unter 700 Euro - für viele Berliner kaum vorstellbar. "Ich habe zwölf Wohnungen besichtigt, ganz allein, ohne andere Mitbewerber", erzählt sie noch immer etwas ungläubig. Auch die Verkehrssituation sei entspannter. "Parkplatzsuche, da denke ich gar nicht mehr drüber nach", so Franze.

Vor allem aber schätzt sie die Ruhe. "Wenn ich im Sommer mit offenem Fenster die Zähne putze, habe ich das Gefühl, meine Zahnbürste ist lauter als draußen", sagt sie über ihr neues Zuhause. In wenigen Minuten ist sie in Wiesen und Feldern, zum Joggen geht es durch eine Landschaft, in der sie kaum jemandem begegnet.

Auch beruflich gebe es viele Freiräume, sagt die gelernte Erzieherin. Sie arbeitet für den Verein Gesundheitscampus in der Lausitz, der junge Menschen auf ihrem Weg ins Medizinstudium unterstützt. "Vier von fünf Abiturienten verlassen die Region. Und die Lausitz steht, wie viele ländliche Regionen, vor dem Riesenproblem der ärztlichen Versorgung", so Franze. Außerdem arbeitet sie im Marketing für eine Wohnungsbaugesellschaft.

Grenzen des Konzepts

Dass das Probewohnen Menschen dauerhaft zum Umzug bewegt, ist allerdings nur ein Teil der Geschichte, der seine Grenzen hat. "Die Schrumpfung wird man wahrscheinlich nicht aufhalten können", sagt Franze. Auch Robert Knippschild betont: "In Görlitz stehen 5.000 Wohnungen leer, so viel Probewohnen können sie ja gar nicht machen, dass sie da irgendwie diese Leerstände signifikant auffüllen", sagt Robert Knippschild.

Für ihn liegt der eigentliche Wert woanders. Städte mit Bevölkerungsverlusten könnten ihre demografische Entwicklung langfristig nur durch Zuzug stabilisieren. Das Probewohnen helfe dabei herauszufinden, wer überhaupt Interesse an solchen Orten hat, welche Erwartungen diese Menschen mitbringen und was sie vor Ort positiv oder negativ erleben.

Aufmerksamkeit als eigentlicher Gewinn

Auch Franze sieht den Erfolg des Projekts nicht allein in den Umzügen nach dem Probewohnen. Der größte Effekt sei die Aufmerksamkeit, die das Projekt erzeuge. "Menschen sind hergezogen, weil sie Berichte über Guben gesehen haben", erzählt sie. Das habe das Image der Stadt nach außen und innen verändert. Viele Einwohner hätten wieder wahrgenommen, welche Qualitäten ihre Heimat hat.

Diesen Aspekt betont auch Bürgermeister Fred Mahro (CDU). "Für uns in Guben ist das Probewohnen ein starkes Marketinginstrument, das die Region und den Strukturwandel in der Lausitz sichtbar macht", sagt er. Die Teilnehmer spiegelten den Verantwortlichen Stärken und Herausforderungen der Stadt wider und lieferten wichtige Hinweise für die Gewinnung neuer Einwohner.

In Guben stößt das Angebot auf großes Interesse. Nach Angaben des Bürgermeisters gab es insgesamt 205 Bewerbungen, davon allein 120 in diesem Jahr. 32 Familien und Einzelpersonen lebten probeweise in Guben. Davon zogen drei Familien und zwei einzelne Personen anschließend in die Stadt. Durch die Berichterstattung seien darüber hinaus weitere Menschen zugezogen. "Von mindestens zehn zusätzlichen geschlossenen Mietverträgen wissen wir", sagt Mahro. Bei Anika Franze sind aus vier Wochen schon zwei Jahre geworden und es könnten noch viele weitere werden. An einen Umzug denkt sie nicht.

Quelle: dpa

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