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Berlin & BrandenburgMehr Freiheit, weniger Takt: Unterricht im Umbruch

03.03.2026, 05:02 Uhr
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Immer mehr Schulen wollen raus aus starren Strukturen. Bei einem Zukunftskongress in Berlin wollen Experten darüber beraten, wie sich die Strukturen aufbrechen lassen.

Berlin (dpa/bb) - 45 Minuten Unterricht, fünf Minuten Pause und gleicher Stoff für alle - so sieht der Alltag an vielen deutschen Schulen aus. Aus Sicht der Bildungsorganisation "Bewirken" ist dieses starre Konzept nicht mehr zeitgemäß. "Schule ist grundsätzlich sehr stark im Gleichschritt gedacht", sagte Geschäftsführerin Judith Holle der Deutschen Presse-Agentur. Dies sei aber nicht unbedingt die sinnvollste Art und Weise, um gute Lern- oder Entwicklungsprozesse zu gestalten. Letztere verliefen extrem individuell, betonte Holle kurz vor dem Start des "Zukunftsforums Lernbegleitung" am Mittwoch in Berlin.

Das Zukunftsforum will Schulen, Behörden und weitere Akteure zusammenbringen, um über systemische Lösungen und die veränderte Rolle von Lehrern als Lernbegleiter zu beraten. Rund 120 Experten aus ganz Deutschland werden dazu erwartet. Zahlreiche Einrichtungen suchen laut Holle derzeit nach Wegen, ihre Lernkonzepte grundlegend neu auszurichten und vom traditionellen Gleichschrittsystem Abstand zu nehmen. "Sehr viele haben das Gefühl, irgendetwas passt da nicht mehr", sagt Holle.

Gleichschritt als Grundproblem

"Bewirken" setzt laut Holle seit Jahren darauf, die Selbstwirksamkeit junger Menschen zu stärken und Schulen bei umfassenden Entwicklungsprozessen zu unterstützen. Das aktuelle System stünde einer zeitgemäßen Pädagogik oft im Weg. Schule sei aktuell ein Ort, in dem Beteiligungen, Selbstwirksamkeitserfahrung, Persönlichkeitsentwicklung Themen seien, die in den vorhandenen Strukturen nicht so leicht umzusetzen seien, so Holle. Schulen, die sich verändern wollen, erprobten daher zunehmend alternative Formate: projektorientiertes Lernen, Lernbüros oder flexible Selbstlernzeiten.

Von kleinen Schritten bis zur Abschaffung des Unterrichts

Die Bandbreite der Reformen sei groß. Manche Schulen reduzieren demnach zunächst nur starre Taktungen, andere gehen weiter: "Manche verabschieden sich quasi vom Unterricht und schaffen ganz viele neue Lernformate, etwa projektorientiertes Lernen", sagt Holle. Dabei entstehe eine Mischung aus selbstgesteuerten Lernphasen und gemeinschaftlichen, sozial eingebetteten Lernmomenten. Laut Holle ist der Veränderungswille inzwischen vielerorts spürbar: Es gebe ein großes Bewusstsein in vielen Schulen, dass das traditionelle System nicht funktioniere und alle erschöpfe.

KI als Beschleuniger

Künstliche Intelligenz (KI) sieht Holle nicht als Bedrohung: "KI ist ein Katalysator für Entwicklungen, die ohnehin schon vorhanden sind", so die Expertin. Künstliche Intelligenz könne Lernprozesse individualisieren und Lehrkräfte entlasten. Entscheidend sei jedoch, dass Schüler verstehen, wie sie KI sinnvoll und kritisch nutzen. Sich einfach nur Hausaufgaben ausspucken zu lassen, biete keinen Mehrwert für den eigenen Lernprozess.

Lehrkräftefortbildung als Schwachstelle

Viele Lehrkräfte fühlten sich von der Geschwindigkeit des Wandels überfordert, berichtet Holle. Geräte fehlten, digitale Kompetenzen seien ungleich verteilt, und Fortbildung sei kaum systematisch organisiert. Es gebe ganz wenig strukturierte, strategische Herangehensweise dafür, wie lebenslanges Lernen im Lehrerberuf stattfinde. Und das in einer Zeit rasanter Entwicklungen.

Quelle: dpa

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