Hamburg & Schleswig-HolsteinCoole Karl-May-Pferde in Explosionen und Kampfgetümmel

Countdown bei den Karl-May-Spielen: Am 27. Juni feiert das neue Stück "Im Tal des Todes" Premiere in der Kalkberg-Arena. Auch die Pferde werden trainiert, bei ihrem großen Auftritt cool zu bleiben.
Groß Rönnau (dpa/lno) - Chico grast friedlich, die Sonne scheint, es ist ein ruhiger Vormittag auf dem Reiterhof. Plötzlich ein lauter Knall: Der fünf Jahre alte Wallach schreckt zusammen und reißt seinen Kopf nach rechts. Er beobachtet sofort die anderen Pferde auf der weitläufigen Koppel, die mit ihren Reiterinnen gut 40 Meter entfernt von ihm traben. Dort drüben ist der Schuss gefallen.
Chico erkennt: Sie bleiben bei dem Knall ganz ruhig. "Junge Pferde gucken sich sehr viel von den Reaktionen der älteren ab", sagt Sylvia Kassel, die Chico an der Leine hält. "Das entspannt die ganze Herde." Die 59-Jährige ist seit 1995 die Chefin des Karl-May-Reitstalls. Den Karl-May-Spielen ist sie sogar noch länger verbunden: Von 1985 bis 1988 war sie bereits als Reiterkomparsin dabei.
Bei den nächsten Schüssen aus den Schreckschuss-Revolvern lässt sich Chico nicht mehr aufscheuchen. Ruhig grast er weiter, auch, als die Reiterinnen, die die Schüsse abfeuern, deutlich näherkommen. Der junge Wallach hat schnell gelernt, dass ihm davon keine Gefahr droht. Bald wird er selbst in der Arena reiten. Chico und Charlie sind in diesem Jahr die einzigen beiden Neulinge unter den Pferden bei den Karl-May-Spielen.
Geräumige Ställe
14 Pferde, die von 27. Juni an bei den Karl-May-Spielen mitwirken, leben auf dem Reiterhof Behnk in Groß Rönnau, knappe zehn Kilometer von Bad Segeberg entfernt. Sie haben geräumige Stallungen, in denen sie sich sogar auf einer Liegefläche auf Stroh ausruhen können. Denn das tägliche Training ist anstrengend. Gefüttert werden sie elektronisch gesteuert, je nach Bedarf.
Damit die Pferde bei den lauten Aufführungen nicht scheuen, ist das Schießtraining auf der Koppel enorm wichtig. Waffenmeister Horst Lipsius hat dafür die Reiterinnen zuvor mit den Schreckschuss-Waffen und Munition ausgerüstet. Die Tiere müssen im wahrsten Sinne des Wortes cool bleiben, auch wenn es direkt neben ihnen knallt und zischt und Feuer lodert.
"Auf die Pferde kommt in relativ kurzer Zeit viel zu", sagt Sylvia Kassel. Krachende Schüsse, die Pyrotechnik, die laute Musik, die wilden Kutschfahrten, die Kampfszenen, die vielen tausend Menschen im Publikum, die Lärm machen und klatschen - das ist stressig.
Training mit ungewohnten Reizen
Optischen Ablenkungen ist die nächste Trainingseinheit gewidmet. Anna Weiler, Pferdewirtschaftsmeisterin und die "rechte Hand" von Sylvia Kassel, reitet den Rappen Oro, Friederike Schwarzbach den gescheckten Johnny und Venna van Ohlen reitet Rio. Sie haben jeweils Fahnen in der rechten Hand und halten beim Trab ihre Pferde eng zusammen. So sollen die Tiere lernen, sich auch von flatterndem Stoff nicht irritieren zu lassen.
Um ungewohntes Geläuf zu simulieren, haben die Trainerinnen eine Bahn mit einer "Knisterplane" aus Plastik ausgelegt, über die die Pferde mehrere Male langsam gehen sollen. Zuerst schreiten sie zögerlich voran und blicken auf den fremden Untergrund, aber nur kurze Zeit später nach ein paar Runden haben sie auch diese Lektion gelernt und passieren die Bahn ohne Probleme.
Drei Jahre Ausbildung
Zwischen den Spielzeiten von September bis Mai leben die Karl-May-Pferde auf dem Reiterhof. Dort trainieren sie Koordination und Beweglichkeit, machen Ausritte durch die Wälder und das Gelände in der Umgebung. Pferde müssen etwa drei Jahre ausgebildet werden, bevor ein Schauspieler sie reiten kann.
Von den elf Schauspielerinnen und Schauspielern im aktuellen Stück reiten neun. Die ersten von ihnen waren schon im Januar zum Reittraining hier. "Oft trainieren sie in Blöcken von drei bis vier Tagen Dauer", sagt Reitstall-Chefin Kassel.
Ende Mai werden die Pferde vom Reiterhof nach Bad Segeberg geritten. In der Kalkberg-Arena wird das Training noch einmal intensiviert. Während der Proben und der Zeit der Vorstellungen sind die Pferde in einem Stall und einer Koppel in der Nähe der Arena untergebracht. Dazu kommen noch acht Pferde von Stuntmännern sowie vier Kutschpferde. Insgesamt machen 26 Pferde bei den Aufführungen mit.
Am Samstag der fünften Probenwoche ist Premiere von "Im Tal des Todes". Der 18 Jahre alte Rappe Oro ist schon seit zehn Jahren bei den Karl-May-Spielen das Winnetou-Pferd Iltschi dabei - ein erfahrenes Pferd. "So erfahren, dass er immer dann, wenn er die ersten Töne der Winnetou-Melodie hört, schon loslaufen will", sagt Sylvia Kassel und lacht.